Die Dorferneuerung

 

"Bermuthshain - das neue Dorf": Unter diesem Motto präsentierte der örtliche Landmännerverein die Ergebnisse bzw. in Ausführung begriffenen Projekte aus acht Jahren Dorferneuerung in Bermuthshain am Hessentag 2008 in Homberg (Efze). Von links nach rechts und von oben nach unten die Übernachtungsscheune "Zur Wilden Frau", die Aussichtsplattform an der alten Sprungschanze, das Unterdörfer Backhaus mit Buswartehäuschen, das Dorfgemeinschaftshaus, die alte Schule (Muna-Museum) und das Anwesen Lenk (Hofreite "Dammburgersch").
 

Bermuthshain und das Dorferneuerungsprogramm

Zwischen 1999 und 2011 wurde das Ortsgeschehen in Bermuthshain von einem großen Projekt bestimmt, nämlich der "Dorferneuerung", die seit der Aufnahme in das gleichnamige Förderprogramm der hessischen Landesregierung in der Durchführung begriffen ist. Bermuthshain war einer von sechs Ortsteilen der Großgemeinde Grebenhain, die bislang durch das hessische Dorferneuerungsprogramm gefördert wurden. Zuvor wurde bereits im Ortsteil Crainfeld von 1983 bis 1991 und im Kernortsteil Grebenhain von 1991 bis 1999 eine solche Dorferneuerungsmaßnahme durchgeführt. Im Jahr 1999 wurde auch der Ortsteil Steigertal in das Programm aufgenommen, wobei es sich eigentlich um drei Dörfer (Heisters, Wünschenmoos, Zahmen) handelte, und parallel zu Bermuthshain gefördert.

Nach Ablauf der Dorferneuerung in Bermuthshain und Steigertal sollte wieder ein anderer Ortsteil von Grebenhain, und zwar entweder Nösberts-Weidmoos oder Herchenhain, in das Programm aufgenommen werden. Die Entscheidung wurde im Dezember 2008 schließlich zugunsten der Doppelortschaft Nösberts-Weidmoos getroffen, das damit als letzter Ortsteil von Grebenhain nach den ursprünglichen Richtlinien gefördert wird. Seit 2011 ist das hessische Dorferneuerungsprogramm dahingehend weiterentwickelt worden, dass nicht mehr ein einzelner Ortsteil, sondern mehrere oder auch alle Ortsteile einer Großgemeinde zur gleichen Zeit im Rahmen eines "Integrierten kommunalen Entwicklungskonzepts" gefördert werden. Dieses Konzept wird zur Zeit als Pilotprojekt in der Stadt Schotten umgesetzt. Als zweite Gemeinde in Hessen wird 2012 die Großgemeinde Grebenhain in das "neue" Dorferneuerungsprogramm aufgenommen. Hierbei sollen insbesondere die Ortsteile Herchenhain und Ilbeshausen-Hochwaldhausen gefördert werden.

Die ersten Bermuthshainer Bemühungen um die Aufnahme in das Dorferneuerungsprogramm des Landes Hessen datieren bereits in die Mitte der 1980er Jahre. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Dorfgeschehen bereits von einem anderen "Großprojekt" bestimmt, nämlich der von 1978 bis 1996 durchgeführten zweiten Flurbereinigung. Außerdem liefen in dieser Zeit gerade die ersten Maßnahmen der Dorferneuerung im Nachbarort Crainfeld an. Im Jahr 1986 beschloss daher der Ortsbeirat von Bermuthshain unter dem damaligen Ortsvorsteher Heinrich Schlotthauer III., sich ebenfalls um die Aufnahme in das Dorferneuerungsprogramm zu bemühen, welches dann durchaus sinnvoll parallel zur Flurbereinigung hätte durchgeführt werden können. Ein entsprechender Antrag des Bermuthshainer Ortsbeirates wurde im gleichen Jahr bei der Gemeindevertretung der Großgemeinde Grebenhain gestellt, von dieser jedoch abgelehnt. Man verwies auf die noch "gute Bausubstanz" in Bermuthshain, welche eine Förderung durch die Dorferneuerung noch nicht erforderlich mache, obgleich eine Vielzahl alter Häuser im Ortskern in Wahrheit bereits damals einer behutsamen Sanierung bedurft hätte, um den regionaltypischen Charakter des Vogelsbergdorfes wenigstens noch teilweise zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Dies traf allerdings auch für sämtliche anderen Grebenhainer Ortsteile zu.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Zweck des Dorferneuerungsprogrammes ist in erster Linie nicht per se die Wiederherstellung bzw. Erhaltung traditioneller regionaltypischer Ortsbilder und kulturhistorischer Bausubstanz war und ist. Das bereits von 1969 bis 1981 als Förderprogramm "Dorfentwicklung in Hessen" bestehende und 1982 als "Landesprogramm zur Erneuerung der hessischen Dörfer - Dorferneuerungsprogramm" neu aufgelegte Programm soll vor allem den vielfältigen negativen Folgen des wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandels, der z. T. eine Folge vorangegangener Modernisierungspolitik des Staates selbst ist, auf den ländlichen Raum begegnen.

 

"Doktersch" Haus während der Sanierung im Sommer 2008. Auf dem Bild zu sehen ist die Rekonstruktion der ursprünglichen Fachwerkwand im Obergeschoss, wie sie vor dem Umbau des Hauses 1937 aussah.
 

Mit der Ablehnung des ersten Antrags von 1986 war das Thema "Dorferneuerung" in Bermuthshain vorerst wieder von der Tagesordnung verschwunden. Erst Anfang des Jahres 1999 wurde der Gedanke einer Aufnahme von Bermuthshain in das Dorferneuerungsprogramm erneut aufgegriffen. Das es dazu kam, ist allein darauf zurückzuführen, dass zu dieser Zeit der Abriss der alten Schule, des denkmalgeschützten Wahrzeichens von Bermuthshain, fast schon beschlossene Sache war. Das 1829/30 erbaute frühere Schulhaus war mittlerweile in einem so schlechten baulichen Zustand, aufgrund der jahrzehntelangen Verwahrlosung, dass nur der finanzielle Kraftakt einer umfassenden Sanierung das Baudenkmal noch retten konnte. Aus diesem Grund entschied sich der Bermuthshainer Ortsbeirat unter dem damaligen Ortsvorsteher Wilfried Pfannstiel für einen erneuten Antrag auf Aufnahme in das Dorferneuerungsprogramm des Landes Hessen, um in diesem Rahmen die alte Schule sanieren zu können. Dieser Antrag wurde dann am 18.2.1999 gestellt.

Im Unterschied zur Situation 13 Jahre zuvor standen diesmal die Chancen für Bermuthshain bedeutend besser, da zum Jahresende 1999 auch die Dorferneuerung im Kernortsteil Grebenhain auslief und die erneute Aufnahme eines Ortsteils der Gemeinde vom Amt für Regionalentwicklung, Landschaftspflege und Landwirtschaft (ARLL) Lauterbach vorgeschlagen wurde. Kurz nach dem Bermuthshainer Antrag beschlossen dann aber auch die Vertreter des Grebenhainer Ortsteils Steigertal, welcher eigentlich aus den drei Ortsteilen Heisters, Wünschenmoos und Zahmen besteht und vor 1972 eine selbstständige Gemeinde war, ihrerseits einen Antrag auf Aufnahme in die Dorferneuerungsförderung. Diese war ihnen bereits 1983 als Nachfolgeprojekt der Dorferneuerung Crainfeld durch die Gemeinde zugesagt worden. Da die Förderung von gleich zwei (eigentlich vier) Ortsteilen einer Gemeinde im Rahmen des Programms wenig realistisch erschien, musste eine Entscheidung zwischen Bermuthshain oder Steigertal fallen. Ohne Chance war die ebenfalls vorgeschlagene Förderung von Herchenhain durch ein Dorferneuerungsverfahren, da hierfür nicht genügend Interesse im Ort bestand.

Am 7.10.1999 fand dann in Volkartshain eine denkwürdige öffentliche Sitzung der Gemeindevertretung statt, in deren Verlauf sich für die anwesenden Bermuthshainer zunächst eine herbe Enttäuschung anbahnte. Die Mehrheit der Grebenhainer Gemeindevertreter entschied sich nämlich dafür, Steigertal und nicht Bermuthshain, das ja als erstes den Antrag gestellt hatte, in das Dorferneuerungsprogramm aufnehmen zu lassen. Mit dieser Entscheidung war jedoch das zuständige Amt für ländlichen Raum im hessischen Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und ländlichen Raum nicht einverstanden und beantragte seinerseits die Aufnahme von Bermuthshain in das Dorferneuerungsprogramm. Dieser Antrag wurde dann durch das Land Hessen auch genehmigt. Somit war Bermuthshain doch noch unter den durch das Programm geförderten Orten. Da wenig später auch der Antrag der Grebenhainer Gemeindevertreter zugunsten von Steigertal genehmigt wurde, waren zum ersten Mal in der Geschichte des hessischen Dorferneuerungsprogramms zwei Ortsteile einer Gemeinde gleichzeitig Bestandteil der Fördermaßnahmen. Beide Projekte in Bermuthshain und Steigertal (Heisters/Wünschenmoos/Zahmen) wurden durch das Architekturbüro Kind & Rausch in Fulda betreut, während die vorherigen Maßnahmen in Crainfeld und Grebenhain durch die Arge PAS & Partner in Darmstadt geleitet worden waren.

  

Dorfgemeinschaftshaus Bermuthshain während der dreijährigen Umbauphase im Jahr 2004.

 

Am 18.5.2000 begann die Klärungsphase der Dorferneuerung mit dem 1. Dorfforum im DGH Bermuthshain, um im Rahmen einer öffentlichen Diskussion die bereits im September 1999 vorgeschlagenen Aufgabenschwerpunkte der Dorferneuerung zu besprechen und zu präzisieren sowie Nutzungskonzepte vorzustellen. Noch vier weitere Dorfforen fanden im Jahr 2000 statt. Dabei rückte anstelle der alten Schule, aufgrund der die Dorferneuerung zustande gekommen war, die 1952 fertiggestellte neue Schule (das Dorfgemeinschaftshaus) in den Mittelpunkt des Programms, da dieses Gebäude nach fast 23 Jahren der DGH-Nutzung ebenfalls sanierungsbedürftig war und nicht mehr den heutigen Ansprüchen an ein Bürgerhaus genügte.

Auf dem 5. Dorfforum am 29.11.2000 wurden schließlich die folgenden Projekte beschlossen, hier in der Reihenfolge der ihnen zugewiesenen Priorität aufgeführt: 1. Sanierung des Dorfgemeinschaftshauses mit Umfeldgestaltung und Jugendraum, 2. Sanierung des Backhauses und Umfeldgestaltung, 3. Historische Sprungschanze/Tourismusentwicklung, 4. Jugendraumgestaltung, 5. "Alte Schule": Sanierung des Gebäudes und Gestaltung der Außenanlage, 6. Lindenplatz: Neugestaltung mit Einfriedung, Pflasterung und Begrünung, 7. "Bauen, Gestalten und Grün im Dorf", 8. Naturerlebnispfad, 9. Dorfladen, 10. Mädchenprojekt, 11. Wiegehaus: ggf. Abbruch und Gestaltung des Platzes mit Bänken und Infotafel, 12. Friedhofshalle und Umfeld, 13. Dorfchronik.

Im Jahr 2001 war die Klärungsphase abgeschlossen und es konnten die Arbeitskreise für die einzelnen Projekte gebildet werden. Den Anfang machte der am 20.7.2001 gebildete Arbeitskreis DGH. Der Projekt- und Maßnahmenkatalog zur Dorferneuerung enthält die im Folgenden aufgeführten Projekte als Bestandteil des "Örtlichen Handlungskonzeptes" (ÖHK).

 

Der Umbauplan für Außenanlagen des Dorfgemeinschaftshauses.

 

Dorferneuerung Bermuthshain - Maßnahmenkatalog (2001)

 
Nr. Priorität Projekt/Maßnahme Investitionsrahmen
1a 1 Sanierung und Umbau des Dorfgemeinschaftshauses und Neugestaltung des Jugendraumes 460.000,-- €
1b 1 Umfeldgestaltung am Dorfgemeinschaftshaus 175.000,-- €
2 5 Sanierung der alten Schule und Neugestaltung der Außenanlagen, Erhalt der Nutzung als Betsaal 230.000,-- €
3 1 Erweiterung und Sanierung der Maschinenhalle ("Festhalle"), inkl. Einrichtung von Verkaufsraum und Toiletten 240.000,-- €
4 2 Sanierung des Backhauses und des Backofens inkl. Fassadensanierung, Neugestaltung der Buswartehalle und des Umfeldes 145.000,-- €
5 12 Neugestaltung des Friedhofsgeländes durch intensivere und ortstypische Begrünung und ggf. Erweiterung der Friedhofshalle 50.000,--€
6 11 Umgestaltung, ggf. auch Abbruch, des Wiegehauses und Neugestaltung des Platzes mit Baumpflanzung, Bänken und Infotafel 55.000,-- €
7 6 Neugestaltung des Lindenplatzes mit Einfriedung und Pflasterung in Eigenleistung 30.000,-- €
8 3 Entwicklung der historischen Sprungschanze zu einer "Attraktion" im Rahmen eines Tourismuskonzeptes 8.000,-- €
9 3 Entwicklung einer Tourismuskonzeption 35.000,-- €
10 7 Durchführung von Informationsveranstaltungen zum Thema "Bauen, Gestalten und Grün im Dorf" 3.000,-- €
9 Projekt "Dorfladen" 3.000,-- €
10 Durchführung eines Mädchenprojektes 3.000,-- €
4 Schaffung von Möglichkeiten zur Mithilfe der Jugendlichen bei der Gestaltung des Jugendraumes 30.000,-- €  
8 Entwicklung eines Naturerlebnispfades im Rahmen eines Tourismuskonzeptes
13 Erarbeitung einer Dorfchronik
11 - Erarbeitung eines städtebaulichen Konzepts zur künftigen Ortskernentwicklung 10.000,-- €
12 - Betreuung/Moderation des Arbeitskreises Dorferneuerung 8.000,-- €
13 - Erarbeitung einer Dorferneuerungs-Broschüre 12.000,-- €
14 - Beratung privater Bauherren im Rahmen der Dorferneuerung 2000-2008 80.000,-- €
Kosten insgesamt 1.542.000,-- €
 
Die aufgeführten Kosten sind lediglich Näherungswerte. Zu berücksichtigen ist, dass der ursprüngliche Maßnahmenkatalog aus dem Jahr 2001 später noch einige Änderungen erfuhr. So wurde z. B. die "Festhalle" am Marktplatz (hier aufgeführt) erst nachträglich als Dorferneuerungsmaßnahme aufgenommen. Die ursprünglich auch einmal geplante Dorferneuerungsbroschüre, wie sie in vergleichbarer Form bei den Dorferneuerungen in Crainfeld und Grebenhain erschienen ist, fand keine Realisierung. Nicht aufgeführt sind etwaige private Maßnahmen. Diese waren nach den Richtlinien des Dorferneuerungsprogrammes im übrigen auf den historischen Ortskern beschränkt.

Ab dem Spätsommer 2003 wurde die Finanzierung der vorgesehenen Projekte durch das Land bewilligt, so dass noch im gleichen Jahr mit den ersten tatsächlichen Bau- und Umbaumaßnahmen begonnen werden konnte. Die Frist ab, innerhalb der noch Anträge auf Förderung durch das Dorferneuerungsprogramm gestellt werden können, lief am 30.9.2007 ab. Spätere Projekte waren daher nicht mehr möglich. Auf der folgenden Seite wird die Dorferneuerung anhand der einzelnen bisher realisierten oder noch geplanten öffentlichen und privaten Projekte dargestellt.

 

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