Bermuthshain im Nationalsozialismus

 

Anlässlich des "Tages der nationalen Arbeit" am 1.5.1933 wurde in Bermuthshain eine "Hitler-Eiche" gepflanzt. Dem Ereignis voraus ging ein großer Propagandamarsch der NSDAP-Ortsgruppe, der Hitlerjugend und der gesamten SA durch das Dorf. Angeführt wurde der Marsch durch SA-Sturmführer Schlotthauer und den Crainfelder Pfarrer Alfred Mitzenheim (rechts), welcher die "Weihe" des Baumes vornahm.
 

Die "Machtübernahme" der NSDAP 1933

Am 30.1.1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg den nationalsozialistischen Parteiführer Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die von der NS-Propaganda später als "Machtübernahme", "Machtergreifung" oder auch "nationale Erhebung" bezeichnete Entscheidung markierte den Beginn der schon bald unumschränkten Parteidiktatur der NSDAP in Deutschland. Bei den Anhängern der NSDAP und insbesondere in deren "Hochburgen" wie dem Vogelsberg lösten die Nachrichten aus der Reichshauptstadt sofort freudige Reaktionen aus. Eine heute kaum noch nachvollziehbare Euphorie und "Aufbruchsstimmung" breitete sich in der Öffentlichkeit aus.

Schon am Abend des 30.1.1933 veranstaltete die NSDAP-Ortsgruppe Crainfeld einen Marsch unter bengalischer Beleuchtung durch das alte Gerichts- und Pfarrdorf. Eine Nachfeier in der Gastwirtschaft "Zur Krone" von Wilhelm Hofmann beschloss das Ereignis. Vier Tage später, am 3.2.1933, fand schließlich eine große Kundgebung auf dem Höllerich oberhalb von Bermuthshain statt. Mehrere hundert Menschen, neben den Einwohnern von Bermuthshain, Grebenhain und Crainfeld auch Besucher aus angrenzenden preußischen Orten wie Lichenroth und Völzberg, nahmen daran teil. Gegen Abend wurde vor dem "goldnen Stern" ein Festzug aufgestellt. Unter Militärmusik, gespielt von der Kapelle Weitzel aus Grebenhain, und im Schein von Fackeln bewegte sich der Zug, angeführt vom SA-Sturm 25/254 Bermuthshain, durch das Dorf und dann zum Festplatz auf dem Höllerich. Dort war ein Holzstoß aufgestapelt, der in Brand gesteckt wurde. Bermuthshains Bürgermeister Pfannstiel sprach einleitend dazu vor der versammelten Menschenmenge. Nach dem Absingen "vaterländischer" Lieder trugen einige SA-Männer "Feuersprüche" vor, bevor Pfarrer Alfred Mitzenheim aus Crainfeld unter heller Begeisterung auf "das bedeutungsvolle Geschehen am 30. Januar" verwies. Der Rütlischwur und das Horst-Wessel-Lied bildeten den Abschluss der Kundgebung.

Zwei Tage vor dem schicksalhaften Brand des Reichstagsgebäudes in Berlin, der zum Anlass für die Außerkraftsetzung aller verfassungsmäßigen Grundrechte wurde, fand am 25.2.1933 ein "Deutscher Abend" im Gasthaus "Zum Goldenen Stern" in Bermuthshain statt. Bürgermeister Pfannstiel sprach über "drei große bedeutungsvolle Tage in der neueren Geschichte Deutschlands", nämlich den 18.1.1871 als "Tag der Wiedergeburt und Vereinigung Deutschlands und die Entfaltung seiner Kraft, deren Höhepunkt am 14. August 1914 erreicht war", den 28.6.1919 als "tiefste Erniedrigung Deutschlands mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags" und den 30.1.1933 als "Tag des nun beginnenden Wiederaufstiegs unserer deutschen Nation". Am folgenden Tag veranstaltete der SA-Sturm 25/254 erneut einen großen Propagandamarsch, der diesmal von Bermuthshain über Völzberg, Volkartshain, Hartmannshain, Herchenhain nach Grebenhain führte.

Beide Kundgebungen erfolgten in Vorbereitung auf die am 5.3.1933 anberaumte Reichstagswahl, die aufgrund der massiven Einschüchterungen vor allem der beiden "Arbeiterparteien" SPD und KPD schon nicht mehr unter wirklich freien Bedingungen stattfand. Überall im Vogelsberg steigerte die NSDAP noch einmal ihre ohnehin kaum noch zu überbietenden Wahlergebnisse. So wurden in Bermuthshain von 304 Stimmen alle bis auf 6 nur für die NSDAP abgegeben. Kurz nach den Wahlen begann die "Machtübernahme" der NSDAP auch auf regionaler und kommunaler Ebene. Am 13.3.1933 wurde der bisher amtierende hessische Staatspräsident Bernhard Adelung zum Rücktritt gezwungen und der Nationalsozialist Ferdinand Werner zum neuen Staatspräsidenten des Volksstaates Hessen gewählt. Republikanisch gesinnte Beamte, wie der Lauterbacher Kreisdirektor Dr. Otto Michel, der Kreisschulrat Heinrich Lorentz, und der Lauterbacher Bürgermeister Hermann Walz wurden zwangsweise in den Ruhestand versetzt. NSDAP-Kreisleiter Dr. Otto Lang wurde, zunächst kommissarisch, mit dem Amt des Kreisdirektors betraut.

Wie überall kam es nun auch in Bermuthshain zur "Gleichschaltung" sämtlicher örtlichen Vereine, d. h. der Einführung des "Führerprinzips", der Besetzung aller Vorstandspositionen mit NSDAP-Mitgliedern und dem Ausschluss aller jüdischen Mitglieder. Dieser Prozess lief in Bermuthshain, aufgrund der weitgehenden Akzeptanz der NSDAP in der Ortsbevölkerung, nahezu ohne Schwierigkeiten ab. Man kann somit eher von einer "Selbstgleichschaltung" sprechen. Am 29.4.1933 trat dann ein neu ernannter, "gleichgeschalteter", Gemeinderat zusammen. Ihm gehörten nur noch Mitglieder der NSDAP an. Mit Ausnahme von Bürgermeister Pfannstiel und zwei weiteren Gemeinderäten hatten alle früheren Ratsmitglieder, darunter der spätere Nachkriegsbürgermeister Johannes Weitzel ("Hanse"), zurücktreten müssen. Die Neubildung der Gemeinderäte führte erstmals zu wahrnehmbarer Unruhe in den betroffenen Dörfern.

Schon im Frühjahr 1933 kam es in der Vogelsbergregion zu vielfältigen Übergriffen der Nationalsozialisten auf politische Gegner, vornehmlich Mitglieder der SPD und KPD, und auf den jüdischen Bevölkerungsteil. Ende März 1933 wurde ein jüdischer Einwohner von Lichenroth, einem Nachbarort von Bermuthshain, wegen angeblicher Beleidigung eines örtlichen "Parteigenossen" durch mehrere Nationalsozialisten "abgeholt". Wie in der Lokalpresse offen geschrieben stand, wurde er dazu gezwungen, mit der Ortsschelle des Gemeindedieners öffentlich eine "Entschuldigung" bekannt zu geben, unter den Augen einer drohenden Menge. In Gedern kam es zu ersten gewalttätigen Ausschreitungen gegen jüdische Einwohner. Am 1.4.1933 erfolgte schließlich ein reichsweiter Boykott jüdischer Geschäfte, der durch die NSDAP und ihre Gliederungen organisiert wurde. In Crainfeld, Grebenhain und Bermuthshain stellten sich einheimische SA-Angehörige vor den Wohnhäusern und Geschäften der örtlichen jüdischen Familien, die wegen des Sabbats allerdings zum größten Teil ohnehin geschlossen waren, auf und verwehrten allen potentiellen Kunden den Zutritt. Auch das "Sandersch" Haus der Familie Lind in Bermuthshain, wo sich die Gastwirtschaft "Zum Hessischen Hof" und ein Laden befanden, wurde von den SA-Männern regelrecht umzingelt. Der "Judenboykott" bedeutete für die Betroffenen faktisch den Ausschluss aus der Dorfgemeinschaft. Schon im Frühjahr 1933 verließen die ersten jüdischen Familien Crainfeld, um nach Frankfurt am Main zu ziehen bzw. ins Ausland zu emigrieren.

 

Aufnahme der SA-Kapelle Grebenhain (Leitung: Emil Weitzel, Grebenhain) in der Ober-Mooser Straße in Bermuthshain am 1.5.1933. Im Hintergrund ist die Molkerei Greßmann zu sehen, die wie alle Hofreiten an diesem Tag mit "Fahnenschmuck" und Girlanden versehen war. Linkerhand der 1963 trockengelegte Wassergraben von der "Weed" zur Lüder.
  
Der 1.5.1933 war durch die NS-Machthaber zum "Tag der nationalen Arbeit" als jährlicher Feiertag erklärt worden, womit vordergründig eine alte Forderung der sozialistischen Arbeiterbewegung erfüllt wurde. Nur einen Tag später allerdings sollten alle freien Gewerkschaften zerschlagen werden. Im Kreis Lauterbach und auch im Kirchspiel Crainfeld wurde der neue Feiertag überall mit Festgottesdiensten und der anschließenden Pflanzungen von "Hitlereichen" oder "Hitlerlinden" begangen. In Crainfeld hielt Pfarrer Alfred Mitzenheim, glühender Nationalsozialist, den Festgottesdienst in der völlig überfüllten Kirche. Im Anschluss daran wurde auf dem Kirchhof vor der Kirche eine "Hitlerlinde" gepflanzt. Am Mittag des gleichen Tages erfolgte ein großer Aufmarsch der SA, unter Vorantritt der SA-Kapelle, in Grebenhain, wo am Sportplatz eine "Hitlereiche" gepflanzt wurde. Schließlich erfolgte um 14 Uhr in Bermuthshain ebenfalls ein Festakt mit der Pflanzung einer "Hitlereiche". Voraus ging ein ein Marsch der SA, der HJ, des Kriegervereins Bermuthshain und des MGV "Eintracht" Bermuthshain durch die Straßen des Dorfes, angeführt von Pfarrer Mitzenheim. Dieser hielt anschließend die Ansprache am Pflanzort, an der Kurve der Hauptstraße bei "Dammbauersch" gelegen. Nahezu sämtliche Bermuthshainer waren zugegen. Die Eiche wurde später mit einer Umfriedung umgeben und sollte bis 1945 zur Ehrung des "Führers" das Bild der Hauptstraße "zieren".

Auch in den Schulen wurden die neuen "nationalen Feiertage" begangen. Am 24.6.1933 wurde auch das jährliche Kinderfest des Kreisschulbezirkes Nieder-Moos durch die SA "umrahmt". Teilnehmer waren die Volksschulen von Crainfeld, Bermuthshain, Vaitshain, Bannerod, Heisters, Zahmen, Wünschenmoos, Metzlos-Gehaag, Metzlos, Reichlos, Gunzenau, Holzmühl, Ober-Moos und Nieder-Moos. Am Festplatz hielt der Bermuthshainer Lehrer Karl Winter, mittlerweile auch "Jungvolkführer" und bereits vor 1933 Sympathisant der Nationalsozialisten, die Ansprache. Nur einen Monat später fand am Nieder-Mooser See ein großes "Jungvolklager" mit über 150 Jungen aus den Kreisen Lauterbach, Alsfeld und Schotten statt.

Während des gesamten Jahres 1933 verging kaum ein Monat ohne irgendeine größere Propagandaveranstaltung der NSDAP. Am 24.6.1933 fand auf dem Heidküppel bei Crainfeld eine große Sommersonnenwendfeier mit Abbrennung eines Johannisfeuers statt, zu der zahlreiche Einwohner der umliegenden Orte Bermuthshain, Grebenhain und Crainfeld erschienen waren. Diese war verbunden mit der Weihe der NSDAP-Ortsgruppenfahne von Crainfeld und der "Turnerfahne" der "Deutschen Turnerschaft" Grebenhain (heute TSV 1906 Grebenhain). Erneut war es Pfarrer Mitzenheim, der die Fahnenweihe vollzog. Im September 1933 nahm der SA-Sturm 25/254 an einem großen SA-Sportfest in Metzlos-Gehaag teil. Besonders in den ersten Monaten nach der "Machtübernahme" strömten immer mehr neue Mitglieder in die Reihen von NSDAP und SA. Aufgrund der starken Mitgliederzuwächse wurde schließlich Ende Oktober 1933 in Ilbeshausen ein neuer SA-Sturm (24/254) gebildet und vom Bermuthshainer SA-Sturm abgespaltet. Als propagandistisch verwertbar erwiesen sich auch die angelaufenen Maßnahmen zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit, die aber im überwiegend bäuerlichen Vogelsberg ohnehin eher schwach ausgeprägt war. Seit dem Spätsommer 1933 wurden mehrere Feldwege in der Gemarkung Bermuthshain im Rahmen von Notstandsarbeiten durch Arbeitslose aus Ober-Seemen neu ausgebaut und befestigt. In Vaitshain wurde ein Arbeitsdienstlager eingerichtet.

Ein Höhepunkt für die lokalen Mitglieder der NSDAP und SA war die Teilnahme einer Abordnung des SA-Sturms 25/254 und der NSDAP-Ortsgruppe Bermuthshain am Reichsparteitag der Nationalsozialisten in Nürnberg vom 30.8.-2.9.1933. Nach ihrer Rückkehr wurden die "Nürnbergfahrer" am Bahnhof Bermuthshain vom vollständig angetretenen SA-Sturm und dessen Kapelle empfangen und ins Dorf begleitet. Dort berichteten sie im Parteilokal "Zum Goldenen Stern" von ihren Erlebnissen auf dem "Parteitag des Sieges".

Offen wurde in der Lokalpresse über die Verhaftung von lokalen Mitgliedern der am 22.6.1933 verbotenen SPD berichtet. Nachdem Ende Juli 1933 in Mittel-Seemen bei Gedern die einige Monate vorher gepflanzte "Hitlerlinde" von Unbekannten beschädigt worden war, wurden wenige Tage später fünf frühere SPD-Mitglieder aus dem Ort verhaftet und ins Konzentrationslager Osthofen bei Worms gebracht. Am 10.9.1933 wurde in Hartmannshain ein bisheriger Gemeinderechner und Raiffeisenkassenverwalter wegen angeblicher Beleidigung "führender Persönlichkeiten" der NSDAP verhaftet und für mehrere Tage in Ortenberg in "Schutzhaft" genommen. Auf persönliche Veranlassung von NSDAP-Kreisleiter Dr. Otto Lang wurde auch der Grebenhainer Metzgermeister Heinrich Lind in das KZ Osthofen verschleppt. Anlass dazu waren öffentliche Angriffe gegen die beginnende NS-Herrschaft im Parteilokal "Goldner Stern", woraufhin Heinrich Lind von örtlichen Nationalsozialisten umgehend denunziert worden war. Erst nach einer längeren, rund sechsmonatigen, Haft kam er wieder frei. Heinrich Lind war Mitglied und Aktivist der KPD und Schwiegervater des Bermuthshainer Metzgers und Gastwirts Theodor Hornung II. ("Dammburgersch").

Anlässlich des neu eingeführten Erntedankfestes bzw. "Tag des deutschen Bauern" am 1.10.1933 fand in der aus allen Nähten platzenden Crainfelder Kirche erneut ein von Pfarrer Mitzenheim geleiteter Festgottesdienst statt. Im Anschluss daran fand auf dem Kirchhof eine öffentliche Übertragung der Rede Hitlers von der zentralen Kundgebung auf dem Bückeberg bei Hameln statt, wozu ein Radio mit Lautsprechern aufgestellt war. Nur zwei Tage vorher freilich war von den NS-Machthabern das sogenannte "Reichserbhofgesetz" erlassen worden, welches die Verfügungsgewalt der Bauern über ihren Grund und Boden einschränkte und die im hessischen Teil des Vogelsberges seit Jahrhunderten übliche Realerbteilung verbot.

Rund zwei Wochen nach den Bauern wurden im Kirchspiel Crainfeld auch die heimischen Handwerker durch eine eigene NS-Kundgebung bedacht. Der "Tag des deutschen Handwerks" wurde wieder einmal mit einem Festgottesdienst eingeleitet. Sämtliche Meister, Gesellen und Lehrlinge des Kirchspiels zogen dazu in Arbeitskleidung ins Gotteshaus ein. Angeführt wurden sie von dem alten Crainfelder Gewerbevereinsvorsitzenden Friedrich Schmelz, jetzt entsprechend der "neuen Zeit" als als "Handwerksführer" bezeichnet. Höhepunkt des "Handwerkertages" war ein durch Wagen, mit einer Präsentation der Gewerbe verbunden, gebildeter Festzug von Crainfeld über Bermuthshain nach Grebenhain. Dabei ereignete sich in Bermuthshain ein Unglücksfall, als der ortsansässige Schreinermeister Andreas Komp ("Kompe") nach dem Scheuen der Pferde vom Wagen stürzte und eine Gehirnerschütterung erlitt. Kaum ein Vierteljahr nach dem propagandistischen Ereignis sollte Anfang 1934 allerdings der von dem mittlerweile tödlich verunglückten Friedrich Schmelz maßgeblich aufgebaute Gewerbeverein für Crainfeld und Umgebung von den Nationalsozialisten zerschlagen werden.

Nach der Selbstauflösung der verbliebenen bürgerlichen Parteien und dem gesetzlichen Verbot der Neubildung politischer Parteien am 14.7.1933 war die NSDAP endgültig zur einzigen erlaubten Partei in Deutschland geworden. Somit hatte die Abhaltung einer erneuten Reichstagswahl am 12.11.1933, verbunden mit einer Volksabstimmung über den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, nur mehr propagandistischen Wert, da lediglich eine Partei zur "Wahl" stand, die NSDAP. 309 Wahlberichtigte in Bermuthshain stimmten mit "Ja" für die nationalsozialistische Einheitsliste und den deutschen Austritt aus der Vorgängerorganisation der Vereinten Nationen. Gegenstimmen waren nicht zu verzeichnen.

Schließlich geriet auch das Gedenken an den 450. Geburtstag des Reformators Martin Luther am 19.11.1933 zu einer weiteren Manifestation nationalsozialistischer Macht und Ideologie, zumal die evangelische Kirche damals noch weitgehend mit den Zielen der NSDAP übereinstimmte. Der schon obligatorische Festgottesdienst in der Crainfelder Pfarrkirche wurde von der heimischen SA, den NSDAP-Ortsgruppen Crainfeld, Grebenhain und Bermuthshain sowie den örtlichen Vereinen in voller Stärke besucht. Wie Pfarrer Mitzenheim danach niederschrieb, baue seiner Meinung nach "sich doch die nationalsozialistische Bewegung auf lutherischem Gedankengut auf".

 

Die Pflanzung der "Hitler-Eiche" an der Hauptstraße bei "Dammbauersch" (rechts die Scheune des Hofes) am 1.5.1933. Nahezu die gesamte Ortsbevölkerung ist aus diesem Anlass anwesend. Gut zu erkennen sind die zuvor im Festzug mitgeführten Fahnen des MGV "Eintracht" Bermuthshain, der NSDAP-Ortsgruppe und SA sowie des Kriegervereines. Die Vereinsfahne des MGV (ganz links) ist noch heute erhalten. Die zu Ehren des "Führers" gepflanzte Eiche, hier noch ein junges Bäumchen, wurde allerdings nach Kriegsende 1945 gefällt.
 

Organisation und Struktur der NSDAP in Bermuthshain

Ab 1933 dominierte der Nationalsozialismus das öffentliche Leben in Bermuthshain vollständig, bis in den Zweiten Weltkrieg hinein von einer hohen Zustimmung getragen. Die NSDAP-Ortsgruppe Bermuthshain stellte nun das örtliche Machtinstrument des NS-Regimes dar. Im März 1935 wurde für den Kreis Lauterbach ein noch heute erhaltenes Mitgliederverzeichnis aller Ortsgruppen angelegt. Die NSDAP-Ortsgruppe Bermuthshain hatte zu diesem Zeitpunkt 45 Mitglieder, was nahezu 10% der Gesamtbevölkerung des Ortes entsprach. 30 von ihnen waren vor dem 30.1.1933, also schon in der sogenannten "Kampfzeit", beigetreten. Immerhin 21 Mitglieder gehörten ihr schon zu Beginn des Jahres 1932 an. Bei elf von ihnen fiel das Gründungsdatum der Ortsgruppe (1.4.1930) mit dem Datum ihres Eintritts in die NSDAP zusammen. Sie waren also Gründungsmitglieder der Ortsgruppe. Drei Ortsbewohner hatten sich, wie bereits erwähnt, schon 1929 der nationalsozialistischen "Bewegung" angeschlossen.

Bei allen vor 1933 beigetretenen Mitgliedern handelte es sich nur gebürtige Bermuthshainer. Von den Gründungsmitgliedern war der Älteste 1885 geboren, der Jüngste 1910. Nach 1900 geboren waren insgesamt sechs, kurz vor der Jahrhundertwende (1896) zwei Mitglieder. Die Ortsgruppe wies bei ihrer Gründung also eine sehr junge Altersstruktur auf. Die Geburtsdaten der später bis Anfang 1933 beigetretenen Mitglieder lagen im Zeitraum zwischen 1868 und 1912, wobei aber bis auf zwei Ausnahmen alle nach 1896 und fünf von ihnen sogar erst 1910 oder später geboren wurden. Wie für die gesamte nationalsozialistische Partei charakteristisch, war der Altersdurchschnitt relativ niedrig. Altersmäßig zählten die Mitglieder der Ortsgruppe Bermuthshain teilweise zur "Frontkämpfergeneration" des Ersten Weltkrieges, zu einem großen Teil aber zur Generation der noch nicht verheirateten Handwerker- und Bauernsöhne. Dörflichen Verhältnissen entsprechend haben bei der Mitgliedschaft in der NSDAP auch familiäre und verwandtschaftliche Beziehungen eine Rolle gespielt. So verwundert es nicht, dass unter den Mitgliedern einige Familiennamen besonders gehäuft auftraten, was auch in den Nachbardörfern der Fall war. Andere Familienverbände wiederum hielten sich von einer Mitgliedschaft in der NSDAP fern. Sozial besonders repräsentiert, wenn nicht überrepräsentiert, innerhalb der Ortsgruppe waren Handwerker und andere selbstständige Gewerbetreibende.

Bis 1933 erfüllte Otto Ernst August Pfannstiel die Funktion des Ortsgruppenleiters bzw. "Stützpunktleiters". Bürgermeister blieb er während der gesamten Zeit des "Dritten Reiches". Nach dem Rücktritt Ferdinand Werners als hessischer Staatspräsident am 20.9.1933 geriet Bürgermeister Pfannstiel als dessen enger politischer Weggefährte zeitweise in den Verdacht politischer Unzuverlässigkeit und sein Postverkehr wurde überwacht. Als Ortsgruppenleiter in Bermuthshain wurde er nach der "Machtübernahme" durch Heinrich Oechler V. ("Stoffels") abgelöst. Dieser übernahm auch die Funktion des ersten Beigeordneten und Gemeinderechners der Gemeinde Bermuthshain und blieb fast bis Kriegsende 1945 im Amt.

Nach Dr. Otto Langs Wechsel an die Kreisleitung der NSDAP in Lauterbach wurde die benachbarte NSDAP-Ortsgruppe Grebenhain-Vaitshain, die älteste des Kreises, von dem Grebenhainer Lehrer Albert Mönnig geleitet. Im März 1935 umfasste sie 51 Mitglieder. Die NSDAP-Ortsgruppe Crainfeld unterstand dem örtlichen Arbeiter Heinrich Oechler X. und bestand aus 33 Mitgliedern. Die dritte NSDAP-Ortsgruppe im alten Gericht Crainfeld, in Ilbeshausen, stand unter dem Landwirt Albert Löffler II. als Ortsgruppenleiter und war Anfang 1935 insgesamt 31 Mann stark. Die NSDAP-Ortsgruppe Metzlos-Gehaag unter der Führung von Sägewerksbesitzer Robert Becker erreichte zu dieser Zeit eine Mitgliederstärke von 69, die aus Metzlos-Gehaag, Metzlos, Heisters, Wünschenmoos, Zahmen, Nieder-Moos und Ober-Moos stammten.

Bedeutendste Nebenorganisation der NSDAP war auch nach 1933 zunächst die "Sturmabteilung" (SA) mit dem SA-Sturm 25 Bermuthshain der SA-Standarte 254 Lauterbach. Sturmführer blieb bis 1945 Heinrich Schlotthauer II.. Wie bereits erwähnt, erfolgte im Herbst 1933 die Abspaltung eines eigenen SA-Sturms 24/254 Ilbeshausen. Alle bereits über 40 Jahre alten SA-Männer wurden dem SA-Reserve-Sturm 25 zugeteilt, der von Karl Heinrich Appel ("Dammbauersch") geleitet wurde. Nach der "Machtübernahme" war der Bermuthshainer SA-Sturm vorwiegend auf die feierliche Umrahmung von Propagandamärschen zu "nationalen Feiertagen" und die Wehrerziehung festgelegt, aber auch maßgeblich an Übergriffen gegen einheimische Juden beteiligt.

Die männliche Dorfjugend war bereits 1933 weitgehend in der "Hitlerjugend" (HJ), sofern über 14 Jahre alt, "erfasst". Zwischen 10 und 14 Jahre alte Jungen gehörten zum "Deutschen Jungvolk" (DJV). Jugendliche über 18 Jahre wurden zum Eintritt in die SA angehalten. Am 8.3.1934 wurde auch für die Mädchen in Bermuthshain eine Gruppe des "Bundes Deutscher Mädel" mit zunächst neun Mitgliedern gegründet. Analog zum DJV existierte der "Jungmädelbund". Schon vor der offiziellen gesetzlichen Regelung 1936 gehörten nahezu alle Bermuthshainer Kinder einer der Organisationen an, zumal es in dem vergleichsweise kleinen Dorf kaum möglich war, sich der Mitgliedschaft zu entziehen. Die Leitung der DJV- und HJ-Formationen in Bermuthshain wurde den Quellen zufolge von den örtlichen Lehrern wahrgenommen. Erste Führerin des Bermuthshainer BDM war Anna Oechler ("Stoffels").

Nicht ganz so eilig hatte man es anscheinend mit der Eingliederung auch der örtlichen Frauen in die NS-Organisationen. Erst nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, nämlich am 9.3.1941, wurde in Bermuthshain eine Ortsstelle des "Deutschen Frauenwerkes" bzw. der "Nationalsozialistischen Frauenschaft" gegründet. Unter den in Bermuthshain tätigen "Gliederungen", d. h. Nebenorganisationen, der NSDAP ist weiterhin die "Nationalsozialistische Volkswohlfahrt" (NSV) zu erwähnen. Die NSV war ein 1933 gegründeter NS-Wohlfahrtsverband, deren Leiter in Bermuthshain der Revierförster a. D. Wilhelm Dillemuth war. Durch ehrenamtliche Beauftragte wurden im Dorf für diese Organisation Geld- und Naturalienspenden gesammelt, insbesondere für das sogenannte "Winterhilfswerk". Ende 1937 hatte die NSV-Ortsgruppe Bermuthshain 63 Mitglieder.

Für die Durchsetzung der nationalsozialistischen Landwirtschaftspolitik, wie dem Reichserbhofgesetz oder der Zwangsbewirtschaftung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, war der am 13.9.1933 gegründete "Reichsnährstand" zuständig. Auf Gemeindeebene wurden "Ortsbauernschaften" gebildet und "Ortsbauernführer" eingesetzt. Der für Bermuthshain zuständige Ortsbauernführer war Otto Rausch ("Doktersch"). Seit 1934 war auch der Reichsluftschutzbund, formal keine NS-Organisation, sondern dem Reichsluftfahrtministerium unterstellt, in Bermuthshain aktiv. Die hierfür zuständige Ortsgruppe war in Grebenhain angesiedelt. Nach dem Bau der "Volkshalle", auch als "Adolf-Hitler-Heim" bezeichnet, am Marktplatz verfügten die NSDAP-Ortsgruppe und der SA-Sturm Bermuthshain dort über eigene Dienst- und Büroräume. Als Versammlungsraum und Parteilokal wurde ansonsten das Gasthaus "Zum Goldenen Stern", wie schon vor 1933, benutzt. Dort war neben der Gasthaustreppe auch ein Aushängebrett für Bekanntmachungen befestigt. Die Schriftführung und auch die Pressearbeit (durch einen "Pressewart") wurde in den meisten Dörfern, so auch in Bermuthshain, zumeist durch den örtlichen Lehrer wahrgenommen. Von 1934 bis 1938 verwaltete der damalige Lehrer Heinrich Bauer zudem die Kasse der NSDAP-Ortsgruppe. Sämtliche Akten der NSDAP in Bermuthshain wurden kurz vor dem Eintreffen amerikanischer Fronttruppen am 31.3.1945 vernichtet.

Alle Ortsgruppen der NSDAP im Kreis Lauterbach unterstanden ihrerseits der Kreisleitung in Lauterbach, die ja zum Zeitpunkt der Machtübernahme 1933 durch Dr. Otto Lang geführt wurde. Der Kreisleiter erlangte mit der offiziellen Berufung zum Kreisdirektor (Landrat) am 30.1.1934 den Höhepunkt seiner Karriere innerhalb des NS-Staates. Er erwies sich jedoch, wie viele der 1933 in Verwaltungspositionen gelangten "alten Kämpfer" als völlig unfähig in der Verwaltung des Kreises Lauterbach und machte u. a. durch die faktische Selbstbewilligung einer persönlichen Zulage von 2.500 RM im Kreistag von sich reden. Dies nahmen seine parteiinternen Rivalen zum Anlass, seine "Beurlaubung" zum 20.10.1934 durchzusetzen. Am 19.12.1935 erfolgte der Ausschluss des einst mit dem "goldenen Parteiabzeichen" ausgezeichneten Lang aus der NSDAP. Er verzog 1936 von Angersbach nach Soltau in der Lüneburger Heide, wo er 1955 starb. Nach seinem Sturz wurde der ehemalige Wegbereiter und "Vorkämpfer" des Nationalsozialismus im Kreis Lauterbach zur Unperson und in der Lokalpresse nicht mehr erwähnt. Als Langs Nachfolger wurde der bisherige Kreisdirektor von Schotten, Alfred Zürtz, noch 1934 zum neuen Kreisleiter und Kreisdirektor in Lauterbach ernannt. Letzteres Amt übergab er 1937 an den Regierungsrat Otto Bonhard aus Worms. NSDAP-Kreisleiter von Lauterbach und ab 1939 auch des Nachbarkreises Alsfeld sollte Alfred Zürtz bis zum Kriegsende 1945 und seiner Verhaftung durch amerikanische Soldaten bleiben.

 

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