Bermuthshain im Nationalsozialismus

 

Aufmarsch der "brauen Bataillone" in der Ober-Mooser Straße in Bermuthshain. Für fast eineinhalb Jahrzehnte war das Dorf eine lokale "Hochburg" des Nationalsozialismus. Das hier abgebildete Foto zeigt wahrscheinlich einen Propagandamarsch der örtlichen SA anlässlich eines Jahrestages der "Machtübernahme", möglicherweise sogar kurz danach am 3.2.1933. Vorne Sturmführer Heinrich Schlotthauer II. ("Annas"), in der zweiten Reihe von links Karl Blum ("Blums"), Heinrich Oechler ("Grohe", mit der Ortsgruppenfahne) und Ernst Dietrich ("Scheffersch").

 
Die düsterste Zeit in der jüngeren Geschichte von Bermuthshain waren zweifellos jene eineinhalb Jahrzehnte, zwischen 1929/30 und 1945, in denen das Dorf ein lokaler Mittelpunkt der nationalsozialistischen "Bewegung" war. Noch viele Jahrzehnte danach besaß Bermuthshain, besonders innerhalb der älteren Generation, den höchst zweifelhaften Ruf einer "Hochburg" der NSDAP und galten seine Bewohner gar als "stramme Nazis". Aber auch der Vogelsberg als ganzes war eine der Regionen im heutigen Bundesland Hessen, in denen sich der Aufstieg der Nationalsozialisten zu einer alles dominierenden politischen Kraft schon sehr früh und sehr schnell vollzog. Ungeachtet dieser Tatsache ist die historische Aufarbeitung des Aufstiegs und der Herrschaft der Nationalsozialisten namentlich für das Gebiet des Altkreises Lauterbach auch nach über 60 Jahren noch äußerst unbefriedigend bzw. fand zu weiten Teilen noch überhaupt nicht statt. Dies steht in völligem Kontrast zu den schon jahrzehntelangen Bemühungen in anderen Teilen Hessens und der Bundesrepublik. Bis heute existiert nicht einmal eine handvoll wissenschaftlicher Arbeiten, welche die Durchsetzung der NSDAP im früheren Kreis Lauterbach zum Thema haben. Die jüngste ist der im Hessischen Jahrbuch für Landesgeschichte 2006 unter dem Titel "Die Nationalsozialisten im Kreis Lauterbach" veröffentlichte Aufsatz des Autors.

Diese Seite stellt den Aufstieg der NSDAP sowohl im örtlichen wie auch im regionalen Zusammenhang in den Jahren von 1929 bis zur "Machtübernahme" dar. Ein eigener Abschnitt ist der NSDAP-Ortsgruppe und dem SA-Sturm, beide 1930 gegründet, wie auch den übrigen örtlichen "Gliederungen" der "Partei", zugewiesen. Gleiches gilt für das Jahr der "Machtübernahme" 1933 und das Alltagsleben in Bermuthshain im "Zwölfjährigen Reich" und seine zunehmende Durchdringung durch den Nationalsozialismus. Für die Geschehnisse im Ort während des Zweiten Weltkrieges muss hier auf den separaten Bereich über die Kriegsschicksale des Dorfes Bermuthshain verwiesen werden.

Wichtiger Hinweis: Die Abbildung historischer Fotografien und Dokumente mit Hakenkreuzen und sonstigen nationalsozialistischen Symbolen auf dieser Seite erfolgt gemäß § 86 III StGB ausschließlich zum Zweck der staatsbürgerlichen und historischen Aufklärung!

 

Historische Hintergründe des Nationalsozialismus im Vogelsberg

Die großen Wahlerfolge der NSDAP in der Vogelsbergregion schon ab 1929/30 waren historisch betrachtet keineswegs ein Zufall. Vielmehr profitierten die Nationalsozialisten von einer im ländlich-evangelischen Hessen fest verwurzelten politisch rechten Orientierung, die letzten Endes auf die Bewegung des politischen Antisemitismus seit dem späten 19. Jahrhundert zurückging. Die pauschale und bis heute in der Öffentlichkeit populäre These, die NSDAP sei allein aufgrund der Weltwirtschaftskrise und von arbeitslos gewordenen Industriearbeitern gewählt worden, ist historisch völlig unzutreffend und von der Geschichtswissenschaft längst widerlegt.

Obwohl sie im Vogelsberg heute nahezu vergessen ist, war die unter mehreren Parteienbezeichnungen firmierende Antisemitenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg die bedeutendste und folgenreichste politische Kraft in der Region. Ihr Aufkommen fällt in die 1880er Jahre, eine Zeit, in der die kleinbäuerliche Landwirtschaft im gesamten oberhessischen Raum in einer tiefen strukturellen Krise steckte. Bedrängt von ausländischen billigen Getreideimporten und der zunehmenden Industrialisierung, waren viele Landwirte und Handwerker hoch verschuldet und verarmt. Die Auswanderung nach Nordamerika erreichte in dieser Zeit einen Höchststand. Das Kredit- und Genossenschaftswesen war noch höchst unzureichend entwickelt und die Erfahrung in der neuen liberalen Marktwirtschaft bei vielen Bauern gering. Die tatsächlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Agrarkrise und auch eigene Fehler wurden jedoch kaum wahrgenommen. Stattdessen schob man die Schuld für Verarmung und Not oftmals den privaten Geldverleihern und Viehhändlern zu, die in Oberhessen oftmals der bedeutenden jüdischen Bevölkerungsminderheit angehörten.

Noch bis Ende der 1880er Jahre war die bäuerliche Bevölkerung des Vogelsberges kaum politisiert. Bei den Reichstagswahlen gewannen stets Kandidaten der Nationalliberalen Partei bei einer eher schwachen Wahlbeteiligung. 1887 zog der Marburger Bibliothekar und Volksliedforscher Otto Böckel, von seinen Anhängern zum "hessischen Bauernkönig" stilisiert, für die Antisemiten im Wahlkreis Marburg-Kirchhain in den Reichstag ein. Vom preußischen Kurhessen breitete sich die antisemitische Bewegung in Form von Organisationen wie dem "Mitteldeutschen Bauernverein" und der "Antisemitischen Volkspartei" rasch in die benachbarte Provinz Oberhessen aus. 1889 wurden in Bermuthshain und Grebenhain Ortsgruppen des Mitteldeutschen Bauernvereins gegründet. Insbesondere im zeitlichen Umfeld der Reichstagswahlen entwickelte sich eine bis dahin unbekannte politische Mobilisierung der bäuerlichen Bevölkerung durch die Antisemiten, geprägt durch große Wahlveranstaltungen in Sälen oder unter freiem Himmel. In Crainfeld, dem Ort der großen jüdischen Gemeinde in der Region, kam es zeitweise sogar zur Boykottierung jüdischer Geschäfte und tätlichen Angriffen auf jüdische Ortseinwohner. Später sollten sich die Nationalsozialisten ganz offen als politische Erben der antisemitischen Bewegung sehen, wie auch die noch lebenden Angehörigen dieser Parteien sich selbst als Vorläufer der NSDAP betrachteten.

Bei den Reichstagswahlen 1890 siegte der Antisemit Oswald Zimmermann im Wahlkreis Alsfeld-Schotten-Lauterbach mit einer Mehrheit von 70,5%. 1893 folgte ihm Friedrich Bindewald mit 54,2%. Er blieb bis zur Reichstagswahl 1912 der Reichstagsabgeordnete des Wahlkreises. Unterbrochen wurde die antisemitische Erfolgsserie nur noch einmal, 1903, durch den Nationalliberalen Karl Wallau. Die Wahlbeteiligung war stets sehr hoch. Die Sozialdemokratie trat in dem weitgehend "industrielosen" Wahlkreis erst 1893 in Erscheinung und blieb im Kreis Lauterbach im wesentlichen auf die Kreisstadt selbst beschränkt. In den Dörfern überwogen stets die antisemitischen Parteien, die unter Namen wie "Deutsche Reformpartei",  "Deutschsoziale Reformpartei" und zuletzt  "Wirtschaftliche Vereinigung" zur Wahl antraten. Für die bäuerliche und handwerkliche Bevölkerung auf dem Land war die SPD wegen ihrer alleinigen Ausrichtung auf das städtische industrielle Proletariat und ihrer marxistischen Ideologie im Grunde genommen bis 1933 nahezu unwählbar.

Die politische Orientierung des Kreises Lauterbach blieb auch nach Ende des Ersten Weltkrieges 1918 und dem Übergang von der Monarchie zur Republik erhalten. Der neue demokratisch-parlamentarische Staat der "Weimarer Republik" fand im ländlichen Vogelsberg kaum Rückhalt. Anfang 1919 wurde in Friedberg der Hessische Bauernbund als Interessenspartei der gerade in Oberhessen überwiegenden Klein- und Mittelbauern gegründet. Er verstand sich als Nachfolgeorganisation einer schon 1890 bis 1904 bestehenden und ihrerseits auf die antisemitische Böckel-Bewegung zurückgehenden Organisation gleichen Namens. Der HBB war die dominierende politische Partei in den meisten evangelischen Dörfern Oberhessens. Sein prominentestes Mitglied im Kreis Lauterbach war kein geringerer als der Bermuthshainer Bürgermeister Friedrich Jost, der von 1921 bis zu seinem Tod 1931 für den HBB dem Landtag des Volksstaates Hessen angehörte.

In Bermuthshain wie der Mehrheit der Vogelsbergdörfer erzielte der HBB, ab 1927 Hessischer Landbund bzw. Hessisches Landvolk genannt, stets Wahlergebnisse von 80-90% der örtlichen Stimmen. Bezogen auf den gesamten Kreis Lauterbach wurde der HBB bei den Reichstagswahlen am 7.12.1924 mit 36,8 % zur stärksten Partei gegenüber der SPD mit 24,8% und den Rechtsparteien DNVP (Deutschnationale Volkspartei) mit 11,7% und DVP (Deutsche Volkspartei) mit 10,8%. Die schon seit 1920 stets erkennbare Mehrheit der rechtsgerichteten Parteien bestätigte sich auch bei der Neuwahl des Reichspräsidenten im Jahr 1925. Im ersten Wahlgang am 20.3.1925 entschieden sich 62,6% der Wähler im Kreis Lauterbach für den von DNVP und DVP unterstützten Karl Jarres. Im zweiten Wahlgang stimmten dann 72,9% für den letztendlichen Wahlsieger Paul von Hindenburg, den Kandidaten der im „Reichsblock“ zusammengeschlossenen Rechtsparteien. Bei den letzten Reichstagswahlen in den sogenannten „guten Jahren“ der Republik am 20.5.1928 trat die Christlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei (CNBL) an die Stelle des HLB. Die CNBL stammte ursprünglich aus Thüringen. Im Februar 1928 hatte sich Wilhelm Dorsch, der als oberhessischer Abgeordneter des HLB bis dahin der DNVP-Reichstagsfraktion angehörte, der neu gegründeten CNBL angeschlossen. Fortan identifizierte sich der HLB mit der CNBL. In der Reichstagswahl 1928 errang die CNBL im Kreis Lauterbach bei einer Wahlbeteiligung von nur 58% insgesamt 43% der Stimmen; auf die SPD entfielen 19,8% und die DVP 14,7%.

 

Anzeige der NSDAP-Kreisleitung Lauterbach im "Lauterbacher Anzeiger" vom 20.6.1931 für eine Großkundgebung unter freiem Himmel auf der Herchenhainer Höhe, nur wenige Kilometer von Bermuthshain entfernt.
 

Der Aufbau der NS-Parteiorganisation im Kreis Lauterbach

Trotz so mancher ideologischer Übereinstimmungen blieben die Splitterparteien der extremen Rechten, wozu die NSDAP zählte, bis Ende der 1920er Jahre eindeutig im Schatten der etablierten Rechtsparteien wie HLB und DNVP. Die ersten örtlichen Gruppierungen in Oberhessen um 1922-1924 waren auf die Mittelstädte wie Gießen, Friedberg und Bad Nauheim beschränkt und zählten kaum mehr als eine Handvoll Mitglieder. Als Keimzelle der nationalsozialistischen "Bewegung" in Oberhessen und auch im Vogelsberg selbst kann der Kreis Alsfeld gelten. Schon Anfang 1923 traten auch in Lauterbach erstmals zwei "Parteigenossen" der NSDAP, die Brüder Friedrich und Johann Scheer, in Erscheinung. Die erste öffentliche Versammlung der NSDAP in Lauterbach fand am 2.7.1924 statt, wozu ein Redner aus Bad Nauheim mit 30 SA-Männern als Saalschutz anreiste. Sie endete mit einer Saalschlacht. Offenbar war die NSDAP im Kreis aus eigener Kraft noch nicht aktionsfähig, was sich in das oben erwähnte Gesamtbild einfügt. Es ist nicht überliefert, wie und ob die NSDAP in Lauterbach bis Ende der 1920er Jahre organisiert war. Propagandafahrten Gießener Nationalsozialisten per Fahrrad bis in den Vogelsberg begannen schon Mitte der 1920er Jahre, berührten aber kaum die lokale Machtposition von Landbund und Deutschnationalen.

Der eigentliche Aufstieg der NSDAP im Kreis Lauterbach begann indes nicht in der Kreisstadt, sondern in dem Dorf Grebenhain, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bermuthshain. Maßgebliches NSDAP-Mitglied "der ersten Stunde" war der in Grebenhain ansässige Tierarzt Dr. Otto Lang. Er war gebürtig aus Angersbach und somit dem Kreis Lauterbach selbst. Nach Abitur und Veterinärmedizinstudium hatte er als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen.1908 bis 1927 war er als Tierarzt in Nieder-Moos tätig und ließ sich anschließend im nahen Grebenhain nieder. Politisch betätigte er sich vor 1914 zunächst bei den Nationalliberalen und danach dem Deutschen Bauernbund. Nach eigenem Bekunden soll er 1918 von vornherein die Republik abgelehnt und sich als „einer der ersten im Vogelsberg“ der "Idee Adolf Hitlers" verschrieben haben. Er trat bereits am 19.4.1926 der NSDAP mit der sehr niedrigen Mitgliedsnummer 34689 bei. Der Tierarzt war damit möglicherweise sogar der erste Nationalsozialist im hohen Vogelsberg überhaupt und gehörte innerhalb der Gesamtpartei zu den "Alten Kämpfern".

Am 1.3.1929 wurde auf Initiative von Dr. Otto Lang die NSDAP-Ortsgruppe Grebenhain als erste ihrer Art im Kreis Lauterbach gegründet. Neben Lang gehörten die Grebenhainer Heinrich Kurz, August Hofmann und Wilhelm Renker zu den Gründungsmitgliedern. Doch bereits kurz nach der Gründung der Grebenhainer Ortsgruppe war auch Bermuthshain durch die nationalsozialistische "Bewegung" erfasst. Denn schon am 1.5.1929 trat der als Forstschreiber in Grebenhain tätige Heinrich Oechler ("Stoffels") der NSDAP-Ortsgruppe Grebenhain unter der Mitgliedsnummer 127613 bei. Ihm folgten in den nächsten beiden Monaten Bermuthshains Bürgermeister Otto Ernst August Pfannstiel ("Heutzeredersch"), der Molkereibesitzer Wilhelm Greßmann ("Greßmanns") und der Schuhmacher Heinrich Oechler V. ("Stoffels"). Als zweite NSDAP-Ortsgruppe im Kreis Lauterbach wurde im September 1929 in Stockhausen bei Herbstein eine Ortsgruppe gebildet. Im Nachbarkreis Alsfeld verlief die Entwicklung im übrigen ganz ähnlich. Dort wurden ebenfalls 1929 in Vadenrod und Strebendorf zwei Ortsgruppen gegründet. In Vadenrod existierte sogar bereits 1931 schon ein Sturm der elitären "Schutzstaffel" (SS).

Am 1.4.1930 wurde schließlich die eigenständige NSDAP-Ortsgruppe Bermuthshain mit anfänglich 18 Mitgliedern gegründet. Bürgermeister Pfannstiel übernahm offenbar zunächst das Amt des Ortsgruppenleiters, um es erst nach 1933 an Heinrich Oechler V. zu übergeben. Schon am 1.6.1930 wurde in Salz in der "Blauen Ecke", ganz im Süden des Kreises, eine weitere nationalsozialistische Ortsgruppe gegründet, die auch die Umgebung von Freiensteinau abdeckte. Später, am 1.2.1932, entstand schließlich in Metzlos-Gehaag eine NSDAP-Ortsgruppe unter dem dortigen Sägewerksbesitzer Robert Becker, welche den Moosgrund erfasste. Seit 1930 bestand auch in Lauterbach eine Kreisleitung der NSDAP, die dem Kreisleiter Dr. Otto Lang unterstand und ihren Sitz in der dortigen Bahnhofstraße hatte.

Die "Sturmabteilung" (SA) als nationalsozialistische Wehrorganisation für den "Saalschutz" und Straßenkampf wurde im Kreis Lauterbach durch den gebürtigen Schlitzer Gerhard Münch, Parteimitglied seit 1928, eingeführt. Münch gründete Anfang 1930 den SA-Sturm 47 Schlitz und auch die dortige NSDAP-Ortsgruppe. In den folgenden Monaten bildeten sich auf seine Initiative die SA-Stürme 39 Lauterbach und 103 Ulrichstein. Vermutlich am 1.6.1930 wurde dann der SA-Sturm 147 Bermuthshain ins Leben gerufen, der unter dem Befehl von Sturmführer Heinrich Schlotthauer II. ("Annas") stand. Zu ihm gehörten nicht nur SA-Männer aus Bermuthshain, sondern ebenso aus Grebenhain und später Crainfeld und Ilbeshausen. Die "Braunhemden" der SA waren zweifellos der in der Öffentlichkeit am wirksamsten in Erscheinung tretende Teil der NSDAP und während der zahlreichen Wahlkämpfe vor 1933 überall präsent. Im Vogelsberg beschränkte sich ihre Rolle überwiegend auf Propagandaveranstaltungen und Aufmärsche, da hier nennenswerte politische Gegner mit Ausnahme der Kreisstadt Lauterbach kaum vorhanden waren. Die SA-Standarte 254 als nächsthöhere Organisation unter Münchs Kommando wurde am 1.11.1932 mit Sitz in Schlitz geschaffen und siedelte erst nach der „Machtübernahme“ nach Lauterbach über. Mit dieser Reorganisation erhielt der Bermuthshainer SA-Sturm die Nummer 25.

Erst ab 1931 wurde die Parteiorganisation der NSDAP im Kreis Lauterbach flächendeckend ausgebaut. Anfang 1932 wurden in Ilbeshausen und Crainfeld schließlich eigene NSDAP-Ortsgruppen gebildet. Hinzu kam, wie bereits erwähnt, die neue Ortsgruppe in Metzlos-Gehaag. Bis zum 30.1.1933 stieg die Anzahl der NSDAP-Mitglieder in Bermuthshain auf 31, in Grebenhain und Vaitshain auf 18, in Crainfeld auf 23 und in Ilbeshausen auf 18. Durch die hohe Zahl der Mitglieder und den bei kaum einer NS-Kundgebung fehlenden örtlichen SA-Sturm wurde Bermuthshain schon 1930 zu einem der wichtigsten Zentren der Nationalsozialisten im Kreis überhaupt.

 

"Zur bleibenden Erinnerung an die Kampfzeit 1930-1933" ließen sich die SA-Männer vom Sturm 25/254 Bermuthshain anlässlich eines Biwaks auf dem Höllerich kurz nach der "Machtübernahme" fotografieren. In der Bildmitte stehend Sturmführer Schlotthauer, in der zweiten Reihe als zweiter kniend Karl Heinrich Appel ("Dammbauersch"), Sturmführer der SA-Reserve. Der Kniende mit Sanitätsdienstabzeichen ganz rechts ist Karl Appel ("Kloase").
 

Die NSDAP und ihre Propaganda bei den Wahlen bis 1933

Für den Aufstieg der Nationalsozialisten im Kreis Lauterbach wie auch im übrigen Oberhessen war charakteristisch, dass der Aufbau der Parteiorganisation erst im Anschluss an die ersten großen Wahlerfolge erfolgte, die sich ab 1929 zunehmend einstellten. Bis dahin waren die NSDAP und die übrigen rechtsradikalen Parteien bei Reichs- und Landtagswahlen während der "Weimarer Republik" kaum mehr als bedeutungslose Splittergruppen gewesen. Die radikale völkisch-nationalistische Rechte trat im Kreis Lauterbach erstmals bei den Reichstagswahlen am 4.5.1924 in Erscheinung. Der „Völkisch-Soziale Block“ konnte im Kreis nur 509 von 12749 gültigen Stimmen (4%) erringen. Noch schlechter fiel das Ergebnis für die am 7.12.1924 erstmals antretende NSDAP mit lediglich 358 Stimmen (2,8 %) im ganzen Kreis Lauterbach aus, wovon 200 aus der Kreisstadt selbst kamen. Bei den Reichstagswahlen am 20.5.1928 erzielte die NSDAP als eine von acht kleineren „Splitterparteien“, wozu im Kreis auch schon Parteien wie DNVP und Zentrum gehörten, nur 1,7% oder 192 Stimmen. Bemerkenswerterweise stammten davon aber schon bereits die relativ meisten, nämlich 79 Stimmen, aus Grebenhain, dem Wohnort des Nationalsozialisten Dr. Otto Lang und Gründungsort der ersten NSDAP-Ortsgruppe im Kreis kaum ein Jahr später. Im Vergleich dazu stimmten in der viel größeren Kreisstadt Lauterbach ganze 26 Wähler für die Nationalsozialisten.

Der Aufschwung der Nationalsozialisten im Vogelsberg wurde durch die ab Mitte der 1920er Jahre zunehmend schlechter werdende Lage der Landwirtschaft und damit der wichtigsten Lebensgrundlage der Bevölkerung erleichtert. Gerade die kleinen und mittleren Bauern waren besonders durch diese Agrarkrise betroffen. Ähnlich wie zur Zeit des politischen Antisemitismus rund 40 Jahre zuvor nahm ihre politische Radikalisierung rasch zu. Schon im April 1928 klagte Bermuthshains Bürgermeister Pfannstiel vor dem hessischen Arbeits- und Wirtschaftsminister Adolf Korell während einer Versammlung in Hartmannshain eindringlich über die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse in der Region, die „Not des Vogelsberges“, deren Ursache er in der deutschen Kriegsniederlage im November 1918 sah. Angesichts einer ähnlichen bzw. als ähnlich verstandenen Krisensituation wurden politische Traditionen der antisemitischen Bewegung im Kaiserreich unter neuen Vorzeichen wieder belebt, umso mehr, als ja auch das bis dahin dominierende Hessische Landvolk hier seine Wurzeln hatte. Großes Aufsehen erregte der Austritt des unter den oberhessischen Bauern populären deutschnationalen Landtagsabgeordneten und radikalen Antisemiten Dr. Ferdinand Werner aus seiner Partei im August 1928 und sein kaum zwei Jahre später erfolgender Beitritt zur NSDAP.

Mit den hessischen Kommunalwahlen am 17.12.1929 trat die mittlerweile in den Ortsgruppen in Grebenhain und Stockhausen organisierte NSDAP aus ihrem bisherigen Schattendasein hervor. Diese Wahlen waren verbunden mit einem von den Rechtsparteien initiierten reichsweiten Volksbegehren gegen den Young-Plan und die darin bis 1988 festgeschriebene Zahlung der Reparationen durch Deutschland. Am 14.12.1929 fand in der Lauterbacher Turnhalle (heute Adolf-Spieß-Halle), dem größten Saal der Stadt und des ganzen Kreises, eine Kundgebung der NSDAP mit Vortrag des NS-Wirtschaftstheoretikers Gottfried Feder unter dem Motto "Die Befreiung durch den National-Sozialismus" statt. In den Wahlen erhielt die NSDAP erhielt 1319 von 9750 gültigen abgegebenen Stimmen. Sie lag damit zwar hinter den 5303 Stimmen der „Vereinigten Stadt- und Landliste“ (HLB, DNVP, DVP) und den 2322 SPD-Stimmen, wurde aber dennoch drittstärkste Kraft. In Lauterbach selbst holten die Nationalsozialisten 359 Stimmen, während die SPD als stärkste Partei auf 902 kam. Die erstaunlichsten Resultate erzielte die NSDAP aber nicht hier, sondern in einigen Dörfern des Kreises. In Bermuthshain wurden mit 115 von 163 und in Salz mit 87 von 157 die jeweils meisten Stimmen für sie abgegeben. NSDAP-Ortsgruppen wurden in beiden Orten erst einige Monate später gegründet, was zu der Annahme führt, dass die guten Wahlergebnisse dort bereits die schon vorherrschende politische Stimmung widerspiegelten.

Der Durchbruch für die NSDAP im Kreis Lauterbach kam, wie auf Reichsebene, mit den Reichstagswahlen vom 14.9.1930. Die NSDAP wurde mit 4646 (39,4 %) von 14345 gültigen Stimmen vor dem Hessischen Landvolk (2454; 17,1%), der SPD (2420; 16,9%) und der DVP (1191; 8,3%) die stärkste Partei im Kreis, während die KPD mit 401 Stimmen (2,8 %) ohne nennenswerte Bedeutung blieb. Von den nationalsozialistischen Stimmen stammte mit 1028 ein gutes Viertel aus Lauterbach, während der überwiegende Teil auf die Dörfer des Kreises entfiel. Wie die einzelnen Wahlergebnisse erkennen lassen, wurde die NSDAP in nahezu allen von ihnen zur stärksten Partei und rückte somit fast nahtlos an die frühere Stelle des Landvolks. In dem knapp 530 Einwohner zählenden Dorf Lanzenhain bei Herbstein beispielsweise erzielten die Nationalsozialisten 92 von 152 abgegebenen Stimmen. Im Jahr 1928 hatten dort von 151 Wählern 129 für die CNBL gestimmt. In der Stadt Lauterbach hingegen wurde die NSDAP erst bei den hessischen Landtagswahlen vom 15.11.1931 zur stärksten Partei, wo sie 1642 Stimmen gegenüber der auf 882 zusammengeschmolzenen SPD erreichte. Damit kann die Frage nach der Herkunft der NSDAP-Wähler im Kreis Lauterbach in der Weise beantwortet werden, dass diese vornehmlich vorherige Wähler und Anhänger des Landvolks gewesen sind. Es handelte sich um keine auf diesen Kreis oder auch den Vogelsberg beschränkte Erscheinung. Vielmehr war in allen ähnlichen ländlich-evangelischen Gebieten Hessens eine Wählerwanderung vom Landvolk bzw. den Rechtsparteien zur NSDAP zu verzeichnen, wenn sie auch zu unterschiedlicher Zeit einsetzte.

 

Anzeige der NSDAP-Ortsgruppe Bermuthshain im "Lauterbacher Anzeiger" vom 3.5.1930 für eine Propaganda-Veranstaltung im hessischen Landtagswahlkampf 1931. Der Redner Ludwig Münchmeyer war offizieller "Reichsredner" der NSDAP und galt als besonders rhetorisch und propagandistisch befähigter Parteifunktionär, der überdies für seinen rabiaten Antisemitismus bekannt war.
 

Nach dem Wahlsieg vom September 1930 beschränkte sich die propagandistische Aktivität der NSDAP nicht mehr nur auf die eigentlichen Wahlkämpfe (die freilich zeitlich immer enger zusammenlagen), zumal die "Hitlerbewegung" jetzt auch auf ein deutlich größeres personelles Reservoir zurückgreifen konnte. Immerhin bestanden jetzt schon die Ortsgruppen in Grebenhain, Bermuthshain, Salz, Stockhausen, Lauterbach und Schlitz und die SA-Stürme in Bermuthshain und Schlitz.

Am 23.12.1930 hielt die NSDAP-Ortsgruppe Lauterbach eine Versammlung mit dem NS-Reichstagsabgeordneten Ludwig Müchmeyer als Redner im größten Raum der Stadt, der Turnhalle, ab. Bereits am 4.5.1931 sprach Münchmeyer erneut im Kreisgebiet, diesmal in einer "Morgenrot über Deutschland" betitelten Veranstaltung der NSDAP-Ortsgruppe Bermuthshain im Gasthaus "Darmstädter Hof" in Grebenhain. Solche und ähnliche Veranstaltungen zielten darauf ab, die NSDAP ständig im Gespräch zu halten und als einzigen Ausweg aus den gegenwärtigen Krisen darzustellen. Die bis dahin größte öffentliche Kundgebung der NSDAP im Kreis Lauterbach war der am 18. und 19.10.1931 veranstaltete "Hitler-Tag" in Lauterbach. Dieser begann mit einem Gottesdienst unter Beteiligung der SA in der Stadtkirche und einem "Werbemarsch" der Lauterbacher Ortsgruppe und der SA-Stürme aus Alsfeld, Bermuthshain und Schlitz sowie der SS aus Vadenrod (Kreis Alsfeld) und des Lauterbacher Stahlhelms durch die teilweise mit Hakenkreuzfahnen "geschmückten" Straßen der Kreisstadt. An der abendlichen Versammlung am ersten Tag sprach zuerst Kreisleiter Dr. Otto Lang in der Turnhalle davon, dass „der Kampf ums letzte gehe“ und die Entscheidung nur noch zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus falle. Nach ihm führte der Hungener Theologiestudent Wendnagel den Aufschwung der NS-Bewegung nicht nur auf die materielle Not zurück, sondern auch eine geistig-kulturelle Krise. Der Darmstädter Gaupropagandaleiter Trefz prangerte die angebliche Unfähigkeit der Parteien des "alten Systems" an und sprach von der kommenden "Zeitenwende" durch den Nationalsozialismus und der "Neuausrichtung der nationalsozialistischen Macht" durch die bevorstehende Landtagswahl. Am zweiten Tag erinnerte ein Regierungsrat Dr. Müller aus Alsfeld unter dem Titel "Der Bankrott der Demokratie" an den Aufstieg der NSDAP zur Massenbewegung und forderte zum Eintritt in die Partei auf. Ebenfalls sprach der Darmstädter Kreisleiter Abt, der ähnlich wie nach ihm Graf Bernhard Solms zu Laubach gegen "Klassenkampf" und "Standesdünkel" wetterte und eine berufsständische Wirtschaftsordnung forderte. Örtliche Mitglieder der SPD und KPD versuchten, den Ablauf der zweitägigen Propagandaveranstaltung zu stören. So wurden in der Nacht vom 18. auf den 19.10.1931 zwei große rote Fahnen an Fabrikschornsteinen weithin sichtbar angebracht.

Nationalsozialistische Großveranstaltungen fanden zu diesem Zeitpunkt auch schon längst außerhalb der Kreisstadt statt, nicht selten unter freiem Himmel. Bereits am 28. und 29.6.1930 fand eine "Sonnenwend-Feier" auf dem Hoherodskopf im Nachbarkreis Schotten statt. Höhepunkte waren die Entzündung eines großen Holzstoßes und eine Fahnenweihe. Als Gäste waren Kreisleiter Dr. Otto Lang und der damalige Gauleiter des NSDAP-Gaues Hessen-Darmstadt, Friedrich Ringshausen, erschienen. Die NSDAP knüpfte mit der Sonnenwendfeier auf dem Hoherodskopf an bereits in den 1920er Jahren existierende Traditionen völkisch-nationalistischer Gruppierungen Oberhessens an. Am 21.6.1931 umrahmte dann der SA-Sturm Bermuthshain eine Massenkundgebung auf der Herchenhainer Höhe. In Form einer Anzeige im „Lauterbacher Anzeiger“ forderte Kreisleiter Lang am 25.10.1931 unter dem Titel "Wir wollen helfen" vom Lauterbacher Kreisausschuss propagandistisch die Einführung von Gutscheinen für die Landwirte zur Bezahlung der Kreis- und Gemeindesteuern. Weiterhin rief er alle "nationalsozialistischen Bauern und Gewerbetreibenden" des Kreises zu Spenden für durch die Partei unterhaltene Erwerbslosenküchen auf. Am 13.11.1931 redete der thüringische Staatsminister Wilhelm Frick, Mitglied der ersten deutschen Landesregierung unter Einschluss der NSDAP, in Lauterbach.

 

Anzeige für den "Hitler-Tag" der NSDAP in Lauterbach im "Lauterbacher Anzeiger" vom 15.10.1931.

 

In der Landtagswahl vom 15.11.1931 wurde die NSDAP auch in der Kreisstadt Lauterbach zur stärksten Partei und errang in fast allen Dörfern absolute Mehrheiten von oft weit über 90% der Stimmen. Nur in Lauterbach selbst sowie in Schlitz und, in schwächerer Form, auch in den Dörfern Angersbach und Maar existierte bis 1933 relativ ungeschwächt ein anderes politisches Potential in Form der beiden "Arbeiterparteien" SPD und KPD. Völlig aus dem Rahmen des zuletzt nahezu flächendeckend „braunen“ Kreises Lauterbach fiel auch die Stadt Herbstein, einer katholischen Enklave in einem nahezu rein evangelischen Gebiet. Das katholische Milieu der Zentrumspartei prägte diese Kleinstadt bis zum Ende der "Weimarer Republik", während die NSDAP hier noch im März 1933 lediglich ein Sechstel aller Wählerstimmen erringen konnte.

Bei den zahlreichen politischen Abstimmungen des Jahres 1932 konnte die NSDAP ihre Position im Kreis Lauterbach weiter ausbauen. In der Reichspräsidentenwahl erreichte die NSDAP im Kreis für ihren Kandidaten Adolf Hitler im zweiten Wahlgang am 10.4.1932 71,8% der Stimmen, während sich nur 26,7% der Wähler für Amtsinhaber Paul von Hindenburg entschieden, der außer im katholischen Herbstein in allen Orten zum Teil weit abgeschlagen hinter Hitler lag. Die Dominanz der NSDAP im Kreis Lauterbach bestätigte sich bei den Reichstagswahlen am 31.7.1932, als die Partei 13941 Stimmen (72,7%) von 19177 gültigen erhielt. Völlig entgegengesetzt dem Trend auf Reichsebene bei der Wahl am 6.11.1932, den letzten freien Wahlen in Deutschland bis 1945 (West) bzw. 1990 (Ost), bei denen die NSDAP zwei Millionen Stimmen einbüßte, erlitt der NSDAP im Kreis Lauterbach nur marginale Verluste. In einigen Dörfern des Kreises konnte sie ihr altes Ergebnis bei der Novemberwahl sogar noch einmal leicht verbessern. So erzielte die NSDAP in ihrer „Hochburg“ Bermuthshain 295 von 317 Stimmen gegenüber 290 von 313, die sie am 31.7.1932 erhalten hatte. Bei dieser Wahl wiesen die drei oberhessischen Kreise Schotten, Lauterbach und Alsfeld nach dem fränkischen Rothenburg ob der Tauber die reichsweit besten Ergebnisse für die Nationalsozialisten überhaupt auf.

Zwei Landtagswahlen, zwei Reichstagswahlen und eine Reichspräsidentenwahl ließen das Jahr 1932 zu einem "Dauerwahlkampf" geraten. Für die Bermuthshainer NSDAP-Ortsgruppe und SA verging kaum eine Woche, an der sie nicht im gesamten Kreis bei Propagandamärschen und Kundgebungen unterwegs war. Als örtlicher Versammlungsraum und Parteilokal der Nationalsozialisten in Bermuthshain fungierte das Gasthaus "Zum goldnen Stern", welches Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Pfannstiel gehörte. Dieser nahm mittlerweile regelmäßig als Redner an lokalen Versammlungen der NSDAP in der Region teil. Im Sommer 1932 forderten sogar "Parteigenossen" aus Hitzkirchen im Kreis Lauterbach in einem Schreiben an die NSDAP-Reichsleitung seine Kandidatur bei der Reichstagswahl als einem "der ersten und besten Vorkämpfer der NSDAP gegen Marxismus". Die zunehmende nationalsozialistische Dominanz in Bermuthshain selbst führte dazu, dass schon die am 8.11.1931 turnusgemäß stattfindende Bürgermeisterwahl entfiel. Anders als bei den Bermuthshainer Bürgermeisterwahlen der Jahrzehnte zuvor, die stets von heftigen innerdörflichen Auseinandersetzungen geprägt waren, wagte es 1931 niemand mehr, als Gegenkandidat gegen Amtsinhaber Pfannstiel anzutreten. Offene Unterstützung fanden die Nationalsozialisten auch bei den evangelischen Ortsgeistlichen der Pfarrei Crainfeld. Schon der seit 1928 amtierende Georg Heinrich Saal sympathisierte mit der NSDAP. So bezeichnete er im Juni 1932 im örtlichen Kirchenblatt "Heimatglocken" die Partei als "deutsche Freiheitsbewegung". Im Oktober 1932 wurde dann der aus Thüringen stammende Alfred Mitzenheim nach Crainfeld besetzt. Von Mitzenheims eifriger Parteinahme für die Nationalsozialisten und die unter ihrem Einfluss stehende Bewegung der "Deutschen Christen" vor, während, und nach der "Machtübernahme" künden seine Rolle als Redner bei zahlreichen nationalsozialistischen Veranstaltungen und nicht zuletzt auch sein offen antisemitischer Tonfall in der Kirchenchronik.

Schon über ein halbes Jahr vor der "Machtübernahme" im Reich, am 29.5.1932, wurde Adolf Hitler zum Ehrenbürger der Gemeinde Bermuthshain ernannt. Gleiches geschah auch in den Nachbargemeinden Grebenhain und Crainfeld. Im Unterschied zu Grebenhain, wo der Gemeinderat tatsächlich auf Antrag der NSDAP-Ortsgruppe am 2.6.1932 einen entsprechenden Beschluss fasste, ist im Protokollbuch des Gemeinderates Bermuthshain kein Beschluss zu einer Ehrenbürgerrechtsverleihung für Hitler zu finden. Es dürfte sich somit um eine ausschließlich innerhalb der NSDAP-Ortsgruppe Bermuthshain gefasste Entscheidung handeln, die formal die Gemeinde Bermuthshain nicht berührte. Einziger echter Ehrenbürger Bermuthshains wurde dann am 25.3.1933 der langjährige Volksschullehrer Jakob Reuter. Die persönliche Überreichung der drei Ehrenbürgerbriefe an den "Führer" fand im Rahmen der bis dahin größten nationalsozialistischen Kundgebung im Vogelsberg überhaupt statt.

 

Der SA-Sturm Bermuthshain während eines Propagandamarsches durch Maar im August 1932.

 

Am 18.6.1932 fanden sich rund 40.000 begeisterte NS-Anhänger von nah und fern zur "Hitler-Sonnenwende-Feier" auf dem Hoherodskopf. Höhepunkt der Veranstaltung war der Auftritt des "Führers" Adolf Hitler selbst, dem die Ehrenbürgerwürde der Gemeinden Bermuthshain, Grebenhain und Crainfeld nun verliehen wurde. Vorausgegangen war am Tag zuvor eine große öffentliche Versammlung in der 500 Personen fassenden und bis auf den letzten Platz besetzten Lauterbacher Turnhalle mit Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels als Redner. Anhänger der SPD und KPD versuchten, diese durch das laute Absingen von Liedern der Arbeiterbewegung und das Auslösen der Feuerwehrsirene zu übertönen. Mit einem großen Aufmarsch der "Eisernen Front", welche am 29.2.1932 in Lauterbach durch SPD und Gewerkschaften gebildet worden war, versuchten die Sozialdemokraten am 15.6.1932 zu verdeutlichen, dass es zumindest in der Kreisstadt noch Anhänger der Demokratie gab. Noch am 10.2.1933 lud die "Eiserne Front" zu einer freilich nur schwach besuchten Versammlung mit der Mahnung zum "Zusammenschluss von Arbeitertum, Bauerntum und Mittelstand" zu einer "Front gegen den Faschismus". Sie konnte im Grunde nur noch die eigenen Anhänger mobilisieren. In Erwiderung der NS-Propaganda hatte schon 1929 der jüdische Viehhändler Salli Strauß I. aus Lauterbach ein Flugblatt gegen Dr. Otto Lang und Bürgermeister Pfannstiel in Umlauf gebracht. Hintergrund war eine Kranzniederlegung mit Hakenkreuzflagge während des Volkstrauertages 1929. Auf die zum überwiegenden Teil hinter den Nationalsozialisten stehende Bevölkerung der Dörfer im hohen Vogelsberg hatte dies ebenso wenig einen Eindruck wie im Oktober 1931 ein öffentlicher Aufruf von Jean Berlit, Gründer der Siedlungskolonie Hochwaldhausen und Sozialdemokrat, gegen die Kriegsgefahr durch die "Hitler-Hakenkreuzler".

Das zeitweilige Verbot des Zeigens von NS-Flaggen und des Tragens von SA-Uniformen im Frühjahr 1932 führte in Bermuthshain und Crainfeld sogar zu einem Zusammenstoß der SA und zahlreicher sympathisierender Ortseinwohner mit der Polizei des Volksstaates Hessen. Am 19.5.1932 sahen sich Polizeikräfte der Lauterbacher Gendarmeriestation beim Versuch, in beiden Dörfern Hakenkreuzfahnen von Häusern und Bäumen zu entfernen, einer drohenden Menschenmenge gegenüber. Daraufhin wurde ein gerade in Lauterbach anwesender Polizeioberleutnant Judith aus Butzbach mit weiteren Gendarmen nach Crainfeld entsandt. Dort konnten zunächst zwei Polizisten, die von einer erregten Menge umringt und verhöhnt wurden, "befreit" und ein SA-Mann im Zivil, der mehr oder weniger verhüllt Gewalt angedroht hatte, verhaftet werden. Sowohl in Crainfeld als auch in Bermuthshain konnten je zwei Fahnen von Bäumen entfernt werden. Dem Polizeibericht zufolge hatte sich die Bevölkerung der beiden Orte "zu etwa 80% sehr aufrührerisch benommen". Eine besonders hohe und knorrige Fichte in der Ober-Mooser Straße, wo ebenfalls eine Hakenkreuzfahne an der Spitze gehisst worden war, konnte allerdings, der Überlieferung zufolge, durch die Polizei nicht erklettert werden.

Auf lokaler Ebene wurde die große Feier auf dem Hoherodskopf im Kreis Lauterbach durch eine ähnliche Kundgebung im Moosgrund am 24. Juli 1932 bei Heisters wiederholt, wo der Ortsgruppenleiter von Metzlos-Gehaag, Robert Becker, eine Ansprache hielt. Die großen Veranstaltungen in der Kreisstadt wurden durch teilweise simultane und mit Beteiligung hessischer "Parteigrößen" durchgeführte NS-Versammlungen in den Dörfern ergänzt. Am 29.10.1932 sprachen etwa Friedrich Ringshausen, ehemaliger Gauleiter von Hessen-Darmstadt, in Bermuthshain im "goldnen Stern" und zur gleichen Zeit im "Darmstädter Hof" in Grebenhain der Gaufachberater für Landwirtschaftsfragen, Dr. Richard Wagner. Unter den verschiedenen Formen der NS-Propaganda im Kreis Lauterbach sind schließlich noch die sogenannten "Deutschen Abende" zu nennen. Oberflächlich rein gesellige Veranstaltungen, wurden hier vor allem Theaterstücke mit eindeutiger politischer Tendenz und Namen wie "Oh diese Nazis" oder "SA marschiert oder Horst Wessel" aufgeführt. Es ist anzunehmen, dass die „Deutschen Abende“ neben der Werbung (auch Mitgliederwerbung) für die Partei in erster Linie auch schlicht dazu dienten, Einnahmen zur Finanzierung der Parteiarbeit zu erzielen.

 

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