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Die Bermuthshainer Häuser und Höfe |
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| Ältester Ortsplan von Bermuthshain auf dem Parzellhandriss der Flur I von 1832, gezeichnet durch den Geometer Knewitz. | |||
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Die Besitzer der Bermuthshainer Hofreiten 1818 - 1971 Einer der zweifellos interessantesten Aspekte der Bermuthshainer Ortsgeschichte ist die Abfolge der Besitzer und Bewohner in den alten Bermuthshainer Bauernhäusern und -höfen. Die Besitzgeschichte der alten Hofreiten kann in Bermuthshain seit 1818 lückenlos verfolgt werden, denn in diesem Jahr wurde das erste der vier Brandkataster des Ortes erstellt. Natürlich haben viele der alten Bauernhöfe schon lange vor 1818 bestanden, doch ist es aufgrund fehlender Quellen bisher nicht möglich, die Besitzer weiter zurückzuverfolgen. In den vergangenen 130 Jahren haben die alten Bermuthshainer Hofreiten viele Menschen und Schicksale kommen und gehen sehen. So manches Haus ist aufgrund unterschiedlicher Schicksalsschläge oder Überschuldung und Auswanderung mehrmals verkauft worden. Von 103 Wohnhäusern, die 1818 in Bermuthshain bestanden, sind bis um 1900 insgesamt 30 abgerissen worden, wenngleich bis zum Zweiten Weltkrieg wieder neun Häuser neu entstanden. Von 1818 bis zum Ende der kommunalen Selbstständigkeit bestanden aber 73 Hofreiten permanent. Eine beträchtliche Anzahl von immerhin 45 Bauernhöfen war am Vorabend des Zweiten Weltkrieges schon seit vielen Generationen im Besitz einer Familie gewesen und seit 1818 ausschließlich auf dem Erbweg von einer Generation auf die nächste weitergegeben worden. Die beiden Hofreiten "Dammburjersch" und "Nienammels" waren sogar noch am Ende der kommunalen Selbstständigkeit 1971/72 seit 1818 ausschließlich vom Vater auf den Sohn vererbt werden. Diese für ein Dorf typischen Besitzkontinuitäten der Häuser und Höfe gehören aufgrund des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandels seit dem Zweiten Weltkrieg allerdings auch in Bermuthshain schon in vielen Fällen der Vergangenheit an. Wie in jedem Dorf kannte man auch in Bermuthshain früher jedes Haus und seine Besitzerfamilie unter dem eigenen individuellen Hausnamen. Die Hausnamentradition ist älter als diejenige der Familiennamen, die sich in Deutschland erst seit dem 12. und 13. Jahrhundert herausbildeten. Aufgrund der Gleichheit vieler Vor- und Familiennamen im Dorf war der Hausname als Unterscheidungsmittel quasi unverzichtbar. Erst seit 1821 gab es die amtlichen Beizeichen als Namensbestandteil eines Ortsbürgers, die Anfang der 1950er Jahre abgeschafft wurden. Hausnamen gingen im wesentlichen auf Familien- und Vornamen eines früheren Hausbesitzers, auf Berufsbezeichnungen, den Standort des Hauses, oder eine besondere Eigenschaft einer Person zurück. Sie schlossen alle in einem Haus lebenden Menschen und Generationen ein, ebenso die zum Hof gehörenden Äcker, Wiesen und das Vieh. Hausnamen konnten mitunter Jahrhunderte in Gebrauch sein, auch wenn die namensgebende Person längst vergessen war. Bei Umzügen innerhalb des Dorfes, wie sie vor allem im 19. Jahrhundert aufgrund der vielen Auswanderungen und Hausverkäufe vorkamen, wurden nicht selten auch die Hausnamen ins neue Haus "mitgenommen". Amtliche Hausnummern wurden in Bermuthshain erst 1818 mit der Anlage des Brandkatasters eingeführt und durch das zweite Brandkataster 1861 geändert. Amtliche Straßennamen wurden in Bermuthshain 1898 eingeführt. Diese ältesten Straßennamen waren die Hauptstraße, die Nebenstraße, die Straße nach Ober-Moos und die Bahnhofstraße. 1957 wurden dann neue Straßennamen eingeführt: Am Lüderbach, Am Rabenberg, An den Dorfwiesen, An der alten Schule, Bahnhofstraße (heute: Am Esch und Vogelsberger Straße), Bergweg, Hauptstraße (heute: Fuldaer Straße), Hochstättenweg, Lichenröther Straße, Lindenweg, Mittelweg (heute: Birkenweg), Mühlweg (heute: Grundweg), Obergasse, Ober-Mooser Straße, Untergasse. Einige dieser Straßennamen wurden 1978, nach der Gebietsreform, geändert und durch die Neubaugebiete kamen neue Namen hinzu. Die folgende Liste enthält alle alten Häuser in Bermuthshain, die im Jahr 1939 bestanden, sowie noch die bis Mitte der 1950er Jahre errichteten Siedlungshäuser. Die moderne Bebauung und insbesondere die beiden Neubaugebiete seit Anfang der 1970er Jahre wurden nicht berücksichtigt. Bei jedem einzelnen Haus sind die Besitzer und ihre Berufe im Zeitraum von 1818 bis 1971 angegeben. Es ist geplant, die Besitzerchronologie in absehbarer Zeit bis in die unmittelbare Gegenwart fortzuführen. Auf jeder einzelnen Seite findet man außerdem auch eine historische Ansicht des Hauses und Informationen zum Hausnamen. Die Angaben zu den Besitzern beruhen hauptsächlich auf den Bermuthshainer Brandkatastern und dem Bermuthshainer Gewerbetagebuch sowie dem Geschlechtsregister der Pfarrei Crainfeld. Die bei den Besitzern genannten Jahreszahlen beziehen sich auf das Jahr von Überschreibung bzw. Kaufes des Hauses oder das Heiratsjahr. Für genauere Informationen zu einem Haus einfach auf den Hausnamen oder die danebenstehende aktuelle Hausnummer klicken! |
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| Hausnummer (aktuell): | Hausname (historisch): | ||
| Am Esch 8 | Luise | ||
| Am Esch 9 | Imhofs | ||
| Am Esch 14 | Hämeljes | ||
| Am Lüderbach 1 | Lufte | ||
| Am Lüderbach 3 | Blumme | ||
| Am Lüderbach 8 | Joste | ||
| Am Lüderbach 10 | Luftjes | ||
| Am Rabenberg 2 | Volze | ||
| Am Rabenberg 7 | Lemkes | ||
| Am Rabenberg 9 | Schindlersch | ||
| Am Rabenberg 10 | Stocke | ||
| Am Rabenberg 11 | Wittmanns | ||
| Am Rabenberg 13 | Sensburgs | ||
| Am Rabenberg 26 | Dammbauersch | ||
| An den Dorfwiesen 2 | Säutskinnjes | ||
| An den Dorfwiesen 4 | Annekinne | ||
| An den Dorfwiesen 5 | Velde | ||
| An den Dorfwiesen 7 | Hanse | ||
| An den Dorfwiesen 12 | Kläsjes | ||
| An den Dorfwiesen 15 | Kloase | ||
| An den Dorfwiesen 23 | Bieljes | ||
| An der alten Schule 1 | Dammburjersch | ||
| An der alten Schule 3 | Götzekannjes | ||
| An der alten Schule 4 | Bensels | ||
| An der alten Schule 6 | Heils | ||
| An der alten Schule 7 | Ahl Schoul | ||
| An der alten Schule 9 | Säuherts | ||
| An der alten Schule 10 | Jächersch | ||
| An der alten Schule 11 | Schmidts | ||
| An der alten Schule 13 | Heckerts | ||
| Bergweg 1 | Bäckerjes | ||
| Bergweg 2 | Lisbeths | ||
| Bergweg 4 | Schreiersch | ||
| Bergweg 5 | Wernnerts | ||
| Bergweg 6 | Stroaßewärtersch | ||
| Bergweg 8 | Ruhls | ||
| Bergweg 11 | Grundhannerjes | ||
| Bergweg 13 | Mauls | ||
| Birkenweg 2 | Doktersch | ||
| Birkenweg 6 | Kannhennersch | ||
| Birkenweg 8 | Scheffersch | ||
| Fuldaer Straße 4 | Schloarschmidts | ||
| Fuldaer Straße 5 | Götzjes | ||
| Fuldaer Straße 11 | Schmedebaste | ||
| Fuldaer Straße 12 | Pittjes | ||
| Fuldaer Straße 17 | Ahlewirts | ||
| Fuldaer Straße 20 | Hirtschneidersch | ||
| Fuldaer Straße 21 | Schefersch | ||
| Fuldaer Straße 22 | Heckemellersch | ||
| Fuldaer Straße 24 | Hoase | ||
| Graue Mühle 1 | Grohe | ||
| Grundweg 4 | Stirskloase | ||
| Grundweg 6 | Hohlkhannes | ||
| Grundweg 7 | Merze | ||
| Grundweg 8 | Hohlewies | ||
| Hochstättenweg 1 | Schloarmellersch | ||
| Hochstättenweg 3 | Stockjes | ||
| Hochstättenweg 5 | Beckels | ||
| Hochstättenweg 7 | Schoulhaus | ||
| Hochstättenweg 8 | Kammveldersch | ||
| Lichenröther Straße 1 | Kompe | ||
| Lichenröther Straße 3 | Hirtschneidersch | ||
| Lichenröther Straße 5 | Scheffersch | ||
| Lichenröther Straße 6 | Zosels | ||
| Lichenröther Straße 8 | Düßels | ||
| Lindenweg 3 | Gutermuths | ||
| Lindenweg 5 | Sandersch | ||
| Lindenweg 6 | Damersch | ||
| Lindenweg 11 | Schloarschmidtshannerjes | ||
| Lindenweg 13 | Brennerjes | ||
| Obergasse 3 | Stirskammbaste | ||
| Obergasse 4 | Gemoane Haus | ||
| Obergasse 5 | Muhrsch | ||
| Obergasse 6 | Kinnfräs | ||
| Ober-Mooser Straße 8 | Stoffels | ||
| Ober-Mooser Straße 11 | Heutzeredersch | ||
| Ober-Mooser Straße 14 | Petersch | ||
| Ober-Mooser Straße 22 | Greßmanns | ||
| Ober-Mooser Straße 23 | Franze | ||
| Ober-Mooser Straße 24 | Säuhennerjes | ||
| Ober-Mooser Straße 33 | Weidels | ||
| Ober-Mooser Straße 35 | Nienammels | ||
| Ober-Mooser Straße 37 | Eberliese | ||
| Ober-Mooser Straße 39 | Schusterjes | ||
| Schneidmühle 1 | Schneidmellersch | ||
| Tannenweg 2 | Förstersch | ||
| Tannenweg 5 | Ahlewegs Lufte | ||
| Tannenweg 10 | Ortstadts | ||
| Tannenweg 11 | Hoase | ||
| Tannenweg 12 | Koarsersch | ||
| Untergasse 1 | Annas | ||
| Untergasse 3 | Kannjerche | ||
| Vogelsberger Straße 4 | Wänersch | ||
| Vogelsberger Straße 6 | Sills | ||
| Vogelsberger Straße 18 | Kaufmanns | ||
| Vogelsberger Straße 23 | Winterheims | ||
| Vogelsberger Straße 27 | Geyersch | ||
| Vogelsberger Straße 39 | Zeechnersch | ||
| Vogelsberger Straße 43 | Bahnhof | ||
| Vogelsberger Straße 44 | Sächewerk | ||
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Ortsplan von Bermuthshain aus dem Jahr 1909. |
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Ortsplan von Bermuthshain 2006 (schematische Darstellung). |
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Hausformen und Hausbau in Bermuthshain Noch bis in die 1950er Jahre hinein war Bermuthshain, wie die meisten Vogelsbergdörfer, ein reines "Fachwerkdorf". Teilweise über 200 Jahre alte Bauernhäuser in der einheimischen Fachwerkbauweise verliehen auch Bermuthshain sein unverwechselbares Gepräge. Nur wenig von dieser alten Bausubstanz hat jedoch die dem "Wirtschaftswunder" folgenden "Modernisierungs- und Neubauwellen" mit all ihren unvermeidlichen oder gewollten "Bausünden" der letzten vier Jahrzehnte überstanden, wie leider so häufig im Vogelsberg. Das "alte Bermuthshain" ist heute meist nur noch auf historischen Fotografien zu bewundern. Die häufigste Hausform in Bermuthshain war das regionaltypische "Vogelsberger Einhaus". Innerhalb der Hausforschung spricht man vom quergeteilten Einhaus. Diese Hausform entwickelte sich im 18. Jahrhundert aus dem älteren Wohnstallhaus mit Scheune. Beim "Vogelsberger Einhaus" befanden sich Wohn- und Wirtschaftsräume unter einem Dach, was aufgrund der rauen Witterung im hohen Vogelsberg sehr von Vorteil war. Der Nutzung entsprechend waren Einhäuser in vier bis fünf aufeinander folgende Zonen quer entlang der Firstrichtung aufgeteilt. Die erste Zone, die "Stubenzone", bildete den Wohngiebel des Hauses und ermöglichte so eine gute Belichtung der Wohn- und Stallräume. Sie beherbergte im Erdgeschoß die Wohnstube sowie an der rückwärtigen Traufseite die Auszugsstube für die Alten. Unter der Decke der Wohnstube verlief ein starker Tragbalken, die so genannte "Do". Jede Stube besaß in der Regel zwei, früher auch drei, kleine Fenster. Die Zimmerdecken wurden bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewusst niedriger als heute gebaut, da die Stuben so immer gleichmäßig warm blieben und an Heizmaterial gespart werden konnte. Im Obergeschoß der "Stubenzone" lag die Oberstube als Schlafraum der Eheleute des Hofes und dahinter die Oberkammer für die Lagerung von Nahrungsmitteln und Geräten. Die zweite Zone wurde durch den "Ern" als Hauseingangsraum (Flur) mit der Küche im rückwärtigen Teil gebildet. Der "Ern" lag etwa 25 cm tiefer als die angrenzenden Stuben. Im "Ern" führte eine Treppe zum Obergeschoß in den "Gang", hinter dem sich eine Abstellkammer, zumeist auch "Gangkammer" genannt, über der Küche befand. Bei den ursprünglichen Rauchhäusern befand sich hier die Räucherkammer. In der dritten Zone lag der Kuhstall und darüber im Obergeschoß die Stallstube oder Stallkammer als Schlafzimmer der Kinder und der etwaig vorhandenen Knechte und Mägde sowie der Stallboden (Lagerraum). Größere Einhäusern hatten zwischen Ern und Stall noch eine weitere Wohnstube. In einigen Fällen, die in Bermuthshain jedoch nicht vorkamen, lag der "Ern" auch an der Giebelwand des Hauses. An die Stallzone schloss sich als vierte Zone die Tenne (Scheune) an, wo die Ernte eingebracht wurde und sich darüber im "Gerist" die Erntebergeräume befanden. In der fünften Zone, die bei kleineren Einhäusern fehlte, lag das "Heuviertel" und im Erdgeschoss häufig weitere Ställe für Schafe und Schweine. Große Einhäuser verfügten sogar noch über eine siebte Zone, das "Grummetviertel". In der Regel stand das quergeteilte Einhaus mit der Traufseite zur Straße. Der Hof mit der Miststätte nahm nur einen breiten Streifen zwischen Haus und Straße ein. Die Eingänge zu Wohnteil, Stall und Scheune lagen auf der straßenzugewandten Traufseite. Manchmal waren Küche und Scheune von beiden Traufseiten erreichbar. Alle Zonen des Hauses waren durch Zugänge untereinander verbunden. Somit waren Stall und Scheune selbst im Winter bei hohem Schnee immer vom Wohnteil aus erreichbar. |
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Grundriss eines typischen "Vogelsberger Einhauses". |
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In der oben beschriebenen "Reinform" war das "Vogelsberger Einhaus" jedoch
nur selten anzutreffen. Vielmehr bedingten die soziale Stellung des
Hausbesitzers, aber auch eine zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft
die Entstehung mehrerer Sonderformen des Einhauses. Besonders häufig war die Form des Einhauses
mit einem rechtwinklig an die Scheune angefügten kleinem Winkelbau, der
zumeist als Schweinestall diente. Größere Bauern erweiterten ihr Einhaus
nicht selten zu einem Zweikanter, auch Winkel- oder Hakenhof genannt. Hier
wurde rechtwinklig an die Scheune ein gleich hohes Wirtschaftsgebäude,
bestehend aus Scheune und Stallung, angebaut. Das Wirtschaftsgebäude war
immer in der Weise an das alte Haus angefügt, dass die neue Scheune an die
alte Scheune angebaut war und somit einen großen zusammenhängenden
Bergeraum bildete. Erst dann folgten die Stallungen, die bei einem Umbau
des quergeteilten Einhauses zu einem Zweikanter immer aus der an den "Ern"
grenzenden Zone in das neue Wirtschaftsgebäude herausgelegt wurden. Der
frühere Stall im Einhaus wurde dann dem Wohnteil einverleibt und
entsprechend umgebaut. Wohn- und Stallteil waren bei dieser Bauform
voneinander getrennt. In einigen Fällen verfügte der Zweikanter auch über
eine überdachte Scheuneneinfahrt mit einem von freistehenden Pfosten und
einem insgesamt kleineren Stall getragenen Dachstuhl, der es erlaubte, bei
Regen den Erntwagen unter Dach fahren und unmittelbar in den darüber
liegenden Dachboden entladen zu können. Weiterhin konnten Einhäuser in
Firstrichtung erweitert werden, sofern genug Platz vorhanden war. Reiche
und wohlhabende Pferdebauern "leisteten" sich am Ende des 19. Jahrhunderts
mitunter ein Gehöft, bei dem Wohngebäude, Scheunen und Stallungen
voneinander getrennt und um einen Hof herum angeordnet waren. Im Gegensatz
dazu waren die Häuser der ärmeren Schichten ebenfalls von Außen als
einstöckige Einhäuser oder als so genannte Stockwerkbauten mit kleinem
Stall im Keller zu erkennen. Die älteren Fachwerkhäuser aus dem 17. bis frühen 19. Jahrhunderts sind durch die Verwendung der Fachwerkkonstruktion des "Mannes" bzw. "Wilden Mannes" sehr gut von den jüngeren Fachwerkhäusern aus dem 19. und 20. Jahrhundert zu unterscheiden, bei denen an die Stelle des "Mannes" ein schräggestellter Pfosten getreten sind. Während bei allen älteren Fachwerkhäusern Eichenholz verbaut wurde, verwandte man bei den späteren Häusern Fichtenholz, das u. a. für Schnitzereien nicht geeignet ist, weshalb kunstvolle Details bei den jüngeren Fachwerkhäusern fehlten. Aufgrund der Witterungsbedingungen im hohen Vogelsberg war das Fachwerk bei den meisten Häusern an den Wetterseiten oder sogar ganz mit hölzernen Schindeln als Kälteschutz verkleidet. Diese Schindeln waren etwa 6 bis 10 cm breite und 20 bis 25 cm lange Holzbrettchen aus Buchenholz, die an einer Seite abgerundet waren und in vierfacher Schicht schuppenförmig übereinander gelegt, auf ein Schalbrett genagelt und dann an dem Fachwerkbalken befestigt wurden. Häufig wurde die Hauswand nach der fertigen Verschindelung in grauer, blauer oder grüner, manchmal auch brauner, Farbe gestrichen. Die Lebensdauer der Holzschindeln betrug über 40 Jahre. Neben den Holzschindeln wurden zur Verkleidung des Scheunengiebels und andere Bereiche des Wirtschaftsteils häufig die größeren Wettbretter in rechteckiger Form verwendet. Seit den 1950er Jahren trat an die Stelle der Verschindelung die "Verschandelung" mit modernen industriell hergestellten Wandverkleidungen wie den berühmt-berüchtigten "Eternitplatten". Neuerdings finden im Vogelsberg an Altbauten auch die hier eigentlich unpassenden Schieferverkleidungen oder die im Vergleich zu Schindeln eher steril wirkende Bretterverschalung der Hausfassaden Verwendung. Die übliche Dachbedeckung der Häuser war bis zum polizeilichen Verbot aus Gründen des Brandschutzes im 19. Jahrhundert das Strohdach. Die daraufhin einsetzende Ablösung des Strohdaches durch das Ziegeldach geschah bereits so frühzeitig, dass die Verwendung von Strohdächern nur auf wenigen sehr alten Aufnahmen von Vogelsbergdörfern dokumentiert ist. Die Strohdächer waren aus einzelnen Teilstücken, so genannten "Schinneln", zusammengesetzt. Diese "Schinneln" wurden so hergestellt, dass man über einen ellenlangen Stock die Strohlage herüberhing, indem man die Ährenbüschel etwa eine Spanne lang nach unten herumschlug. Die so entstandene "Schinnel" wurde an der Unterseite mit Lehm verschmiert und zum Aufdecken mit den beiden seitwärts herausstehenden Enden des Stockes an der Dachlatte angebunden. Die einzelnen "Schinneln" wurden, beginnend an der unteren Dachkante, staffelförmig übereinander gelegt, so dass die höher liegende eine Hand breit über der nächst tieferen zurückstand. Nach und nach wurden die Strohdächer durch Ziegeldächer ersetzt, zunächst durch das Plattziegeldach mit Biberschwanzziegeln, und dann das Falzziegeldach mit Hohlziegeln. |
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Das "Doktersch" Haus, erbaut 1731, ist das schönste Fachwerkhaus von Bermuthshain. |
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Verglichen mit den "Neubauwellen" der vergangenen 40 Jahre war der Neubau eines Hauses in einem Dorf wie Bermuthshain früher eine eher seltene Angelegenheit. Das Bauholz, insbesondere das begehrte Eichenholz u. a. aus dem Gemeindewald im Bronswald an der Gemarkungsgrenze zu Hartmannshain, war in früheren Jahrhunderten knapp und teuer. Eher besserte man ein altes Haus, wenn irgend möglich, aus, anstatt ein neues zu bauen. Da die Bauernhäuser im Vogelsberg ohnehin Mehrgenerationenhäuser waren, wohnte die jüngere Generation nach ihrer Verheiratung natürlich zusammen mit der älteren Generation unter einem Dach. Die ausschließlich landwirtschaftlich-handwerkliche Wirtschaftsstruktur des Dorfes gestattete nur in begrenztem Maß ein Bevölkerungswachstum und damit den Neubau von Häusern. Daher hat sich auch Bermuthshain bis Anfang der 1970er Jahre auch so gut wie nicht baulich ausgedehnt. Der Neubau eines Hauses, insbesondere wenn ein Brand vorausging, war eine Angelegenheit der gesamten Dorfgemeinschaft. So leisteten die "Pferdebauern unentgeltliche Fuhrdienste zum Transport des Baumaterials. Auch beim eigentlichen Hausbau leistete die Nachbarschaft die auf Gegenseitigkeit basierende Hilfe. Die eigentliche handwerkliche Arbeit oblag natürlich den jeweiligen Handwerkern, sprich den Zimmermännern. Eine alte Zimmermannsfamilie aus Bermuthshain im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert war die Familie Schaub. Johann Heinrich Schaub (1717-1801) schuf 1775 das inzwischen (1989) abgerissene alte "Mengersch" Haus in Crainfeld. Sein Sohn Johannes Schaub (1761-1847) erbaute 1780 und 1791 die Hofreiten "Grundhannerjes" und "Säuhennerjes" in Bermuthshain und soll auch am Bau eines Hauses in Eichelsachsen bei Schotten gearbeitet haben. Der Enkel Johannes Schaub (1791-1847) errichtete 1829 das alte Haus der Hofreite "Dammburjersch". Im 19. und 20. Jahrhundert waren auch auswärtige Zimmereien wie die Betriebe Fritz aus Crainfeld und Heineck aus Salz in Bermuthshain tätig. Der Bau eines "Vogelsberger Einhauses" begann mit dem Ausheben der Fundamente und der Unterkellerung des späteren Wohnteils. Keller sollen im Vogelsberg übrigens erst nach Einführung der Kartoffel 1744 üblich geworden sein. Die Grundmauern bestanden aus Bruchsteinen. Als Bauholz wurde wie erwähnt Eichenholz und seit dem 19. Jahrhundert Fichtenholz verwendet. Ursprünglich musste das Bauholz entweder selbst geschlagen oder angekauft werden. Aufgrund der Knappheit des Eichenholzes und aus Kostengründen wurden sehr häufig auch noch brauchbare Balken aus abgerissenen oder abgebrannten Häusern verwendet, so dass Fachwerkhäuser existieren, deren Bauholz älter ist als das Baujahr des Hauses. Es ist auch gelegentlich vorgekommen, dass Fachwerkhäuser an dem einen Ort abgetragen und an einem anderen wiederaufgebaut wurden. Die damit zusammenhängende These vom Fachwerkhaus als "fahrender Habe" ist jedoch übertrieben. Vor dem Hausbau musste der Zimmermann das Holz mit Axt und Beil beschlagen und selbst zurichten ("Ausbeilen"). Sägemühlen wie die 1855 in Bermuthshain gegründete Schneidmühle lieferten später "vorgefertigte" Bauhölzer, bei denen aber nicht gänzlich auf das Ausbeilen verzichtet wurde. Das Zusammenfügen der Balken, das eigentliche Zimmern, geschah in Bermuthshain auf dem Zimmerplatz an der Stelle des heutigen Brandteiches und ging dem Aufstellen des Fachwerks, dem "Aufschlagen", voraus. Mit dem Aufschlagen fand die eigentliche Zimmermannsarbeit ihren durch ein Richtfest. Zum Ausfüllen der Gefache des Fachwerks wurden bis etwa 1860 die so genannten "Fetzgerten" verwendet. Dabei handelte es sich längsgespaltene, etwa armdicke Buchenstämmchen, die in die Gefache gestakt wurden. Das so entstandene Holzflechtwerk wurde von innen und außen mit einem Gemisch aus Lehm und Stroh beworfen und danach glatt verputzt. Später wurden die Gefache mit Lehmsteinen oder auch Schwemm- und Ziegelsteinen ausgefüllt und verputzt. In gleicher Weise war ursprünglich auch die Stallwand gebaut, hatte aber bedingt durch den Stalldunst immer nur eine relativ kurze Lebensdauer. Daher ging man seit etwa 1850 dazu über, sie wie das Fundament aus Bruchsteinen und später Ziegelsteinen mit Verklinkerung zu zu bauen. Die Stallwand abgesehen vom Fundament der einzige in Massivbauweise errichtete Teil des Hauses. Seit 1889 war auch die Errichtung einer Brandmauer zwischen Wohnteil und Wirtschaftsteil gesetzlich vorgeschrieben, um ein Übergreifen eines Feuers von Scheune und Stallungen auf den Wohnteil verhindern. Dennoch findet man in Bermuthshain noch heute erhaltene alte Fachwerkhäuser ohne Brandmauer. |
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| Originalaufnahme eines "Vogelsberger Einhauses" in Bermuthshain ("Bäckerjes") um 1930 mit Wohnhaus, Stall und Scheune (5 Zonen) unter einem Dach. | |||
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Ganz gleich, ob es sich um einen Pferdebauern mit repräsentativer
Gehöftanlage, einen Kuhbauern mit Einhaus oder einen Ziegenbauern mit
Stockwerkbau handelte, so war den Bauernhöfen und ihren Besitzern doch
eines gemeinsam: Das Leben in diesen Häusern war von der patriarchalisch
verfassten "Großfamilie" mit drei bis vier Generationen bestimmt. Neben
der an sich schon konservativen Lebenseinstellung durchdrang vor allem die
familiäre Existenzsicherung durch die Landwirtschaft das gesellschaftliche
Denken und damit auch das Leben im Bauernhaus vollständig. Die damalige
Form der Familie hat wenig mit der heutigen modernen, im Grunde auch
erst nach 1945 auf dem Land durchgesetzten, "Kernfamilie" zu tun. Die ursprüngliche dörfliche Familienform auch in Bermuthshain war das "Ganze Haus", wissenschaftlich auch "Haushaltsfamilie" genannt. Das "Haus" umfasste im engeren Sinn alle blutsverwandten Generationen auf dem Hof und im ferneren Sinn auch dessen Gesinde. Es war in vielfältige Arbeits- und Lebensbeziehungen mit anderen "Häusern" im Dorf eingebunden. Auf die Vorstellung vom "Haus" geht nicht zuletzt der "Hausname" zurück, der ja nicht auf das Gebäude, sondern die in ihm Lebenden gebunden war und daher auch "umziehen" konnte und mit dem auch Knechte und Mägde des Hauses, selbst dort wohnende Pflegekinder, belegt wurden. Die einzelnen Mitglieder hatten sich dem Gesamtinteresse des Bauernhofes, des "Werkes", unterzuordnen. In besonderem Maß galt das bei Eheschließungen. Die jungen Leute mussten "zueinander passen". Man achtete darauf, "standesgemäß" innerhalb der jeweiligen Schicht und Betriebsgröße zu heiraten, damit "die richtige Wies zum richtigen Acker" kam. Da in Bermuthshain wie den anderen althessischen Vogelsbergorten die Realteilung üblich war, wurde darauf gedrungen, dass die einheiratende Schwiegertochter oder der Schwiegersohn mindestens so viel Land mitbrachte, wie den ausheiratenden Kindern mitgegeben wurde. Die weichenden Erben mussten entweder in einen anderen Hof einheiraten oder in städtische Regionen abwandern. "Liebesheiraten" waren ein Fremdwort. Ehescheidungen waren im ländlichen Vogelsberg vor 1945 so gut wie unbekannt. Die Meinung der jungen Leute war bei einer Heirat von untergeordneter Bedeutung. Im Haus blieb als Hauserbe üblicherweise der älteste Sohn, nach dem Ermessen der Eltern konnte es aber ebenso ein jüngerer Sohn oder auch eine Tochter sein. In der Regel unterbanden die Eltern eine mögliche Ehe, wenn der Ehepartner nicht "standesgemäß" war oder beide ein Haus hatten, in dem sie bleiben sollten. Sie bestimmten, welche Schwiegertochter bzw. welchen Schwiegersohn sie haben wollten. Aussteuer bzw. Mitgift wurden bis ins allerkleinste Detail in einem Ehevertrag festgelegt, ebenso auch die materiellen Pflichten der Jungen gegenüber den Alten. Meist sorgten die Kinder aber schon von sich aus dafür, "richtig" zu heiraten, um das Weiterbestehen des Hofes zu ermöglichen. Am einfachsten war das "Heiraten über den Mist", also innerhalb des Dorfes oder sogar von einem Nachbarhaus zum anderen. Hier wusste man naturgemäß am ehesten über die Vorzüge und Nachteile eines potentiellen Ehepartners Bescheid wusste. Nicht selten wurde sogar innerhalb des weiteren Verwandtenkreises geheiratet, da auf diese Weise das "Werk" am einfachsten zusammenzuhalten war. Ein immer wiederkehrendes Phänomen war die "Tauschheirat". In diesem Fall heiratete beispielsweise der älteste Sohn des einen Hofes die eine Tochter des anderen Hofes, während der jüngere Sohn durch Einheirat mit der anderen Tochter dieses Hofes dorthin kam. Schon aufgrund der Tatsache, dass das eigene Dorf der (überschaubare) Lebensraum und die Landwirtschaft die Lebensgrundlage war, ist über die Jahrhunderte nur eine relativ geringe Fluktuation der Namen im Ort als Indiz für die Zahl der Einheiraten von auswärts festzustellen. Bis um 1800 heirateten die Bermuthshainer fast ausschließlich, nachher noch bis zum Zweiten Weltkrieg überwiegend "unter sich". Man kann sagen, dass alle "alten" Bermuthshainer Familien in irgendeiner Weise miteinander verwandt sind. Das eigene Dorf war die durchaus überschaubare "Welt" für die Bermuthshainer. Abgesehen von den Märkten und Kirmessen gab es ohnehin so gut wie keine Möglichkeit, einen möglichen auswärtigen Ehepartner kennen zu lernen. Überdies wussten es die örtlichen Burschen mit "schlagkräftigen Argumenten" zu verhindern, dass ihnen ein auswärtiger Jugendlicher ein begehrtes einheimisches Mädchen "wegschnappte". Innerhalb des ersten Ehejahres fand üblicherweise die Hausübergabe von der älteren an die neu verheiratete Generation statt. Fortan bewohnten die Alten, die "Auszügler" bzw. "Altenteiler", im Erdgeschoß Stube und Kammer als Auszüglerwohnung, während die Jungen ins Obergeschoß zogen. Ein eigenes Auszugshaus als Bestandteil des Hofes gab es in den Vogelsbergdörfern nicht. Wohnstube und Küche wurden von den drei oder sogar vier Generationen unter einem Dach gemeinsam benutzt. Auch nachdem das "Werk" an die jung verheiratete Generation "überschrieben" war, halfen die Alten natürlich noch bei der täglichen Arbeit auf dem Hof mit, solange es ihre Kräfte zuließen. Rentenzahlungen und Ruhestand waren für sie Fremdwörter. |
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