Gefriergemeinschaft Bermuthshain

 

Das Gefrierhaus in der Obergasse in Bermuthshain ist ein noch heute sichtbares "Kind" der Entwicklung ländlicher Räume in den 1950er und 1960er Jahre. Unter dem Schlagwort "Soziale Aufrüstung des Dorfes" sollte insbesondere im Bundesland Hessen die kulturelle "Rückständigkeit" des Landlebens im Verhältnis zu den städtischen Ballungsregionen überwunden werden. Ansätze zur Schaffung gemeinschaftlich zu nutzender Einrichtungen gab es schon seit dem späten Kaiserreich und am bekanntesten sind in Hessen bis heute die Dorfgemeinschaftshäuser. Unter ihrem Dach wurden moderne Gemeinschaftsräume, -bäder, -backräume und eben -kühlräume vereint. Wo es in den 1950er und 1960er Jahren nicht zur Errichtung eines Dorfgemeinschaftshauses kam, wie in Bermuthshain, übernahmen zumeist eigens geschaffene Gebäude diese Aufgaben. Die Gemeinschaftsgefrieranlagen, deren Vorbild aus den USA stammte, wurden zunächst als Kaltraumanlage konzipiert, bevor sich die Warmraumanlagen mit einzelnen Gefrierfächern allgemein durchsetzten. Aus heutiger Sicht stellte die Einführung der Gefrierkonservierung im ländlichen Raum eine regelrechte Revolution dar und bewirkte die "Umerziehung" der Landbevölkerung in ihren bis dahin jahreszeitgebundenen Ernährungsgewohnheiten. Im nordhessischen Kirchbauna wurde 1953 die erste dieser Anlagen in Hessen in Betrieb genommen.

Nachdem schon in anderen Vogelsberggemeinden Gemeinschaftsgefrieranlagen errichtet worden waren, stieß die Idee Anfang 1964 in Bermuthshain auf großes öffentliches Interesse. Noch am 11.3. des gleichen Jahres fand die Gründungsversammlung der Gefriergemeinschaft Bermuthshain statt. 63 anwesende Ortseinwohner traten auch sogleich der neuen Vereinigung bei. Von der Versammlung wurde Heinrich Jockel V.("Petersch") zum Vorsitzenden gewählt. Der weitere Vorstand wurde durch Ernst Oechler III. ("Säuherts"), Friedrich Karl Luft ("Schmeddebaste"), Heinrich Schlotthauer III. ("Annas") sowie Rechner Karl Oechler V. ("Hohlewies") gebildet.

Es wurden sogleich Besichtigungsfahrten zu bereits bestehenden Gefrierhäusern durchgeführt und auch schon Angebote für den Bau eingeholt. Am 14.5.1964 beschloss die Gemeinde Bermuthshain, ein Geländestück unterhalb vom Gemeindehaus in Erbpacht für die Errichtung des Gefrierhauses zur Verfügung zu stellen. Um die Baukosten möglichst niedrig zu halten, wurden die Bauarbeiten weitgehend in Eigenleistung durchgeführt. Dennoch verschlang der Bau 54000 DM. Das Gefrierhaus, ein nüchterner verputzter Massivbau im Stil der 1960er Jahre, konnte schließlich im Februar 1965 in Betrieb genommen werden. Zwei getrennte Anlagen bildeten die Tiefgefrieranlage und versorgten jeweils 34, zusammen also 68, Gefrierfächer mit einem Fassungsvermögen von 260 l. Hinzu kam ein Vorfroster. Für jedes Fach war ein Erstbeitrag von 250 DM zu zahlen. Jeder Nutzer erhielt einen individuellen Schlüssel ausgehändigt.

An den Raum mit den Gefrierfächern schloss sich ein Schlachtraum an, der für die zum Errichtungszeitraum noch sehr häufigen Hausschlachtungen gebraucht werden konnte. An den Schlachtraum war wiederum ein Kühlraum zur Lagerung des geschlachteten Viehes angegliedert. Für die Benutzung des Schlachtraumes war ein Beitrag von 5-10 DM bei Schweinen und 8 DM bei Großvieh, für den Kühlraum 1 bis 3 DM zu entrichten. Nichtmitglieder zahlten das Doppelte. Bis heute ist das Innere des Gefrierhauses unverändert im Zeitgeschmack der Erbauungszeit erhalten und auch die Gefrieranlage versieht seitdem ihren Dienst.

In den Anfangsjahren wurden für die Benutzung der bis dahin ungewohnten Tiefgefrierfächer und das Einfrieren eigens Informationsveranstaltungen durchgeführt. Schon Ende der 1960er Jahre deutete sich ein Wandel mit dem Rückgang der Hausschlachtungen an. In dem einen Jahr zwischen 1967 bis 1968 schmolz allein die Benutzungszahl des Schlachtraumes von 269 auf 154 Schlachtungen zusammen. Diese Entwicklung setzte sich kontinuierlich fort und heute wird der Schlachtraum eher selten gebraucht.

 

Das Gefrierhaus in der Obergasse Bermuthshain 2008. Links der Schlachtraum, rechts der Raum mit den Gefrierfächern.

 
1968 wurde zwischen der Gemeinde Bermuthshain und der Gefriergemeinschaft ein neuer Pachtvertrag abgeschlossen und 1972 mit der Firma Kälte-Acker, Neuenhaslau, über die dreimalige jährliche Inspektion der Kühlanlagen. Das Erbpachtverhältnis zwischen Gefriergemeinschaft und Gemeinde Bermuthshain ging mit der Gebietsreform an die Großgemeinde Grebenhain über. Am 31.1.1972 wurde Karl-Heinz Oechler zum Rechner anstelle seines verstorbenen Vaters Karl Oechler V. gewählt und blieb dies bis heute. Schließlich brachte die Jahreshauptversammlung am 3.2.1972 ein Novum in der Geschichte von Bermuthshain, als mit Erika Wittmann als Beisitzerin erstmals eine Frau in einen Vereinsvorstand gewählt wurde. 1973 wurden neue Regale im Kühlraum eingebaut. Der Platz vor dem Gefrierhaus war bereits im Vorjahr geteert worden. 1977 schaffte die Gefriergemeinschaft eine neue Kühlanlage der Firma Kälte-Acker an. Ein neuer Außenanstrich des Gefrierhauses war ebenfalls erforderlich und wurde im Rahmen der Aktion "Unser Dorf soll schöner werden" vorgenommen.

Am 14.2.1979 wurde Erika Luft ("Schmedebaste") zur neuen Vorsitzenden gewählt und blieb dies bis zur Gegenwart. Erich Wies ("Bensels") übernahm die Position eines Gerätewarts. 1981 legte die Gefriergemeinschaft fest, dass das Kühlhaus nur noch von Mitgliedern genutzt werden durfte. Eine Renovierung des gesamten Gefrierhauses fand 1983 statt. Die Jahresgebühr für ein Gefrierfach betrug mittlerweile 80 DM (heute 60 €). Wie der gesamte Ort wurde das Gefrierhaus 1988 an die neue Erdverkabelung des Stromnetzes angeschlossen. 1990 wurde über einen Ersatz für die mittlerweile 25 Jahre alte Gefrieranlage diskutiert, aber keine Einigung erzielt. Dagegen schaffte die Gefriergemeinschaft auf Kosten der örtlichen Jagdgenossenschaft einen gebrauchten Elektro-Schlachtkessel an. Der Schlachtraum wurde in der Folgezeit wieder etwas häufiger, auch im Rahmen von Schlachtfesten, benutzt. Seit 1991 ist Wilfried Siebenlist Schriftführer und Gerätewart.

1991 erhielt der straßenseitige Giebel eine Verkleidung aus weißen Aluminium-Profilplatten, die in den folgenden Jahren bis 1996 auf das gesamte Gebäude ausgedehnt wurde. 1993 konnten von einer stillgelegten Gefrieranlage gebrauchte Türen beschafft und ausgetauscht werden. 1995 fiel eine der mittlerweile über 30 Jahre alten Kältemaschinen aus und musste ersetzt werden. Ebenso musste das Aggregat im Kühlraum neu eingestellt werden, da die Kühlflüssigkeit nicht mehr neuesten Vorschriften entsprach. Ein Bewegungsmelder am Hof wurde 2000 angebracht. Im Rahmen der Dorferneuerung war 2001 anfänglich geplant, auch das Gefrierhaus zu sanieren, wozu es jedoch nie gekommen ist. Von den stillgelegten Anlagen in Zahmen und Schlechtenwegen wurden 2005 verschiedene Verschleißteile erworben, um die Ersatzteilversorgung des Gefrierhauses längerfristig sicherzustellen.

Die Benutzung der Gefrierfächer ging in den 1990er Jahren immer mehr zurück, zumal private Gefrieranlagen (Kühlschränke) schon lange in den Haushalten anzutreffen waren und zusätzlicher Gefrierraum nicht mehr in diesem Maß notwendig war. 2006 gab es im Bermuthshainer Gefrierhaus bereits fünf unbenutzte, zwei vereiste (unbenutzbare) und 25 nur noch kurzzeitig benutzte Fächer. Das Alter der einst hochmodernen Anlage ist unübersehbar geworden. Mittlerweile steht die Einrichtung in der Großgemeinde Grebenhain auch fast alleine da, nachdem ähnliche Gefrierhäuser (wie 2007 das Gefrierhaus von Nösberts-Weidmoos) aufgrund rückläufiger Nutzung und veralteter Anlagen bereits stillgelegt wurden. Wie lange das Gefrierhaus und damit die Gefriergemeinschaft in Bermuthshain noch existieren, werden die nächsten Jahre zeigen.

 

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