Die Vogelsbergbahn

 

Personenzug mit Dampflok 86 227 auf der Vogelsbergbahn zwischen Lauterbach (Süd) und Blitzenrod 1949.

 

Der Bahnbetrieb

Die Vogelsbergbahn war insbesondere auf den Abschnitten oberhalb von Gedern eine ausgesprochene "Gebirgsbahn". Die Geländeschwierigkeiten aufgrund der Höhenunterschiede schon beim Bau der Strecke waren beträchtlich. Umfangreiche Geländeeinschnitte und meterhohe Dämme waren erforderlich. So musste nahe dem Bahnhof Hartmannshain ein 600 m langer und 10 m tiefer Einschnitt vorgenommen und in der Gemarkung Bermuthshain einige Gesteinsformationen durch Sprengung durchbrochen werden. Wegen der starken Niederschläge im Herbst und dem beträchtlichen Schmelzwasser im Frühjahr wurden zahlreiche Durchlässe gebaut, und den Bahnkörper nicht zu gefährden. Gegen Schneeverwehungen im Winter sollten Draht- und Bretterzäune sowie Hecken- und Fichtenanpflanzungen Schutz bieten. Dennoch kam es in besonders harten Wintern nicht selten vor, dass Lokomotiven und Züge in vom Schnee zugewehten Geländeeinschnitten stecken blieben und vom Bahnpersonal freigeschaufelt werden mussten.

Um die hohen Steigungen überhaupt bewältigen zu können, waren besonders leistungsfähige Lokomotiven notwendig. Während der Zeit der Deutschen Reichsbahn und teilweise der Deutschen Bundesbahn waren dies Dampflokomotiven der Baureihen 86 und 65, mit denen sowohl die Personen- als auch die Güterzüge bespannt wurden. Die Luftmunitionsanstalt Hartmannshain, die ab 1936 zum größten Anschließer auf der ganzen Strecke wurde, setzte auf ihrem Anschlussgleis zur Haltestelle Oberwald übrigens zwei wehrmachtseigene Kleindiesellokomotiven ein. Besonders im Winter waren die Züge auf der Vogelsbergbahn wegen der Steigungen nicht selten mit zwei oder sogar drei Dampflokomotiven bespannt. Die Personenwagen waren überwiegend C-Wagen, welche die 3. Klasse führten. Seit den 1950er Jahren ersetzte man diese durch dreiachsige Umbauwagen der Gattung B3y, die bis zur endgültigen Ersetzung lokbespannter Züge im Einsatz blieben. Neben den fahrplanmäßigen Reisezügen verkehrten ab den späten 1930er Jahren auch Sonderzüge von Frankfurt am Main aus nach Hartmannshain und Ilbeshausen, die Wintersportler in die Ski- und Rodelgebiete im hohen Vogelsberg brachten. Im Bundesbahnkursbuch führte die Strecke die Nummer 169c.

Mitte der 1950er Jahre begann die "Verdieselung" der Vogelsbergbahn, die 1963 abgeschlossen wurde. Zunächst wurden noch die morgendlichen und abendlichen Züge an Werktagen durch Dampflokomotiven der Baureihe 86 gezogen, dann aber vollständig durch dieselgetriebene Schienbusse der Baureihen 795 und 798 ersetzt. Die Güterzüge wurden mit Dieselloks der Baureihen 211 und 212 bespannt und blieben dies über das Ende des Reisezugverkehrs hinaus bis zur endgültigen Stilllegung.

 

Der Bahnübergang der Kreisstraße zwischen der B 275 und Bermuthshain Anfang der 1950er Jahre, links im Hintergrund das Gasthaus "Zur Eisenbahn". Die Sicherung bestand aus einem Andreaskreuz, das später von einer Blinklichtanlage ergänzt wurde. Im Vordergrund auf dem Motorrad Wilhelm Dillemuth ("Brennerjes", Fahrer) und Walter Heutzenröder ("Bieljes", Rücksitz). 
 

Unglücke und Betriebsstörungen

Natürlich blieb auch die Vogelsbergbahn im Lauf ihrer rund neunzigjährigen Betriebsdauer von kleineren und größeren Störungen, auch Unglücken, nicht verschont. Es würde aber zu weit gehen, diese alle aufzuführen. Dass der Zugverkehr auf dieser Mittelgebirgsbahn besondere Herausforderungen barg, zeigte schon der Eröffnungszug am 1.4.1906, der trotz zweier Lokomotiven die Steigung zwischen dem Bahnhof Bermuthshain und der Haltestelle Oberwald zunächst nicht bewältigen konnte. Am 30.1.1920 war im Bahnhof Bermuthshain bei der Abfahrt eines Güterzuges mit Personenbeförderung "vergessen" worden, die bereits besetzten Personenwagen anzukuppeln, so dass der Zug vom Oberwaldsbahnhof wieder zurückfahren musste. Glimpflich ging auch der Zusammenstoß eines Zuges am 27.9.1926 mit einem Handkarren an einem  Bahnübergang oberhalb von Bermuthshain ab, den der örtliche Landwirt Balthasar Müller dort abgestellt hatte. Ernstere Folgen hatte dagegen ein Rottenunfall am 27.8.1928. Ein bei voller Fahrt einer Arbeitsrotte zwischen Bermuthshain und Hartmannshain zugeworfener Beutel Schrauben traf den Rottenführer so unglücklich, dass dieser schwer verletzt wurde. Im Jahr darauf erlitt ein Mann am Bahnhof Bermuthshain bei der Langholzverladung schwere Quetschungen.

Nicht in direktem Zusammenhang mit dem Bahnbetrieb stand der Tod einer jungen Frau aus Bermuthshain im Zug zwischen Nösberts und Ilbeshausen am 12.12.1932, die zu einer Blinddarmoperation nach Lauterbach wollte. Die allmähliche Zunahme des Kraftverkehrs war wohl mit ursächlich für den Zusammenstoß eines LKW mit Anhänger mit einem Zug von Lauterbach am Bahnübergang neben dem Oberwaldbahnhof. Der Anhänger wurde am 29.8.1936 von der Lok erfasst und schwer beschädigt. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurden die Züge auf der Vogelsbergbahn wiederholt zum Angriffsziel amerikanischer Jagdbomber. Mehrere Tote, darunter der Bermuthshainer Johannes Löffler, waren nach einem Angriff bei Crainfeld am 18.3.1945 zu beklagen. Das Reisen wurde unter diesen Umständen lebensgefährlich und im März 1945 kam der Bahnbetrieb ganz zum Erliegen.

Eines der schwersten Unglücke auf der Vogelsbergbahn in Friedenszeiten ereignete sich am 4.2.1950 am Bahnübergang unterhalb der Crainfelder Schule. Ein mit drei Insassen, darunter der Bürgermeister Johannes Ochs aus Ilbeshausen, besetzter PKW befuhr unvorsichtigerweise den Überweg beim Herannahen eines Güterzuges. Dieser erfasste das Auto und schleifte es 300 m weit mit. Bürgermeister Ochs überlebte schwer verletzt, während seine beiden Begleiter aus dem zertrümmerten Wrack herausgeschleudert wurden und ums Leben kamen.

 

Eingeschneite Dampflok zwischen den Stationen Oberwald und Hartmannshain im Kriegswinter 1940/41.

 

Das Ende der Vogelsbergbahn

Nach der Eröffnung der Bahnstrecke zwischen Stockheim und Lauterbach wurde diese rasch ihrer zugedachten Bedeutung als verkehrserschließende "Lebensader" des hohen Vogelsberges gerecht. Schon nach kurzer Zeit waren viele der Bahnstationen sosehr ausgelastet, dass Erweiterungen der Verladerampen und Güterschuppen vorgenommen werden mussten. Umfangreiche Holztransporte wurden über die Bahnhöfe abgewickelt, ebenso wie Bermuthshainer Butterhändler oder Schneeschuhmacher die Bahn für den Versand ihrer Waren nach Frankfurt und bis in das Ruhrgebiet in Anspruch nahmen. Auch Behördengänge zum Kreisamt nach Lauterbach und zum Amtsgericht nach Herbstein erleichterte die Bahn ebenso wie manchen Ausflug der örtlichen Volksschule oder des Gesang- und Kriegervereins. In den Kriegen 1914-1918 und 1939-1945 trat so mancher Bermuthshainer vom örtlichen Bahnhof eine Reise ohne Wiedersehen an und rollten im letzteren die Munitionszüge von und zur nahen "Muna". Auch die Entstehung des Fremdenverkehrs im hohen Vogelsberg, man denke nur an die 1902 gegründete Siedlungskolonie Hochwaldhausen bei Ilbeshausen, wäre ohne die Bahn unvorstellbar gewesen.

Mit dem "Wirtschaftswunder" in der Bundesrepublik und der damit einhergehenden Massenmotorisierung begann der Niedergang auch der Vogelsbergbahn. Bereits in den 1950er Jahren setzte die DB zwischen Lauterbach und Frankfurt am Main eigene Bahnbusse ein, die zum Teil auch noch direkt parallel zur Schiene verkehrten und der Bahn damit einen Teil ihres Verkehrs nahmen. Überdies hatten diese Busse den Vorteil, die einzelnen Ortszentren direkt anfahren zu können, während ja nicht wenige der Bahnhöfe außerhalb der Ortschaften gelegen waren. Touristen aus der Rhein-Main-Region reisten zunehmend mit dem eigenen PKW an. Auch in den Dörfern des Vogelsberges nahm ab den 1960er Jahren die Zahl der privaten PKW-Besitzer zu, ebenso verlagerte sich der Güterverkehr auf den LKW-Transport über die Straße wie der B 275, die ja zum größten Teil parallel zur Bahnlinie verlief. In den 1960er Jahren wurde der Personen- wie der Güterverkehr auf der Vogelsbergbahn, wie auf den meisten Nebenstrecken der DB, zunehmend defizitär. 1968 machte die DB daher ihre Absicht, die Strecke "eventuell" vollständig stillzulegen, öffentlich bekannt. Zum Beginn des Winterfahrplans 1975 erfolgte die Einstellung des Personenverkehrs zwischen Stockheim und Lauterbach (Nord) und die Einstellung des Personen- und Güterverkehrs zwischen Ober-Seemen und Oberwald.

Am 28.9.1975 verkehrte zum allerletzten Mal nach fast genau 69 Jahren und 6 Monaten ein fahrplanmäßiger Personenzug zwischen Stockheim und Lauterbach (Nord) auf der Vogelsbergbahn. Lediglich einige Nostalgiefahrten von Lauterbach (Nord) nach Grebenhain, zuletzt 1993, gaben Eisenbahnfreunden noch einmal die Möglichkeit, die Fahrt auf einer der schönsten Bahnstrecken Hessens mitzuerleben. Bereits 1975/76 wurde die gesamte Strecke von Oberwald über Hartmannshain bis Ober-Seemen abgebaut. Der Güterverkehr hielt sich noch einige Zeit länger. Zuletzt wurde nur noch das Kartonagenwerk Stabernack im Oberwald durch eine morgendliche Übergabe bedient. Nachdem die Firma Stabernack auf ihren Anschluss verzichtete, entschloss sich die DB 1989, auch den damit unrentabel gewordenen Restgüterverkehr aufzugeben. Die Stilllegung der Strecke wurde sogleich beantragt. Am 31.3.1991 erfolgte die Einstellung des Güterverkehrs zwischen Grebenhain und Oberwald und am 29.5.1994 zwischen Grebenhain-Crainfeld und Lauterbach (Süd). Lediglich das kurze Teilstück zwischen Lauterbach (Nord) und Lauterbach (Süd) wurde noch bis 2001 bedient. Der südliche Abschnitt der Vogelsbergbahn zwischen Ober-Seemen bzw. Gedern und Stockheim war bereits 1984 für den Güterverkehr stillgelegt und danach abgebaut worden.

  

Gleisauswechslung am Bahnübergang der B 275 nahe der Holzverladestelle Oberwald durch einer Arbeitsrotte im Jahr 1969. Die Haltestelle Oberwald, ab 1975 Endpunkt der Reststrecke von Lauterbach mit dem Anschlussgleis zur Firma Stabernack (ehem. Luftmunitionsanstalt Hartmannshain) ist rechts im Hintergrund zu sehen.
 

Erhalten geblieben und bis heute für den Personenverkehr im Betrieb ist das 31 km lange (von einst 91 km), historisch jüngste, Teilstück zwischen Bad Vilbel und Stockheim. Nachdem auch hier in den 1980er Jahren eine Stilllegung im Gespräch war, sind die Fahrgastzahlen durch ein verändertes Angebot an moderneren Regionalzügen massiv angestiegen. Statt einer Stilllegung wurde daher massiv in die Infrastruktur der Strecke investiert. Sie wird heute allgemein "Niddertalbahn" genannt, nach dem Flüsschen Nidder, das die Bahn ab Bad Vilbel begleitet. Im Bahnhof Stockheim, wo einst die eigentliche Streckenführung durch den hohen Vogelsberg begann, erinnert heute eine große Modellbahnanlage an die Vogelsbergbahn. Nachgebaut wurde der Streckenverlauf zwischen Stockheim und Ober-Seemen im Maßstab 1:87. Auch im Schloss Gedern existiert ein kleines Museum mit Diorama zur Geschichte der Bahnstrecke. Nur wenige Publikationen zum Thema sind bisher erschienen, darunter "140 Jahre Eisenbahn in Oberhessen" von Adolf Kaiser im Jahr 2010.

Erst in ihren letzten Betriebsjahren kam für die Rumpfstrecke zwischen Lauterbach (Nord) und Oberwald die Bezeichnung "Oberwaldbahn" auf, unter der heute leider selbst viele Eisenbahninteressierte die ursprüngliche Vogelsbergbahn nur noch kennen. Dazu hat noch wesentlich beigetragen, dass die Bezeichnung "Vogelsbergbahn" in der Öffentlichkeit und bahnamtlich zur selben Zeit für die Bahnstrecke Gießen-Fulda übernommen wurde. Obgleich diese Bahnlinie den eigentlichen Vogelsberg höchstens an seinen nördlichen Ausläufern streift, haben sich die irreführende Bezeichnung und damit der "Namensdiebstahl" in der Folgezeit durchgesetzt. In der Blütezeit der Vogelsbergbahn waren für die Bahnstrecke übrigens gelegentlich noch verschiedene lokale Kosenamen in Gebrauch, welche die Verbundenheit der Bevölkerung mit "ihrer" Bahn widerspiegeln. So wurde besonders der südliche Teil der Strecke und wird die jetzige Niddertalbahn bis heute auch "Stockheimer Lieschen" genannt, in Anlehnung an die frühere Besitzerin einer beliebten Bahnhofsgaststätte in Stockheim. Daneben soll auch der Name "Ilbeshäuser Lieschen" verwendet worden sein, in Anlehnung an den Bahnhof Ilbeshausen, der eine wichtige Ein- und Ausstiegsstelle für Wintersportler und Touristen im Fremdenverkehrsort Hochwaldhausen war.

Im März/April 1997 erfolgte der Abbau der Gleisanlagen zwischen Oberwald und Lauterbach (Süd), nachdem seitens der Anliegergemeinden, insbesondere der Großgemeinde Grebenhain, noch einige Versuche unternommen worden waren, die Strecke für einen weiteren Betrieb, z. B. als Museumsbahn, zu erhalten. Diese Bemühungen hatten zwar keinen Erfolg, mündeten aber letztendlich in die Idee einer Bürgerinitiative, auf der ehemaligen Bahntrasse einen Radweg anzulegen. Der Vulkanradweg wurde am 1.5.2000 zwischen Lauterbach und Grebenhain offiziell eröffnet und in den kommenden Jahren über die gesamte Strecke der alten Vogelsbergbahn verlängert. Somit ist es auch heute noch möglich, diese traditionsreiche Bahnstrecke im wahrsten Sinne des Wortes zu "erfahren", wenn auch leider nicht mehr auf Schienen.

 

"Abschied von der Schiene": Der letzte planmäßig verkehrende Schienenbus (798 572-4) auf der Vogelsbergbahn am 28.9.1975 im Bahnhof Hartmannshain. Im Unterschied zu den meisten Zügen in den letzten Betriebsjahren war dieser einem Sonderzug gleich voll besetzt.

 

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