Kriegsschicksale des Dorfes Bermuthshain

 

Das Kriegerdenkmal auf dem Bermuthshainer Friedhof in seiner ursprünglichen Gestalt, aufgenommen wohl kurz nach seiner Einweihung am 16.10.1921.

 

Sehr oft wurden das Dorf Bermuthshain und seine Einwohner in den vergangenen Jahrhundert durch Kriegsereignisse in Mitleidenschaft gezogen. Insbesondere vom 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es kaum eine Generation, die nicht mindestens einmal während ihrer Existenz den Durchmarsch von Heeren und damit verbundene Requisitionen, Plünderungen und Brandschatzungen mitzuerleben hatte. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts forderten dann die beiden Weltkriege einen hohen Blutzoll von den Einwohnern Bermuthshains. Diese Seite ist daher einem besonders dunklen Kapitel der Bermuthshainer Ortsgeschichte gewidmet.

Inwieweit Bermuthshain im durch Fehden zwischen der Abtei Fulda und den ansässigen Rittergeschlechtern geprägten östlichen Vogelsberg bereits während des Mittelalters durch Krieg und Plünderung gelitten hat, ist bisher noch weitgehend unerforscht. Es gibt jedoch einige Hinweise darauf, dass die Bermuthshainer in jener Zeit keineswegs ein friedliches Leben führen konnten. So beurkundete am 29. September 1358 Graf Gottfried von Ziegenhain, dass er dem Abt Heinrich von Fulda die Hälfte von Herchenhain mit Ausnahme des Kirchensatzes überlassen habe und dass sie beide daselbst eine Burg und Stadt erbaut hätten, die als völlig gemeinsam angesehen werden und im Fall einer Fehde zwischen ihnen den Gerichten Burkhards und Crainfeld zum Schutz und Schirm dienen sollte. Im Jahr 1467 wurde das benachbarte riedeselische Gericht Moos während einer Fehde zwischen den Riedeseln und den Äbten von Fulda verwüstet und erst 1482 wieder neu aufgerichtet. Auch die spätmittelalterlichen Wüstungen in der Nachbarschaft von Bermuthshain wie z. B. Schershain im Oberwald werden oft in einem Zusammenhang mit solchen Fehden gesehen. Die populäre Version einer Zerstörung dieser Dörfer im Dreißigjährigen Krieg entbehrt jedoch jeder Grundlage. Zumindest indirekt mit Kriegen in Verbindung zu bringen ist die 1577 im hessischen Amt Nidda erhobene Türkensteuer, einer zur Finanzierung der Kriege gegen die Türken erhobene Reichssteuer. Die Türkensteuerliste von 1577 führt auch die steuerpflichtigen Orte des Gerichts Crainfeld, darunter Bermuthshain auf.

Alle Männer des Gerichts Crainfeld waren seit dem Spätmittelalter zum Dienst im sogenannten "Ausschuss" verpflichtet, einem militärischen Aufgebot, das in der Praxis aber nur zur Verfolgung von Verbrechern u. ä. tauglich war. Das Kommando über den Ausschuss hatte ein Ausschusshauptmann. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war dies der Bermuthshainer Johannes Franz (gest. 1809), von dem vermutlich der noch heute verwendete Hausname "Franze" herrührt.

 

Dreißigjähriger Krieg (1618-1648)

Die schwärzeste Zeit, die Bermuthshain jemals in seiner nahezu tausendjährigen Geschichte erdulden musste, war zweifellos der Dreißigjährige Krieg. Durch die fast eine Generation andauernden Kriegszüge, Durchmärsche, Plünderungen und Seuchen wurde das Dorf, wie das gesamte Land, regelrecht ausgezehrt und benötigte viele Jahrzehnte, um sich auch nur annähernd wieder erholen.

Der eigentliche Ausbruch des Krieges Ende Mai 1618 in Böhmen berührte Bermuthshain zunächst nicht. Noch im Jahr 1620 gab es wie in Friedenszeiten Auseinandersetzungen zwischen den Gemeinden Bermuthshain und Crainfeld um die Koppelhut in der Rothenbach. Zwei Jahre später brach der Krieg jedoch mit unglaublicher Gewalt über die Dörfer im hessen-darmstädtischen Vogelsberg hinein. Anfang Juni 1622 marschierte der für seine Grausamkeit berüchtigte Herzog Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel, genannt "der tolle Christian", mit seinen Truppen durch Hessen in Richtung der Pfalz zur Unterstützung des böhmischen Gegenkönigs Friedrich V. von der Pfalz. In seiner Armee befand sich ein Reiterregiment, das als besonderes Kennzeichen rote Hüte trug und unter dem Befehl des Grafen Wolfgang Ernst von Isenburg-Büdingen stand. Dieses Regiment durchstreifte am 1.6.1622 das Gericht Crainfeld. Anlass für die nun folgenden Ereignisse soll die persönliche Abneigung des isenburgischen Grafen gegen den hessen-darmstädtischen Förster Velten Petri in Crainfeld gewesen sein. Dieser soll zuvor mehrere Truppendurchmärsche am hessischen Gebiet vorbei durch das isenburgische Territorium gelenkt haben.

Aus Wut darüber, dass Velten Petri sich vor den braunschweigisch-halberstädtischen Truppen rechtzeitig durch Flucht in Sicherheit gebracht hatte, soll der Isenburger Graf daraufhin das Crainfelder Amtshaus plündern und anzünden lassen. Dies sahen seine Truppen daraufhin als Freibrief, auch die übrigen Häuser und die Kirche in Crainfeld auszuplündern und in Brand zu stecken. Der damalige Crainfelder Pfarrer Philipp Dippelius schrieb später, dass an diesem Tag fast das ganze Dorf Crainfeld einschließlich des Pfarrhauses, wobei sämtliche Kirchendokumente zerstört wurden, in Schutt und Asche gelegt wurden. Auch die Kirchengeräte wurden bis auf den Abendsmahlkelch geraubt. Die Rauchsäule des brennenden Crainfeld war noch von Ulrichstein aus zu sehen. Während der Brandschatzung beging die enthemmte Soldateska zahllose Gewaltakte an der Bevölkerung. Zahlreiche Einwohner Crainfelds wurden gepeinigt und gefoltert, 25 von ihnen umgebracht. 114 Häuser und Scheunen sowie die Kirche wurden im "Großen Crainfelder Brand" zerstört, nur acht Gebäude blieben erhalten. Der Gesamtschaden betrug über 20.000 Reichstaler. Über die Ereignisse in Bermuthshain an diesem 1.6.1622 liegen kaum zeitgenössische Quellen vor. In einem Zeitungsbericht über den "Marktflecken Bermuthshain" aus dem Jahr 1939, verfasst von Jakob Oechler, der sich nach eigenen Angaben auf "Überlieferungen (Schule)" und Erzählungen stützte, werden die Folgen so geschildert.

 
Ein großer Teil der Häuser am Ausgang nach dem Oberwald und nach dem Biel ist vollständig ein Raub der Flammen geworden. Hierdurch wurde der Ausbau von Bermuthshain stark gehemmt, so dass man annehmen kann, dass heute noch nicht die Anzahl der Einwohner erreicht worden ist, die, wäre dieser Rückschlag nicht gekommen, heute bestimmt vorhanden wäre. Der Bebauungsplan des Dorfes ist ursprünglich nach Quadraten angelegt gewesen und wurde von drei Diagonalen von Norden nach Süden und von fünf oder sechs von Osten nach Westen festgelegt, was sich heute noch leicht feststellen lässt. Durch die Zerstörung von Häusern während des Krieges sind die Wege später gekürzt und quer gelegt worden, so wie sie heute noch vorhanden sind.
Quelle: Lauterbacher Anzeiger vom März 1939
 
Der genaue Wahrheitsgehalt dieser Ausführungen lässt sich heute nicht mehr ermitteln, Möglicherweise hat der gebürtige Bermuthshainer Jakob Oechler ("Götzjes") sich auf heute längst vergessene mündliche Überlieferungen gestützt. Das 1625 entstandene Kriegsschadensverzeichnis des Oberfürstentums Hessen nennt eine Zahl von 23 geschädigten Ortsbürgern und damit die Maximalzahl der zerstörten Hofreiten. Die Schadenssumme betrug 1.806 Reichstaler. Im Vergleich zu dem völlig niedergebrannten Crainfeld kam Bermuthshain wie auch Grebenhain und Ilbeshausen noch geradezu glimpflich davon. Allerdings wurden auch hier sieben Menschen bei der Plünderung des Dorfes misshandelt oder ermordet, deren Namen im Kriegsschadensverzeichnis überliefert sind:
 

Opfer der Brandschatzung von Bermuthshain am 1.6.1622

  
Velten Rasch
Balser Bopp
Claus Weygand
Cloß Euchler
Hans Gans
Enders Euchler
Kaspar Henkel
 
Ähnlich wie im Fall des völlig zerstörten Crainfeld dürfte auch in Bermuthshain schon nach kurzer Zeit mit dem Wiederaufbau der zerstörten Häuser und Höfe begonnen worden sein, der bis zum Ende der 1620er Jahre abgeschlossen war. Während dieser Zeit wurde Bermuthshain vom Krieg kaum berührt. Um 1630, also mitten im Krieg, wurde sogar die Bermuthshainer Schule eingerichtet. Neues Leid brachte dann das Eingreifen des schwedischen Königs Gustav Adolf ab 1630, das den Krieg wieder in die Mitte und den Süden des Heiligen Römischen Reiches verlagerte. Eine Legende berichtet davon, dass der Königsborn ("Kingsborn") an der Gemarkungsgrenze von Bermuthshain, Ober-Moos und Lichenroth seinen Namen von dem dort sein Pferd tränkenden Gustav Adolf tragen solle. Dies ist jedoch ausgeschlossen, weil die Flurbezeichnung "Kingsborn" bereits im Saalbuch von 1556 genannt wird. Nach mündlich überlieferten Legenden aus dem früheren Riedeselland soll sich in dieser Gegend allerdings zeitweise ein befestigtes schwedisches Feldlager befunden haben.

Nach der Niederlage der Schweden und Sachsen bei Nördlingen am 6.9.1634 strömten die siegreichen kaiserlichen Truppen hinter den sich zurückziehenden Schweden her und gelangten dabei auch in die Vogelsbergregion, die damit von neuem zum Kriegsschauplatz und zur Zielscheibe plündernder Truppen wurde. In der hessischen Geschichte ist diese Phase, in der die beiden hessischen Landgrafschaften in verfeindeten Lagern standen, auch als "Hessenkrieg" bekannt. Im Jahr 1635 "hausten" kroatische Söldnertruppen der kaiserlichen Armee unter dem Kommando des Rittmeisters Otto Heinrich Graf Fugger im Gericht Crainfeld. Sie raubten Vieh, Getreide und sonstige Besitztümer und peinigten die Einwohner mit Schlägen und Wassereingießen. Hartmannshain und ein Teil von Herchenhain im benachbarten Gericht Burkhards wurden sogar niedergebrannt.

Auf Anordnung des hessischen Kriegskomissars von Gallenstein wurde ein Oberst Westphal mit 60 kroatischen Söldnern als Schutzwachen (Salvaguardien) nach Herchenhain verlegt, um die Gerichte Crainfeld und Burkhards vor weiteren Übergriffen durch die durchmarschierenden Söldner zu schützen. Allerdings war auch bei dieser Truppe Raub und Erpressung rasch an der Tagesordnung. Vermutlich durch die fremden Truppen wurde die Beulenpest im Gericht Crainfeld verbreitet und forderte hier bis zum Juli 1636 zahlreiche Todesopfer. Im selben Jahr waren neben den kaiserlichen Södnern unter dem Obristen Broy auch "göppingische" (württembergische) und "polakische" (polnische) Regimenter in Crainfeld und Bermuthshain einquartiert.

In den letzten Kriegsjahren war Grebenhain durch die Anlage von Wassergräben, welche vom benachbarten (und 1789 trockengelegten) Grebenhainer See gespeist wurden, und Erdschanzen zu einem befestigten Ort gemacht worden. Im Jahr 1646 hatten bäuerliche Schützen dessen Verteidigung übernommen. Nachdem ein schwedischer Offizier von den Grebenhainer Schanzen aus beschossen wurde, griffen die in Bermuthshain einquartierten schwedischen Truppen den Ort an und überrumpelten die als Verteidigung eingesetzten Schützen. Grebenhain wurde von den Schweden erstürmt und wie Crainfeld 24 Jahre zuvor vollständig niedergebrannt. Noch zwei weitere Jahre lang waren nacheinander kaiserliche, bayerische, schwedische und hessische Truppen in Bermuthshain einquartiert, ehe der Dreißigjährige Krieg mit den Friedensschlüssen von Münster und Osnabrück im Oktober 1648 zu Ende ging.

Wie viele Verluste an Menschen Bermuthshain in den dreißig Kriegsjahren erlitt, lässt sich heute nicht einmal mehr schätzen. In jedem Fall war das Dorf vollständig veramt und ein Teil der Einwohner hatte den Ort zeitweise oder vollständig verlassen. Nicht wenige Güter waren wüstgefallen, so auch sämtliche Bermuthshainer Mühlen, wie aus einem Verzeichnis der Mühlen und Mühlgefälle im Amt Nidda von 1661, dreizehn Jahre nach Kriegsende, hervorgeht. Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts erreichte Bermuthshain wieder den wirtschaftlichen Stand von 1618.

 

Siebenjähriger Krieg (1756-1763)

Im Siebenjährigen Krieg, der im August 1756 mit dem preußischen Einmarsch in Sachsen begann, standen die beiden Hessen auf der Seite der Alliierten, Preußen, Hannover und Großbritannien, gegen Österreich, Frankreich, Russland, Schweden und die übrigen deutschen Territorien. Nach dem preußischen Sieg bei Roßbach in Sachsen am 5.11.1757 zogen sich die vernichtend geschlagenen Franzosen und die Überreste der Reichsarmee fluchtartig nach Westen zurück. Im Vogelsberg und der Wetterau bezogen sie ihre Winterquartiere und mussten von den Bewohnern der betroffenen Städte und Dörfer beherbergt und verköstigt werden. Auch in Crainfeld und Grebenhain lagerten französische Soldaten. Im Unterschied zum Dreißigjährigen Krieg ein Jahrhundert zuvor kam es zu keinen wilden Plünderungen und Ausschreitungen. Jedoch mussten die Bauern zumeist unbezahlte Fouragen (Nahrungsmittellieferungen) und Gespanndienste leisten, welche sie und die betroffenen Gemeinden erheblich belasteten.

1759 versuchte die alliierte Armee, die Franzosen zum Rhein zurückzudrängen. Ende März 1759 rückten sie unter dem Oberbefehl von Herzog Ferdinand von Braunschweig auf Oberhessen vor und besetzten Lauterbach. Am 7.4.1759 erstürmten alliierte Truppen das von den Franzosen verteidigte Ulrichsteiner Schloss. In Crainfeld kam es zu Straßenkämpfen zwischen französischen und britischen Truppen, bei denen ein französischer Soldat getötet und 60 gefangengenommen wurden. Für einige Zeit war das Gericht Crainfeld nun von alliierten Truppen besetzt, die ihrerseits Proviant und Gespanndienste forderten. Nach der Niederlage in der Schlacht von Bergen (heute Stadtteil von Frankfurt am Main) am 13.4.1759 mussten sich die Alliierten jedoch wieder zurückziehen. Im Jahr 1760 waren erneut französische Truppen in Crainfeld und auch in Bermuthshain einquartiert und forderten Fouragelieferungen und Fuhrdienste. Sehr oft wurden Scheunen aufgebrochen und alle verfügbaren Vorräte an Korn weggeschafft.

In den letzten beiden Kriegsjahren spielten sich die eigentlichen Kämpfe größtenteils im Norden des Vogelsberges ab. Im Sommer 1762 fand jedoch bei Crainfeld und Grebenhain ein größeres Gefecht zwischen Franzosen und Alliierten statt, das mit dem Sieg der letzteren endete. Die letzte und zugleich blutigste Schlacht in Oberhessen fand am 21.9.1762 bei der Brücker Mühle vor Amöneburg statt. Am 13.11.1762 wurde in der Brücker Mühle ein Waffenstillstand zwischen Herzog Ferdinand von Braunschweig und dem französischen Marschällen d' Estrees und Soubise geschlossen, an welchen noch heute ein damals gesetzter Gedenkstein erinnert.

Am Ende der "Franzosenzeit", wie die Jahre der Besetzung fortan in der Bevölkerung genannt wurde, waren die Gemeinden im Gericht Crainfeld hoch verschuldet und neuerlich verarmt. Als Folge davon kam es 1766 zur ersten Massenauswanderung von Vogelsbergern nach Rußland.

 

Koalitionskriege/Napoleonische Kriege (1792-1815)

Mit dem Rheinübergang der französischen Sambre-Maas-Armee im Juni 1796 erreichten die im Gefolge der französischen Revolution ausgebrochenen und fast drei Jahrzehnte anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen auch den oberhessischen Raum. Während des Feldzugs kam es zu zahlreichen Plünderungen und Übergriffen durch die unzureichend versorgten französischen Soldaten. Nachdem die Sambre-Maas-Armee sich Anfang September 1796 wieder zurückziehen musste, traf sie auf eine aufgebrachte Landbevölkerung, die einzelne französische Truppen und Soldaten aus dem Hinterhalt überfiel. Die Franzosen antworteten mit scharfen Repressalien. So wurde am 8.9.1796das Vogelsbergstädtchen Lißberg, das zum hessischem Amt Nidda gehörte, durch Truppen des französischen Generals Lefebvre zerstört und 17 Einwohner erschossen, nachdem es dort ebenfalls zum Widerstand gegen französische Soldaten gekommen war. Über die Ereignisse in den Dörfern des Gerichts Crainfeld, das zweifellos auch vom französischen Durchmarsch berührt wurde, ist allerdings bisher nichts bekannt.

Politisch bewirkten die Napoleonischen Kriege im Jahr 1806 nicht nur das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, sondern auch die Transformation der bisherigen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt zum Großherzogtum Hessen und die Annexion des Riedeselstaates durch Hessen. Die damals geschaffene Grenzsituation von Bermuthshain sollte immerhin bis 1945 bestehen bleiben. Der Kriegsdienst von Bermuthshainern in der napoleonischen "Grande Armée" ist bis heute durch Beinamen von Personen und sogar Hausnamen dokumentiert. So tauchen in dem 1819, kurz nach Ende der Kriege, entstandenen Brandkataster Namen wie "Johannes Jockel der Soldat" oder "Velten Bopp Füsilier" auf. Zudem geht der Hausname "Dammbauersch" auf den Tambour Johann Heinrich Zimmermann zurück.

Eine in Bermuthshain einst erzählte Sage bezieht sich auf ein tragisches Ereignis, dass sich 1813 während dem Vormarsch der russischen Truppen bei der Verfolgung der geschlagenen französischen Armee abgespielt haben soll. Nach dieser sollen Einwohner von Ober-Moos einen russischen Militärarzt umgebracht und dann an den "Kohlstücken" in der Gemarkung Bermuthshain an einen Baum gehängt haben, um die Tat als Selbstmord zu vertuschen.

Genau ein Jahrhundert nach der Völkerschlacht bei Leipzig, welche die Niederlage des napoleonischen Frankreich einleitete, wurde am 18.10.1913 am Bermuthshainer Friedhof feierlich die "Freiheitslinde" gepflanzt. Bis zum Herbst 1984 hielt der Baum die Erinnerung an die napoleonischen Kriege wach, ehe er bei einem Sturm umstürzte. An ihre Stelle trat eine neue Linde, die eingedenk der damaligen Ost-West-Konfrontation und wie der bis 1964 im Ort stehende Baum "Friedenslinde" genannt wurde.

 

Deutscher Krieg (1866)

Im "Bruderkrieg" zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland während des Sommers 1866 wurde Bermuthshain zum letzten Mal bis 1945 direkt von Kriegsereignissen berührt. Anfang Juli befand sich das VIII. Bundes-Armeekorps des Deutschen Bundes, bestehend aus den Streitkräften des Königreichs Württemberg, der Großherzogtümer Hessen und Baden und des Herzogtums Nassau auf dem Rückzug vor den Preußen von Fulda über Herbstein und Altenstadt in die Linie Mainz-Frankfurt am Main-Hanau. Der Rückmarsch führte über die heutige Bundesstraße 275 mitten durch den südlichen Vogelsberg. Am Morgen des 6.7.1866 traf der gesamte Stab des VIII. Korps unter dem Oberbefehlshaber Prinz Alexander von Hessen, sowie rund 70 hohen Offizieren, in Crainfeld ein und bezog dort für eine Nacht Quartier. Im "Edelhof" in Crainfeld, welcher damals ein Gasthaus war und dem Crainfelder Bürgermeister Heinrich Schmalbach II. gehörte, logierte der Oberbefehlshaber, während für die übrigen Offiziere und Soldaten ebenfalls Quartiere in Crainfelder Wohnhäusern gefunden wurden. Zwei württembergische Regimenter waren in Grebenhain einquartiert bzw. in einem großen Biwak mit Zelten auf den Wiesen zwischen Grebenhain und Crainfeld untergebracht. Der damalige Crainfelder Pfarrvikar Adolf Krauß beschrieb die Geschehnisse ausführlich in der Kirchenchronik.

Nach Bermuthshain kam an diesem Tag der württembergische Divisionsstab, wozu der 18jährige Prinz Wilhelm von Württemberg und je ein evangelischer und katholischer Feldgeistlicher gehörten. Leider ist nicht überliefert, in welchem Haus dieser Stab Aufnahme gefunden hat. Möglicherweise handelte es sich dabei wie in Crainfeld um ein Gasthaus, wie z. B. das bereits damals als Gastwirtschaft bestehende heutige "Deutsche Haus". Schon am Morgen des 7.7.1866 rückten die Stäbe und mit ihnen die gesamte im Raum Crainfeld-Altenschlirf-Herbstein einquartierte Division ab und marschierten nach Süden in Richtung Ortenberg weiter. Zur Erleichterung der einheimischen Bevölkerung kam es zu keiner direkten militärischen Auseinandersetzung. Die nachrückenden preußischen Truppen marschierten am Gebiet der Provinz Oberhessen vorbei in Richtung Frankfurt am Main, das dann am 15.7.1866 von ihnen besetzt wurde. Unmittelbare Folge des Krieges war die Annexion des Kurfürstentums Hessen durch Preußen, wodurch sich Bermuthshain nun (und für die nächsten 79 Jahre) an der hessisch-preußischen Landesgrenze wiederfand.

  

Die "Friedenslinde" bei der Hofreite "Brennerjes" (im Hintergrund), aufgenommen im Jahr 1955. Der Name bezieht sich sehr wahrscheinlich auf den Frankfurter Frieden vom 10.5.1871, welcher den Deutsch-Französischen Krieg beendete. Nur neun Jahre nach dieser Aufnahme wurde die "Friedenslinde" gefällt.
 

Deutsch-Französischer Krieg (1870-1871)

Im Deutsch-Französischen Krieg hatte Bermuthshain einen Gefallenen zu beklagen. Es war der 22jährige Korporal Andreas Löffler aus "Heils" Haus, damals Gastwirtschaft "Zum weißen Roß", der zum 2. großherzoglich-hessischen Infanterieregiment der 8. Kompanie gehörte und in der Schlacht von Vionville bei Metz am 16.8.1870 schwer verwundet wurde. Er starb am 10.9.1870 im Lazarett in Gießen an den Folgen seiner Kriegsverletzungen. Andreas Löffler war indes nicht der einzige Bermuthshainer, der zum Kriegsdienst eingezogen war. In gewisser Weise zu einem lokalen "Helden" avancierte der langjährige Bermuthshainer Polizeidiener Nikolaus Franz, der ebenfalls in der 8. Kompanie diente. Er gehörte zu den 54 Soldaten, die unter dem Hauptmann Ludwig Kattrein, welcher aus Nidda stammte, am 9.12.1870 das Schloss Chambord an der Loire stürmte und die 210 Mann starke Besatzung gefangen nahmen, ohne auch nur einen einzigen Schuss abfeuern zu müssen. Der letzte lebende Veteran des Krieges 1870/71 war der am 11.2.1933 verstorbene Sebastian Leinberger II. ("Stirskloase").

Das Ende des Krieges am 10.5.1871 (Frieden von Frankfurt) wurde in Bermuthshain mit einem großen Fest auf dem Höllerich begangen. In dessen Rahmen wurden ein zum Gedenkstein umgewidmeter hessisch-preußischer Grenzstein seiner Bestimmung übergeben. Gestaltet wurde das Denkmal durch den örtlichen Steinmetz Johannes Groh III. ("Hanse"). Es trägt die nach einer Restaurierung 2006 wieder relativ gut lesbare Inschrift "Denkmal zur Feier des Friedensschlusses im Jahre 1871". Etwa seit dieser Zeit wurde das benachbarte Gelände auf dem Höllerich mit mehreren alten Hutebuchen zum Bermuthshainer Festplatz. Dort wurden bis 1914 regelmäßig der "Sedanstag" und der "Gravelottetag" zur Erinnerung an die entscheidenden Schlachten des Krieges 1870/71, der zur Gründung des Deutschen Reiches geführt hatte, gefeiert. Bis heute unklar ist, ob auch die oft als "Friedenslinde" bezeichnete Linde bei "Brennerjes" im Jahr 1871, möglicherweise anstelle eines älteren Baumes, gepflanzt bzw. der Baum dazu umgewidmet wurde.

 

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