Kriegsschicksale des Dorfes Bermuthshain

 

Schützengraben an der Front im Ersten Weltkrieg. Das Bild wurde von Friedrich Wies ("Annekinne") als Feldpostkarte versandt, der sich stehend als zweiter von rechts in der hinteren Reihe befindet.

 

Erster Weltkrieg (1914-1918)

Der Beginn der "Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts" am 1.8.1914 wurde in Bermuthshain zuerst durch einen Autofahrer bekannt, der am Vormittag dieses Tages von Lichenroth kommend im Dorf eintraf und die Nachricht von der deutschen Kriegserklärung an Russland verbreitete. Am folgenden Tag, dem 1. Mobilmachungstag, wurden die zum Kriegsdienst einberufenen Männer der drei Kirchspielsgemeinden Crainfeld, Bermuthshain und Grebenhain mit einem Gottesdienst in Crainfeld feierlich verabschiedet. Die Stimmung war den zeitgenössischen Berichten zufolge eher gedrückt und man kann nicht von einer allgemeinen Kriegsbegeisterung sprechen. Mit der Eisenbahn fuhren die Einberufenen, nicht wenige ohne Wiederkehr, zur Kaserne nach Gießen. In den folgenden Tagen wurde somit die Mehrzahl der wehrpflichtigen Männer, bis Kriegsende mehr als 100, aus der Gemeinde Bermuthshain eingezogen. Auch ein Großteil der Pferde wurde am 3.8.1914 durch das Kreisamt Lauterbach für den Militärdienst eingezogen. Rasch machte sich das Fehlen der Arbeitspferde wie der meisten Arbeitskräfte auf den Höfen bemerkbar.

In der Anfangszeit des Krieges wurden die "ins Feld gezogenen" Männer noch reichlich durch Spenden unterstützt. So gab allein der Kriegerverein Bermuthshain an jeden Kriegsteilnehmer die Summe von 3 Goldmark. Die Vorschusskasse Crainfeld-Bermuthshain bewilligte allein 500 Mark an die Kriegsteilnehmer der beiden Gemeinden. Mit zunehmender Dauer des Krieges mussten diese Zahlungen eingestellt werden. Noch bis ins letzte Kriegsjahr beteiligten sich die Bermuthshainer Bürger, Gemeinde und Vereine reichlich an den offiziellen Kriegsanleihen, mit denen das Deutsche Reich die Kriegskosten finanzierte. Aufgrund des Kriegsausgangs sollte jedoch keiner sein Geld jemals wiedersehen. In der aufgewühlten Atmosphäre der ersten Kriegtage und -wochen wurden die Straßen und die Vogelsbergbahn durch bewaffnete Posten bewacht, da zahlreiche Gerüchte über feindliche Automobile und Flugzeuge in der Öffentlichkeit im Umlauf waren. Gegnerische Truppenteile wurden sogar im Oberwald vermutet und dieser, natürlich erfolglos, durch Mannschaften aus Grebenhain, Bermuthshain, Crainfeld und angrenzenden Ortschaften durchkämmt. Auch der Jungdeutschlandbund, eine "vaterländische" Wehrorganisation für Jugendliche, beteiligte sich an den Wachdiensten.

Bereits nach zwei Monaten wurde in Bermuthshain der ganze Ernst des Krieges deutlich, als die Nachricht vom ersten Kriegsgefallenen des Ortes eintraf. Dies war der 22jährige Wilhelm Muth aus "Grundhannerjes" am 30.9.1914. Noch bis zum Ausklang des ersten Kriegsjahres folgten vier weitere Bermuthshainer Gefallene. Zur Kriegsweihnacht 1914 sandte die Gemeinde Bermuthshain 50 Geschenkpakete an ihre Angehörigen an die Fronten.

Als Bauerndorf hatte Bermuthshain im Gegensatz zu den städtischen Regionen nicht unter der zunehmenden Lebensmittelknappheit infolge der britischen Seeblockade zu leiden. Als Ärgernis wurde jedoch die zunehmende Zwangsbewirtschaftung landwirtschaftlicher Produkte empfunden. 1916 wurden die privaten Hausschlachtungen nur noch nach einer Genehmigung durch das Kreisamt erlaubt. Für Vieh wurden Höchstpreise festgesetzt. Aus den Städten kamen in größerer Zahl Händler und Privatleute, "Hamsterer" genannt, um sich mit Brot, Butter und Eiern einzudecken, was streng verboten war. Offiziell waren Eier an eine Sammelstelle abzuliefern, die sich in Bermuthshain bei der Molkerei Greßmann befand. Im Januar 1917 wurde auf dem Bahnhof Bermuthshain ein Obsthändler aus Glauberg verhaftet, der in Bermuthshain und den Nachbarorten schon seit längerer Zeit einen gut florierenden Butterschmuggel organisiert hatte. Schließlich wurde sogar ein Wirtshaus- und Rauchverbot für Jugendliche verhängt, nachdem die Dorfjugend während der Abwesenheit der meisten Väter und Älteren zunehmend "ausgeartet" war, was Bürgermeister Friedrich Jost wiederholt zu Klagen an das Lauterbacher Kreisamt veranlasste.

Im Frühjahr 1916 bekam man in Bermuthshain zum ersten Mal eine direkte Ahnung von den ungeheuren Materialschlachten an der Westfront, als bei Westwind laut und deutlich Kanonendonner zu hören war. Es handelte es sich dabei um Artilleriefeuer während der Schlacht von Verdun, fast 400 km von Bermuthshain entfernt. Zu dieser Zeit waren auch die ersten alliierten Kriegsgefangenen in den Vogelsbergdörfern angekommen. In Bermuthshain handelte es sich um Franzosen, die bei den Feldarbeiten halfen und auch bei den Meliorationsarbeiten der noch immer im Gang befindlichen Flurbereinigung zum Einsatz kamen. Am 7.9.1917 entfloh ein russischer Kriegsgefangener und wurde vom jüngsten Sohn des Försters Dillemuth an der Rothenbach gestellt und zurück zum Wachtkommando nach Grebenhain gebracht. Am 17.8.1917 landete auch ein Doppeldecker, der auf dem Weg von Gotha nach Frankfurt am Main war und sich im Nebel verflogen hatte, bei Bermuthshain.

In welchem Ausmaß sich gegen Kriegsende das Fehlen sämtlicher Rohstoffe und Güter bemerkbar machte, zeigte sich im Herbst 1918. Damals wurden unter Leitung des Lehrers Jakob Reuter, der aufgrund der Einberufung aller jüngeren Kollegen längst schon die einzige Lehrkraft vor Ort war, durch die Schulkinder Bucheckern gesammelt. Zu den einheimischen Schulkindern kamen jetzt auch viele Pflegekinder, die aus den hungernden  Industrieregionen aufs Land geschickt worden waren. Im Verlauf des Jahres 1918 breitete sich außerdem eine heimtückische Grippe, die "spanische Krankheit", aus und forderte auch in Bermuthshain so manches Opfer, im gesamten Kirchspiel Crainfeld innerhalb von vier Wochen 13 Tote.

Am 11.11.1918 kam endlich der von der kriegsmüden Bevölkerung ersehnte Waffenstillstand. Bereits am 9.11.1918 hatte Großherzog Ernst Ludwig von Hessen abgedankt, am gleichen Tag kam mit der Abdankung Kaíser Wilhelms II. und der Novemberrevolution auch das Ende des Kaiserreiches. Im Amtsgerichtsbezirk Herbstein bildete sich daraufhin am 24.11.1918 ein Bauernrat, als dessen Vorsitzender Friedrich Jost gewählt wurde. Mitte Dezember 1918 berührte die 1. Deutsche Armee unter General von Eberhardt auf ihrem Rückmarsch von der Westfront den Vogelsberg. Teile der Truppen waren für einige Tage auch in Bermuthshain einquartiert. Dabei hinterließen sie im Weidheckenteich an der Gemarkungsgrenze zu Hartmannshain etliche Handgranaten, die wenige Jahre später geborgen und entschärft werden mussten.

21 junge Männer aus Bermuthshain waren während der vier Kriegsjahre gefallen, zwei blieben für immer vermisst. Ganze Höfe wie "Götzekannjes" und "Ahlewirts" hatten ihren Erben verloren. In einer Familie gab es sogar gleich drei Gefallene. Für das kleine 486-Seelen-Dorf bedeutete der Krieg einen enormen Blutzoll. Mehrere Bermuthshainer Soldaten waren auch noch in französische Gefangenschaft geraten, aus der sie erst nach dem Abschluss des Versailler Friedensvertrages im Juli 1919 zurückkehren konnten. Am 25.4.1920 fand im Saal der örtlichen Gastwirtschaft "Zum Deutschen Haus" eine Feier zu Ehren der entlassenen Gefangenen statt. Zum Gedenken an die 23 Gefallenen und Vermissten wurde schließlich am 16.10.1921 auf dem Friedhof das durch Friedrich Jost in seiner Eigenschaft als Steinmetz entworfene und gestaltete Kriegerdenkmal eingeweiht, auf dem deren Namen vermerkt wurden (siehe unten). Zu diesem Zeitpunkt konnte sich wohl kaum jemand vorstellen, dass auf diesem Denkmal mehr als ein Vierteljahrhundert später auch die Toten eines weiteren, noch weitaus grausameren, Weltkrieges ihren Platz einnehmen sollten.

 

Todesanzeige des letzten Bermuthshainer Kriegsgefallenen im Ersten Weltkrieg, Ernst Suppes aus der Schneidmühle, im "Lauterbacher Anzeiger". Traurigerweise sollten seine beiden in der Anzeige aufgeführten Neffen Heinrich (Friedrich) und Wilhelm Laufer dann ein Vierteljahrhundert später in einem anderen Weltkrieg fallen.
 

Bermuthshainer Gefallene des Ersten Weltkrieges 1914 bis 1918

  
  Wilhelm Muth "Grundhannerjes" geb. 24.8.1892 gef. 30.9.1914
  Jakob Oechler "Kannhennersch" geb. 16.3.1885 gef. 2.10.1914
  Benjamin Lind "Sandersch" geb. 3.11.1887 gef. 29.10.1914
  Johannes Muth IV. "Grundhannerjes" geb. 9.11.1886 gef. 11.11.1914
  Emil Laufer "Götzekannjes" geb. 19.2.1894 gef. 20.2.1915
  Emil Hornung "Dammburjersch" geb. 8.4.1892 gef. 15.7.1915
  Heinrich Bien "Hohlewies" geb. 25.4.1890 gef. 15.7.1915
  Konrad Dietz "Hirtschneidersch" geb. 10.6.1881 gef. 31.7.1915
  Heinrich Löffler II. "Heils" geb. 9.9.1884 gef. 16.9.1915
  August Roth "Muhrsch" geb. 25.2.1888 gef. 7.3.1916
  Karl Jöckel "Luftewillems" geb. 20.4.1916 gef. 20.4.1916
  Johannes Hofmann "Schloarmellersch" geb. 6.7.1897 verm. 7.5.1916
  Andreas Heinrich Jockel "Petersch" geb. 9.11.1879 gef. 2.8.1916
  Johannes Schlotthauer II. "Annas" geb. 1.10.1894 gef. 4.9.1916
  Karl Oechler "Eberliese" geb. 29.8.1889 verm. 7.10.1916
  Sebastian Lind "Ruhls" geb. 3.8.1891 gef. 2.5.1917
  Johannes Jäger II. "Jächersch" geb. 20.3.1884 gef. 4.5.1917
  August Lind "Säuhennerjes" geb. 24.8.1898 gef. 20.11.1917
  Karl Lind "Säuhennerjes" geb. 22.3.1891 gef. 29.3.1918
  Heinrich Lind "Säuhennerjes" geb. 28.11.1884 gef. 14.4.1918
  Heinrich Oechler "Eberliese" geb. 17.6.1893 gef. 25.4.1918
  Heinrich Schultheis "Ahlewirts" geb. 14.1.1889 gef. 16.5.1918
  Ernst Suppes "Schneidmellersch" geb. 16.9.1890 gest. 6.10.1918
 

Im Winter 1940/41 war der bereits über ein Jahr dauernde Krieg für die Bermuthshainer Dorfkinder noch ein "Spiel", das mit Begeisterung nachgestellt wurde. Schon bald aber wurde mit den ersten Gefallenenmeldungen blutige Realität daraus. Einige der hier noch als Soldaten verkleideten und vor "Scheffersch vorne" fotografierten Kinder sollten in der Endphase des Krieges tatsächlich noch zur Wehrmacht eingezogen werden.

Stehend v. l.: Hermann Götz („Scheffersch“), Helmut Imhof („Imhofs“), Erwin Dillemuth (Brennerjes“), Heinrich Zimmer („Kläsjes“), Walter Heutzenröder („Bieljes“), Reinhold Möller („Hirtschneidersch“), Emil Weitzel („Hanse“), Richard Heutzenröder („Nienammels“), Wilhelm Dillemuth („Brennerjes“).

Sitzend v. l.: Richard Götz („Scheffersch“), Kurt Oechler („Eberliese“), Erwin Wies („Hoase“).

 

Zweiter Weltkrieg (1939-1945)

Schon Jahre vor dem eigentlichen Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem deutschen Angriff auf Polen gab es in und um Bermuthshain immer mehr Anzeichen einer Militarisierung des Landes und der Vorbereitung eines neuen Krieges durch die herrschende nationalsozialistische Diktatur. In Teilen der Öffentlichkeit wurden diese jedoch zunächst durch eine heute kaum noch nachvollziehbare und durch die Propaganda geschürte "Aufbruchsstimmung" angesichts eines vermeintlichen wirtschaftlichen Aufschwungs nach 1933 weitgehend aus dem Bewusstsein gedrängt.

Im April 1936 wurde im Oberwald, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bermuthshain, durch die Luftwaffe der deutschen Wehrmacht mit dem Aufbau einer Luftmunitionsanstalt begonnen. Die "Muna", wie sie bis heute allgemein genannt wird, diente der Fertigstellung (Bezünderung, Konfektionierung, Verpackung) von Luftwaffenmunition (Bomben und Bordwaffen) sämtlicher Kaliber. Sie war eine von 370 ähnlichen Einrichtungen von Heer, Marine und Luftwaffe im gesamten Deutschen Reich. Das offiziell vollkommen geheime Bauvorhaben beanspruchte im letzten Ausbauzustand eine Fläche von rund 176 ha, fast ein Fünftel der Gesamtfläche der Bermuthshainer Gemarkung. Hierfür hatten zahlreiche Bauern aus Bermuthshain und Grebenhain mehr oder weniger freiwillig ihre Wiesen und Äcker auf dem Gebiet der alten Wüstung Schershain an das Reichsluftfahrtministerium zu verkaufen.

"Keimzelle" der Muna war die 1904 von den Freiherren von Müffling im Oberwald gebaute "Villa Waldhaus", die zwischen 1933 und 1935 als BDM-Führerinnenschule gedient hatte. Die Familie von Müffling verfügte über Verbindungen zu Wehrmachtskreisen, was möglicherweise mit ausschlaggebend für die Wahl des Standortes war. Die offizielle Bezeichnung der Einrichtung lautete "Luftmunitionsanstalt Hartmannshain", obgleich das Gelände der Muna vollständig zur Gemarkung Grebenhain gehörte. Bestimmungsbahnhof der Muna war Bermuthshain, da der Oberwaldbahnhof und damit der Gleisanschluss der Muna tariflich zum Bermuthshainer Bahnhof gehörte. Warum der Bezug zu Hartmannshain gewählt wurde, liegt bis heute im Dunklen. Bisher nicht durch zeitgenössische Quellen belegt ist die weitverbreitete Vermutung, dass dies ais Tarnungsgründen geschehen sein soll.

Die Muna gliederte sich in drei Bereiche. Der Wohn- und Verwaltungsbereich (heutige Siedlung Oberwald) mit Zufahrt von/zu der Reichsstraße 275 bestand aus mehreren im Heimatschutzstil gehaltenen Wohnhäusern für die Offiziere, der Wache, dem Verwaltungsgebäude, sowie Kasernen und weiteren Einrichtungen. Daran schloss sich der Arbeitsbereich mit vier Arbeitshäusern, jeweils mit Straßen- und Gleisanschluss, zahlreichen Packhallen, Garagen und Werkstätten an. Im Hauptteil der 1940 nochmals erweiterten Anlage befanden sich zuletzt etwa 120 oberirdische, gut getarnte Munitionsbunker. Außerdem existierten im Arbeitsbereich noch einige Splitterschutzbunker für das Personal und Bunker für technische Einrichtungen.

Die Muna verfügte über eine für damalige Verhältnisse, auch im Hinblick auf die dörflichen Nachbargemeinden, hochmoderne Infrastruktur mit einem eigenen Strom-, Wasser-, Kanalisations- und Telefonnetz und asphaltierten Straßen. Es bestanden ein internes Gleisnetz mit Laderampen und Lokschuppen für zwei Diesel-Rangierlokomotiven sowie eine modern ausgerüstete Feuerwehr. An- und Abtransport der Munition erfolgte über die Vogelsbergbahn und per LKW über die R 275. Hauptlieferant der bereits weitgehend vorgefertigten Munition waren die ebenfalls geheimen Sprengstoffwerke Allendorf und Herrenwald (heute Stadtallendorf) im Landkreis Kirchhain und die Sprengstofffabrik Hirschhagen bei Hessisch Lichtenau.

Beim Bau der Muna arbeiteten etwa 2.000 Mann im Dreischichtbetrieb Tag und Nacht, die in den benachbarten Dörfern einquartiert waren. Zum regulären Betrieb waren weitaus weniger Arbeitskräfte (vermutlich rund 200-250, maximal 800) notwendig. Diese rekrutierten sich in erster Linie aus Männern der Nachbargemeinden wie Bermuthshain, Grebenhain, Crainfeld, Hartmannshain und Herchenhain. Während des Krieges kamen dann vermehrt dienstverpflichtete Frauen zum Einsatz. Ab 1943 mussten vermehrt auch ausländische Zwangsarbeiter, vor allem junge Frauen aus der Ukraine, die schwere und gefährliche Arbeit verrichten. Die Ukrainerinnen waren in einem Barackenlager in Bermuthshain untergebracht.

Die Bewachung der Muna übernahm anfangs ein SS-Zug aus Gießen. In der Kriegszeit waren Landesschützen der Wehrmacht und später eine Wach- und Schließgesellschaft aus Friedberg hierfür zuständig. Die Angehörigen dieser Muna-Wachmannschaft kamen aber auch vorwiegend aus den umliegenden Orten sowie dem weiteren oberhessischen Raum bzw. waren ansonsten nicht wehrtaugliche Männer. Für die bis dahin ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Orte im oberen Vogelsberg bedeutete die Muna den Anfang vom Ende ihrer traditionellen ländlich-bäuerlichen Kultur und den Übergang zu einer von industrieller Lohnarbeit bestimmten "städtischen" Lebensweise.

 

Ruine des Eingangs zu einem ehemaligen Doppelbunker der Muna im Oberwald im Jahr 2006. Der dahinterliegende Bunker wurde wie alle auf dem Munagelände Ende März 1945 von der deutschen Wehrmacht selbst mit Zeitzündern gesprengt.
 
Im September 1936 wurde das Vogelsberggebiet in ein großangelegtes Manöver der deutschen Wehrmacht einbezogen. Es handelte sich um die größte militärische Übung in Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg. Daran waren die neu aufgestellten modernen Waffengattungen wie die Luftwaffe und die Panzertruppen beteiligt und erstmals in der breiten Öffentlichkeit zu sehen. Das Manöver lockte nicht nur Schaulustige aus nah und fern scharenweise an, sondern war, angesichts der Präsenz vieler ausländischer Militärattaches, auch ein großes propagandistisches Spektakel. Während der Übungen verlief die angenommene "Kampflinie" zwischen der blauen und roten Partei in Richtung Grebenhain, Nieder-Moos, Freiensteinau und Steinau an der Straße. Heftig "umkämpft" war der Maienberg bei Crainfeld, der mehrmals von beiden Parteien "erobert " wurde.

Besondere Aufmerksamkeit erregte ein großangelegter gestellter Panzerangriff zwischen Crainfeld und Ober-Moos, dem Dorf, das neun Jahre später durch einen diesmal nicht nachgestellten Beschuss von Panzern und Flugzeugen zerstört werden sollte. In Bermuthshain wie auch den benachbarten Orten waren zahlreiche Soldaten einquartiert, während sich der Manövergefechtsstand im Gasthaus "Zum Hessischen Hof" in Hartmannshain befand. Die Manövertätigkeiten waren jedoch nicht nur ein Schauspiel, sondern behinderten darüber hinaus für mehrere Wochen die einheimischen Bauern während der Kartoffelernte und zerstörten viele Feldwege und Äcker.

Höhepunkt der Militärübungen in einem Gebiet, in dem schon vor 1933 die NSDAP überwältigende Wahlerfolge erzielen konnte, war jedoch der einwöchige Besuch des "Führers" Adolf Hitler. Begleitet wurde Hitler von führenden Persönlichkeiten des NS-Regimes und der Wehrmacht, nämlich Reichskriegsminister Werner von Blomberg, dem Minister für Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe Hermann Göring, dem Oberbefehlshaber des Heeres Werner von Fritsch, dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Erich Raeder sowie dem "Stellvertreter des Führers" Rudolf Heß. Das Manöver fand nahezu im Anschluss an den Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg statt, den Hitler und die übrigen NS-"Größen" zuvor besucht hatten. Vom Bahnhof Hartmannshain fuhr der "Führersonderzug" in das Gelände der Muna. Von dort aus besichtigte Hitler jeden Morgen und Nachmittag mit seinem Wagen das Manövergelände und wurde dabei stets von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt.

Auch zahlreiche Bermuthshainer befanden sich unter den Zuschauern und konnten den "Führer" dabei aus nächster Nähe beobachten. Auf den Hitlerbesuch geht die noch heute gebräuchliche Bezeichnung "Hitlerfelsen" für eine große Felsformation auf dem Muna-Gelände zurück, von wo aus Hitler angeblich mit einem Fernrohr das Manöver beobachtet bzw. eine Ansprache an die Arbeiter gehalten haben soll. In Wirklichkeit handelt es sich bei den betonierten Überresten auf dem Felsen um einen Gefechtsstand für ein Vierlings-MG zur Flugabwehr, wie auch sonst schon während der eigentlichen Betriebszeit der Muna zahlreiche Legenden um die geheimnisumwitterte, abgeschirmte Luftmunitionsanstalt im Oberwald entstanden und vielfach bis heute im Umlauf sind.

Nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht am 16.3.1935 wurden auch die ersten jungen Männer aus Bermuthshain, erstmals seit 1918, zum Heeresdienst eingezogen. Einige meldeten sich auch freiwillig. Bereits ab 1936 war zudem schon der erste Bermuthshainer als Soldat in einem Krieg eingesetzt. Otto Konrad Baumbach ("Schefersch") gehörte zur Legion Condor, die an der Seite der Nationalisten im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) kämpften. Da ein strenge Nachrichtensperre bzw. Zensur galt und der Einsatz deutscher Truppen in Spanien offiziell vom NS-Regime geleugnet wurde, erfuhr man in seinem Heimatort erst nach der Rückkehr aus Spanien davon.

 

Der Zweite Weltkrieg brachte Bermuthshainer als Soldaten der Wehrmacht an alle Fronten. Dieses Foto wurde 1943 auf dem deutschen Feldflugplatz Nikolajew in der Sowjetunion aufgenommen und zeigt ganz rechts Jakob Hornung ("Franze") als Bodenpersonal des Kampfgeschwaders 51.
 
Schon während der Sudetenkrise im September 1938 schien der Beginn eines neuen Krieges unmittelbar bevorzustehen. Die gesamte örtliche SA wurde während dieser Zeit bei Bauarbeiten am Westwall eingesetzt. In Bermuthshain selbst wurde mit dem Bau mehrerer eher provisorischer Luftschutzräume für 20-30 Personen begonnen. Bereits ab 1934 existierte in Grebenhain eine auch für Bermuthshain zuständige Ortsgruppe des Reichsluftschutzbundes. Karl Daubert ("Stirskammbaste") fungierte in Bermuthshain als Luftschutzwart. Während der diplomatischen Krise, die im August 1939 dem deutschen Einmarsch in Polen vorausging, wurden die ersten Bermuthshainer zur Wehrmacht einberufen, zunächst diejenigen, die sich schon zuvor freiwillig gemeldet hatten. Den Kriegsbeginn am Morgen des 1.9.1939 erfuhr man in Bermuthshain aus dem Radio, das damals schon in vielen Haushalten vorhanden war. Eine Kriegsbegeisterung war genau wie 1914 kaum vorhanden und der Kriegsausbruch weckte bei den Älteren eher ungute Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Nur wenige Familien hatten sich aber schon vor 1939, wenn nicht schon seit 1933, von der nationalsozialistischen Ideologie völlig abgewandt und durchschauten die Propaganda des Regimes.

In den ersten beiden Kriegsjahren wirkte sich der Krieg nur allmählich stärker auf den Alltag aus, abgesehen davon, dass die meisten Männer zur Wehrmacht einberufen und alle Güter rationiert waren sowie beim Einbruch der Nacht Verdunklung angeordnet war. Die Landwirtschaft unterlag auch schon in der Vorkriegszeit einer immer intensiveren Zwangsbewirtschaftung. Nach dem siegreichen deutschen Feldzug gegen Frankreich im Mai/Juni 1940 kamen im Spätsommer des gleichen Jahres die ersten französischen Kriegsgefangenen nach Bermuthshain, wo bereits einige polnischen Gefangenen in der Landwirtschaft im Einsatz waren. Es handelte sich schließlich um etwa 30 französische Gefangene, die im Saal des Gasthauses "Zur Krone" untergebracht wurden. Für die sowjetischen Kriegsgefangenen nahm man später das Gebäude der früheren Molkerei Greßmann in Beschlag.

Ab 1941 verhandelte die Gemeinde Bermuthshain über den Verkauf der bisherigen "Volkshalle" (auch "Adolf-Hitler-Heim") am Marktplatz an die Luftmunitionsanstalt Hartmannshain. Diese Verhandlungen führten schließlich im Frühjahr 1942 zum Verkauf der "Volkshalle" an die Muna zum Preis von 5.080 RM. In dieser und drei weiteren benachbarten Holzbaracken wurden ab Mai/Juni 1943 rund 110 verschleppte junge Frauen und Mädchen aus der Sowjetunion (Ukraine) untergebracht, die in der Muna Zwangsarbeit leisteten. Das gesamte Lager war mit einem Drahtzaun umgeben und wurde von einer deutschen Aufseherin kontrolliert. Die polnischen Gefangenen wohnten auf den Bauernhöfen, auf denen sie arbeiteten. Das Verhältnis der Bermuthshainer zu den Kriegsgefangenen war durchaus uneinheitlich. In vielen Fällen ließ man "seinen" Franzosen am Tisch mitessen, was offiziell streng untersagt war. Natürlich gab es auch Kriegsgefangene, die auf einigen Bauernhöfen eher schlecht behandelt und ausgenutzt wurden.

Im Sommer 1941 kamen die ersten Evakuierten aus den Städten des Rheinlandes, insbesondere Köln, aufgrund der zunehmenden britischen Luftangriffe in die Dörfer des Vogelsberges. Im August 1941 erreichte der Krieg dann erstmals direkt die Region. In der Nacht vom 3. auf den 4.8.1941 fielen drei britische Sprengbomben auf Volkartshain, das nur wenige Kilometer südlich von Bermuthshain liegt. Eine der Bomben traf ein Wohnhaus, wobei eine junge evakuierte Kölnerin und ihr Kind getötet wurden. Nur wenige Tage später, in der Nacht vom 7. auf den 8.8.1941, erfolgte ein Bombenangriff auf Herchenhain. Dabei wurden mehrere Hofreiten und das Vater-Bender-Heim (Jugendherberge) auf der Herchenhainer Höhe zerstört und zwei Menschen getötet. Bis heute ist nicht geklärt, ob es sich um einen gezielten Angriff, möglicherweise der Muna geltend, oder auch um einen Notabwurf gehandelt hat. Zeitzeugenberichten zufolge, für die es bis heute aber keinen Beleg gibt, wurden während des Krieges über dem südöstlichen Vogelsberg häufig alliierte Flugblätter mit der Aufschrift "Muna im Wald wir finden dich bald" abgeworfen. Bermuthshain selbst blieb indes bis Kriegsende von Luftangriffen verschont.

Ende Juli 1941 erreichte Bermuthshain auch erstmals eine Gefallenenmeldung. Es handelte sich um den 31jährigen Friedrich Schneider ("Hohlkhannes"), der an der Ostfront nach dem Beginn des Feldzuges gegen die Sowjetunion zu Tode gekommen war. Nach der Wende des Krieges durch die deutsche Niederlage in Stalingrad im Januar/Februar 1943 verging kaum noch ein Monat, in dem der hierfür zuständige NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Oechler V. ("Stoffels") einer Familie die Schreckensnachricht vom Kriegstod eines Sohnes, Bruders oder Vaters überbrachte.

Jüdische Mitbürger, schon seit 1933 in immer stärkerem Maß Opfer einer Verfolgung und Zielscheibe einer massiven und permanenten Hasspropaganda, gab es nach dem eher als Flucht zu bezeichnenden Wegzug der Familie Lind ("Sandersch") nach Goßmannsdorf am Main 1936 und der Flucht der letzten Crainfelder Juden nach dem Pogrom am 9.11.1938 längst nicht mehr in der Region. Als die systematische physische Vernichtung aller Juden im Machtbereich des nationalsozialistischen Deutschland 1941 begann, verbreiteten sich bald die ersten entsprechenden Gerüchte in einigen Bermuthshainer Familien über den offiziell geheimen Massenmord. Im Frühjahr 1942 wurde der schon lange zum Christentum konvertierte und in Hochwaldhausen wohnende Militärarzt a. D. Max Flesch von der Gestapo verhaftet und deportiert.

Von der jüdischen Bermuthshainer Familie Lind hatten die Kinder Ruth und Martin noch im August 1941 kurz vor der Verhängung des Auswanderungsverbotes Deutschland verlassen und in die Vereinigten Staaten emigrieren können. Die Eltern Seligmann Sally und Giselha Lind wurden jedoch in ihrem Wohnort Goßmannsdorf verhaftet und am 24.3.1942 von Kitzingen aus in das Ghetto Izbica im deutsch besetzten Polen deportiert, wo sie ermordet wurden. Frieda Mayer geb. Lind, die ebenfalls in Bermuthshain geboren war, wurde am 24.9.1942 mit Ehemann und Sohn von Nürnberg in das KZ Theresienstadt verschleppt worden. Nach dem Tod des Sohnes dort wurden die Eheleute Mayer am 18.5.1944 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort vergast.

Mit dem Beginn der britischen Flächenbombardements auf deutsche Städte im Jahr 1942 nahm der Luftkrieg immer mehr an Intensität zu. Dies hatte zur Folge, dass Bermuthshain eine immer größere Anzahl von Evakuierten und Ausgebombten aus den Großstädten, insbesondere Frankfurt am Main und Köln, aufnehmen musste. Der Feuerschein der brennenden Stadtzentren von Kassel, Frankfurt, Stuttgart, Darmstadt, Gießen, Fulda oder Hanau und die langsam hinabschwebenden Zielmarkierungsbomben ("Christbäume") waren von Bermuthshain aus deutlich am Horizont sichtbar. Ab dem Sommer 1943 gehörten die Überflüge der am Tage operierenden US-amerikanischen Bomberformationen mit "Fliegenden Festungen" vom Typ Boeing B-17 sowie später deren Begleitjägern vom Typ North American P-51 "Mustang" zum täglichen Anblick. In der Nacht vom 30. zum 31.3.1944 wurde der Luftraum über dem Vogelsberg zum Schauplatz einer gewaltigen Luftschlacht zwischen britischen Bombern mit dem Angriffsziel Nürnberg und deutschen Nachtjägern.

Ein schwerer britischer viermotoriger Bomber vom Typ Avro Lancaster Mk. III mit der Kennung ND 443 MG-L wurde dabei von einem deutschen  Messerschmitt Bf 110 Nachtjäger abgeschossen. Dieser Abschuss wird teilweise dem deutschen Oberleutnant Drewes von der III./NJG 1 zugeschrieben. Die britische Maschine war als sogenannter "Pathfinder" mit Leuchtbomben zur Zielmarkierung beladen und gehörte zur 8th Group/7th Squadron der Royal Air Force. Sie stürzte direkt hinter dem Jagdhorst noch in der Gemarkung Ober-Moos ab und explodierte. Die gesamte Besatzung von sechs Engländern, darunter dem Squadron Leader C. H. Wilson, und dem kanadischen Pilot Officer J. S. Ferrier wurde getötet. Am folgenden Tag war die Absturzstelle das Ziel zahlreicher Schaulustiger aus Bermuthshain und Ober-Moos. Während der gleichen Nacht waren auch noch an anderen Orten im Vogelsberg, darunter bei Nieder-Moos und Freiensteinau, Abschüsse britischer Bomber zu verzeichnen. Insgesamt gelang es der deutschen Luftwaffe 95 von 795 britischen Bombern abzuschießen und damit den größten Erfolg der deutschen Nachtjagd während des gesamten Krieges zu erzielen.

 

Jakob Heutzenröder IV. ("Nienammels") als Wachmann in der Muna (um 1941). Nahezu alle im Bild sichtbaren Gebäude der Muna sind bis heute erhalten, darunter auch das Wachgebäude rechts im Hintergrund. Der links von der Bildmitte erkennbare Apparat war ein Betonpfosten mit Stechuhr und Meldetelefon für die Rundgänge der Wachen.
 
Für die Überwachung des Luftraums über dem Vogelsberg war eine bei der Luftmunitionsanstalt Hartmannshain eingerichtete Warnstelle zuständig, welche dem Warnkommando Gießen unterstellt waren. Sie verfügte über mehrere hölzerne Unterstände mit Beobachtungstürmen auf dem Maienberg bei Crainfeld, auf dem Hoherrodskopf und bei Freiensteinau, deren Besatzung vorwiegend durch Einheimische gestellt wurde. In der Umgebung der Muna waren außerdem drei 2cm-Flakgeschütze aufgestellt, eines davon an der Roten Staude bei Bermuthshain. In der Muna selbst befanden sich in ausgebauten Stellungen vier Zwillings-FlaMG und drei Vierlings-FlaMG, deren Bedienungen sämtlich den Befehl hatten, nur bei erkannten Angriffen das Feuer zu eröffnen, um die Anlage nicht zu verraten. Heute weiß man, dass die Existenz der Muna den Alliierten schon lange bekannt war, diese aber nicht angegriffen wurde, weil die Industrie selbst und die Verkehrswege eine weitaus höhere Zielpriorität besaßen.

Im Jahr 1940 war mit dem zweiten Bauabschnitt der Muna begonnen worden. Es kamen neue und größere Munitionsbunker (Doppelbunker) zur Ausführung, die jedoch nicht alle fertiggestellt werden sollten. Neben der Fertigstellung und Lagerung deutscher Fliegerbomben, Abwurfbehälter und Bordwaffenmunition wurde mit fortschreitender Kriegsdauer auch französische, britische, sowjetische und amerikanische Beutemunition in der Muna deponiert. Hinzu kam Infanteriemunition und schließlich sogar Abschussvorrichtungen für Flugbomben vom Typ Fieseler Fi 103 ("V1"). Erstmals im Mai 1940 während des Westfeldzuges gegen Frankreich und dann noch weitere Male, u. a. nach der Landung der Alliierten in Italien im Sommer 1943, verließen große Munitionstransporte auf Lastwagen die Muna direkt in Richtung Front. Gegen Ende des Krieges waren die Bunkeranlagen randvoll mit Munition, da infolge der Gesamtsituation deutsche Bomber kaum noch zum Einsatz kamen und darüber hinaus die Transportwege durch ständige alliierte Luftangriffe unterbrochen waren. Fehlerhafte oder in anderer Form unbrauchbare Munition wurde durch Personal der Muna auf einem Sprengplatz im "Altenfeld" in der Gemarkung Bermuthshain (heute befinden sich dort die Amphibienteiche) gesprengt.

In der Muna kam es angesichts der Gefährlichkeit beim Umgang mit der Munition und der naturgemäß eintretenden Unerfahrenheit der ukrainischen Zwangsarbeitskräfte, von denen etwa 120 im Frühsommer 1943 dort eintrafen, mehrfach zu Explosionsunglücken. Am 25.1.1944 wurden dabei drei junge Frauen aus der Ukraine getötet. Bereits am 21.8.1943 hatte sich eine neunzehnjährige Ukrainerin im Holzschuppen der früheren Molkerei Greßmann erhängt. Mehrfach kam es auch zu Fluchtversuchen. Die Zwangsarbeiterinnen wurden jeden Morgen vom "Ostarbeiterlager" in Bermuthshain durch einen örtlichen Wachmann der Muna zur Luftmunitionsanstalt geführt und nach Arbeitsende wieder zurückgeleitet. In der Muna selbst erhielten sie auch ihre Verpflegung. Da diese eher unzureichend war, mussten die Ukrainerinnen nach Arbeitsende in der Muna noch auf Bermuthshainer Bauernhöfen mitarbeiten.

Mit der ungünstigen Entwicklung der Kriegslage und insbesondere aufgrund einer immer weiter steigenden Anzahl von Gefallenenmeldungen verlor das NS-Regime unter immer mehr Einwohnern von Bermuthshain jeglichen Rückhalt. Offene Unmutsbekundungen waren jedoch äußerst gefährlich und führten in zumindest einem Fall zur Denunziation beim NSDAP-Ortsgruppenleiter, der dies jedoch nicht weitermeldete. Allerdings wurde es bald zur Gewohnheit, abends und nachts heimlich die allliierten Rundfunksender wie die BBC zu hören, was offiziell mit dem Tode bestraft werden konnte. Nach der Landung der westlichen Alliierten in der Normandie im Sommer 1944 und dem Zusammenbruch der West- und Ostfront verschärfte sich die Situation. Am 25.9.1944 wurde der "Deutsche Volkssturm" als "letztes Aufgebot" aus Jugendlichen und Veteranen des Ersten Weltkrieges gebildet, um den im Grunde unvermeidlichen militärischen Zusammenbruch des Reiches noch zu verhindern. In Bermuthshain fand am 12.11.1944 morgens um 7 Uhr 20 das Antreten des Volkssturms vor dem Gasthaus "Zum goldnen Stern" statt. Zum Einsatz ist es glücklicherweise nicht mehr gekommen.

Dennoch wurden nach der alliierten Invasion mehr junge Bermuthshainer Männer als Soldaten regelrecht "verheizt" als in den vier Kriegsjahren zuvor. Von den 25 örtlichen Kriegsgefallenen verloren allein 16 nach dem Sommer 1944 ihr Leben, davon zehn sogar erst in den letzten fünf Kriegsmonaten 1945. Nicht alle gebürtigen Bermuthshainer trugen in diesem Krieg das Feldgrau der deutschen Wehrmacht. Als Soldat der US Army war Martin Lind ("Sandersch"), der noch 1941 aus Deutschland geflohen war, direkt am alliierten Vormarsch in seiner ehemaligen Heimat beteiligt. Auf der anderen Seite der Welt befand sich sein Cousin Benno Levi aus Alsfeld im Pazifik unter den gegen Japan kämpfenden US-Truppen.

Gegen Kriegsende hatte sich die traditionelle Bermuthshainer Dorfgemeinschaft weitgehend aufgelöst und sollte auch nie wieder erstehen. Neben den einheimischen alten Leuten, Frauen und Kindern bildeten zahlreiche Ausgebombte und Evakuierte sowie ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter einen großen Teil der Einwohnerschaft. Ab dem Herbst 1944 wuchs die Gefahr durch alliierte Tieffliegerangriffe, vornehmlich amerikanische Doppelrumpf-Langstreckenjäger vom Typ Lockheed P-38 "Lightning" und Jagdbomber vom Typ Republic P-47 "Thunderbolt". Diese beschossen bald nahezu täglich Personen- und Güterzüge auf der Vogelsbergbahn. Das Reisen in Nachbarorte und selbst die Feldarbeit war unter diesen Umständen potentiell lebensgefährlich. Am 8.10.1944 griffen amerikanische Jagdbomber den Personenzug Nr. 4137 auf der Bahnstrecke zwischen Ilbeshausen und Herbstein mit zwei Sprengbomben und Bordwaffen an. Vier Personen wurden getötet und vier teils schwer verletzt. Mehrere Bermuthshainer, die sich in dem Zug befanden, erlebten das Geschehen aus nächster Nähe mit. Am 17.12.1944 musste dann ein deutsches Jagdflugzeug vom Typ Messerschmitt Bf 109G bei den "Hahlbäumen" in der Gemarkung Bermuthshain, nahe der Landesgrenze, notlanden.

Am 15.3.1945 kreiste ein alliierter Aufklärer in großer Höhe über dem Oberwald und machte dabei neben Aufnahmen der Muna und ihrer Umgebung u. a. eines der ersten Luftbilder, das von Bermuthshain gemacht worden ist (Die älteste bekannte Luftaufnahme datiert von 1935). Am 18.3.1945 erfolgte ein erneuter Angriff auf die Vogelsbergbahn, diesmal bei Crainfeld. Beim Beschuss des Zuges wurde der 61 Jahre alte Johannes Löffler aus Bermuthshain ("Heils") so schwer verletzt, dass er noch vor Ort starb. Am 22.3.1945, nur wenige Tage später, bombardierten 8 amerikanische Jagdbomber die Bahnstrecke bei Ilbeshausen und das Gelände des dortigen Bahnhofs. Danach entdeckten deren Piloten, der Bahnlinie folgend, einen abfahrbereiten und fast vollbeladenen Munitionszug auf dem Gelände der Muna. Dieser wurde sofort angegriffen und in Brand geschossen, worauf es zu einer gewaltigen Explosion kam, die mehrere Gebäude der Muna zerstörte und einen riesigen Krater in die Erde riss. In Bermuthshain, Grebenhain und Crainfeld wurden zahlreiche Fensterscheiben von der Detonation eingedrückt und im letzteren Ort sogar eine Scheune durch einen herumfliegenden Bombensplitter in Brand gesetzt. Am gleichen Tag überschritt die 3. US-Armee unter General George S. Patton bei Oppenheim den Rhein und das Ende des Krieges für Oberhessen kündigte sich damit an.

 

Im Original erhaltener Einberufungsbefehl für den Volkssturm vom Herbst 1944 für Johannes Löffler ("Heils"). Dieser wurde nur wenige Monate später bei einem amerikanischen Luftangriff getötet.
 

Vor den herannahenden US-Verbänden wurden die Bunkeranlagen in der Muna durch die deutsche Wehrmacht selbst, im Sinne des "Nero-Befehls" und weiterer vorheriger Anweisungen, zur Zerstörung vorbereitet. Durch Sprengsätze mit Zeitzündern wurden die Bunker ab dem 29.3.1945 nach und nach gesprengt. Betonbrocken und vor allem Munitionsteile wurden weit durch die Gegend geschleudert und verseuchten den Oberwald für viele Jahrzehnte mit gefährlichen Munitionsrückständen. Während die Sprengungen das Dorf erschütterten, suchte ein Großteil der Bermuthshainer Schutz im benachbarten Lichenroth. Wohl zum ersten Mal seit dem Dreißigjährigen Krieg war der Ort damit fast vollständig von seinen Einwohnern verlassen, wenn auch nur für kurze Zeit. Der R 275 folgend erreichten Einheiten der 4th US Armored Division schon am 29.3.1945 Grebenhain und durchquerten den Ort weiter in Richtung Herbstein und Großenlüder, ohne zunächst von der Muna oder den benachbarten Dörfern Notiz zu nehmen. Bermuthshain blieb somit zunächst noch "unbesetzt". Klare Fronten bestanden im Vogelsberg zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Überall gab es noch versprengte deutsche Einheiten, von denen einige auch durch Bermuthshain zogen. Der amtierende Bürgermeister Pfannstiel konnte Zeitzeugenberichten zufolge dabei eine Einheit mit einem fahrbaren Flakgeschütz noch zum Weitermarsch bewegen.

Wie sich am 31.3.1945 zeigen sollte, war dies aus Bermuthshainer Sicht eine glückliche Entscheidung, denn die Flakeinheit postierte sich daraufhin im benachbarten Ober-Moos und schoss auf einen amerikanischen Aufklärer, ohne ihn allerdings zu treffen. Die amerikanischen Truppen reagierten umgehend auf diesen Widerstand durch deutsche Einheiten. Nach kurzer Zeit schon waren US-Jagdbomber der XIXth Tactical Air Force über Ober-Moos und begannen mit der Bombardierung, die zugleich durch direkten Beschuss durch die Panzer der 11th US Armored Division unterstützt wurde. Innerhalb einer halben Stunde wurden 22 Häuser, zwei Drittel von Ober-Moos, in Schutt und Asche gelegt und wie durch ein Wunder nur zwei Personen leicht verletzt. Eine Woche nach dem Angriff kamen jedoch sieben Personen bei den Aufräumarbeiten durch eine Sprengstoffexplosion ums Leben.

In den letzten Tagen vor dem Einmarsch der Amerikaner wurden in Bermuthshain zahlreiche "belastende" Schriftstücke, Uniformen, Fahnen und Devotionalien aus der Zeit des nach 12 Jahren zu Ende gehenden "Tausendjährigen Reiches" beiseite geschafft. Die Akten der NSDAP-Ortsgruppe, Hitlerbilder, Exemplare von "Mein Kampf", antisemitische Propagandaschilder, nationalsozialistische Zeitungen, die in jedem Haushalt vorhandenen Hakenkreuzfahnen und überhaupt nahezu alle Gegenstände, auf denen ein Hakenkreuz zu sehen war, wurden verbrannt. Im Hof von "Heutzeredersch" loderte ein großer Scheiterhaufen. In einigen Fällen wurden Uniformen der SA und Abzeichen in Holzkisten gepackt und im Feld vergraben. Somit wurde die einstige nationalsozialistische "Hochburg" Bermuthshain schon vor dem Eintreffen der US Army, wenn auch zunächst nur äußerlich, "entnazifiziert". Als Zeichen der Kapitulationsbereitschaft wurden aus den Fenstern weiße Fahnen bzw. Betttücher gehängt. Einige der zu dieser Zeit noch durch das Dorf strömenden deutschen Soldaten nahmen dies sehr übel und warfen u. a. beim "Wernnerts" Haus ein Fenster ein, aus dem eine weiße Fahne hing.

Am Ostersamstag, dem 31.3.1945, bereitete man sich in Bermuthshain auf die ja traditionell zu Ostern stattfindende Konfirmation vor. Ungeachtet der im Umlauf befindlichen Gerüchte über die vorrückenden Amerikaner und dem Beschuss von Ober-Moos wurde an diesem Tag im Backhaus gebacken. Schon am Vormittag konnte in Bermuthshain beobachtet werden, wie rund 50 amerikanische Soldaten mit einem großen Lastwagen am örtlichen Bahnhof in Stellung gingen und das Dorf offensichtlich nach eventuell vorhandenem Widerstand ausspähten. Nach etwa einer halben Stunde fuhr eine ganze Kolonne amerikanischer Lastwagen, Jeeps und Panzerfahrzeuge der 11th US Armored Division hinunter nach Bermuthshain. Während ein Teil der Truppen das Dorf über die Hauptstraße durchquerte und weiter in Richtung Lichenroth fuhr, hielten die übrigen an und durchsuchten dann nacheinander sämtliche Häuser.

Die Gebäude der beiden großen Gastwirtschaften "Zur Krone" und "Zum Goldenen Stern" wurden noch am gleichen Tag durch die amerikanische Armee als Quartiere beschlagnahmt. Im "Goldenen Stern", dem bisherigen Sitz der Bürgermeisterei und Parteilokal der NSDAP, wurde die amerikanische Ortskommandantur eingerichtet. Proklamationen der neuen amerikanischen Militärregierung wurden am Aushängebrett vor dem Gasthaus angeschlagen und waren von jedermann zu lesen. Fotoapparate und Waffen waren abzuliefern. Letztere wurden von den Amerikanern noch vor Ort durch Überfahren mit einem Jeep unbrauchbar gemacht. Im übrigen herrschte ab 18 Uhr eine Ausgangssperre für die weitere Fortdauer des Krieges. Diese wurde erst nach dem tatsächlichen Ende des Krieges am 9.5.1945 nach und nach gelockert und aufgehoben.

Durch die Ausgangssperre kam es am 5.4.1945 zu einem tragischen Zwischenfall. Der während des Krieges nicht eingezogene Schreiner Heinrich Greb ("Kompe") war kurz vor 18 Uhr auf dem Weg zurück zu seinem Haus, als er von einer amerikanischen Streife mit Jeep vor seinem Haus angehalten wurde. Als Heinrich Greb die Treppe zu dem Anwesen hinaufstieg, um seinen Ausweis zu holen, wurde er von einem der US-Soldaten hinterrücks niedergeschossen. Nachdem zwei Sanitäter der US-Armee hinzugerufen waren, wurde Heinrich Greb von diesen in einem Jeep mitgenommen, um in ein Hospital gebracht zu werden. Seither gilt er als verschollen. Bis heute sind das Schicksal von Heinrich Greb und der Hintergrund der tödlichen Schüsse noch nicht wirklich aufgeklärt.

 

Bermuthshain auf einer alliierten Luftbildaufnahme vom 15.3.1945, nur zwei Wochen vor der Ankunft der amerikanischen Truppen. Die Aufnahme ist nach Westen orientiert. Bei genauem Hinsehen ist rechts von der Lichenröther Straße auf dem heutigen Marktplatz das "Ostarbeiterlager" mit seinen Baracken zu entdecken.
 

Bereits in der ersten Woche nach dem amerikanischen Einmarsch wurde der bisherige Bürgermeister Otto Ernst August Pfannstiel seines Amtes enthoben. Die Besatzungsmacht wollte einen vom Nationalsozialismus unbelasteten Mann mit dem Amt betrauen. Nach einem entsprechenden Hinweis von Margarethe Hornung ("Dammburgersch"), deren Schwester Erna Lind in Grebenhain ebenfalls zur Bürgermeisterin ernannt worden war, fuhr ein Jeep der US Army im Hof von "Hanse" vor. Nunmehr wurde Johannes Weitzel zum zunächst provisorischen Ortsoberhaupt berufen. Die offizielle Ernennung erfolgte erst am 18.6.1945. Zur Wahl eines neuen, demokratisch legitimierten, Gemeinderates kam es erst am Anfang des folgenden Jahres.

Sämtliche führenden Nationalsozialisten des Dorfes hatten sich zu melden und und mussten sich an einem Tag im Sommer 1945 bei der Hofreite "Hanse" einfinden. Von dort wurden sie zunächst mit Lastwagen zum Lauterbacher Nordbahnhof und dann weiter mit der Bahn ins Internierungslager Ludwigsburg gebracht. Dort blieben sie teilweise bis zu zwei Jahre in Gefangenschaft. Auch alle übrigen erwachsenen Dorfbewohner hatten im Rahmen der Entnazifizierung Rechenschaft über die Jahre von 1933 bis 1945 abzulegen. Dennoch gerieten die Ereignisse der nationalsozialistischen Zeit, des Aufstiegs der NSDAP vor 1933 und der Übergriffe auf die einheimischen Juden in Bermuthshain wie auch in den anderen Vogelsbergdörfern bald in Vergessenheit bzw. wurden bewusst verdrängt. Eine geschichtliche Aufarbeitung ist erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts im Gang.

Die befreiten ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitskräfte blieben anfänglich in den Baracken des "Ostarbeiterlagers" konzentriert und durften sich jetzt relativ frei bewegen. Ihr Verhalten war sehr unterschiedlich. Nicht wenige arbeiteten wie vor dem amerikanischen Einmarsch zunächst noch auf den Bauernhöfen mit. Insbesondere mehrere der befreiten polnischen Gefangenen zogen durch das Dorf und plünderten unter Gewaltandrohung und -anwendung Radios und andere Wertgegenstände aus Häusern, deren Besitzer als "große Nazis" galten oder die sie zuvor schikaniert hatten. Ende April 1945 wurden die befreiten Ausländer durch die amerikanische Besatzungsmacht repatriiert und auf Lastwagen weggeschafft. Das nunmehr geräumte Lager wurde von früheren Mitgliedern des BDM gesäubert und diente zeitweise noch als Sammelstelle für deutsche Kriegsgefangene. Die Baracken wurden kurze Zeit nach Kriegsende auf Veranlassung des Landratsamtes in Lauterbach abgetragen und als Notbehausungen für 11 Familien im zerstörten Ober-Moos verwendet.

Noch im Verlauf der ersten Aprilwochen 1945 wurde auch die nun leerstehende Muna von den Bewohnern der Nachbarorte in großem Maßstab ausgeplündert und dabei regelrecht alles mitgenommen, was auch nur im Entferntesten zu gebrauchen war. Noch bis 1947 waren amerikanische Truppen in der Muna stationiert, die weitere Sprengungen vornahmen und die Munitionsverseuchung dadurch nur noch vergrößerten. Anschließend arbeitete dort ein ziviles deutsches Sprengkommando. Ab 1946 benutzten sudetendeutsche Heimatvertriebene aus Gablonz und Karlsbad die leerstehenden Arbeitshäuser, Packhallen und Werkstattgebäude für die Glaswaren- und Knopffabrikation. Später wurden dort verschiedene Firmen wie die Tuchfabrik Carl Müller angesiedelt, bevor 1966 die Grebenhainer Kartonagenfabrik GmbH ( heute STI) dort die Produktion aufnehmen sollte.

Bis zur Entlassung aller Bermuthshainer Kriegsgefangenen aus westalliierter und insbesondere sowjetischer Gefangenschaft dauerte es noch viele Jahre, bis 1950. Erst nach der Währungsreform im Juni 1948 normalisierte sich ganz allmählich das Leben im Dorf, zumal ab Februar 1946 noch über 130 Heimatvertriebene aus dem Sudetenland, teilweise bis heute fälschlich als "Flüchtlinge" bezeichnet, aufgenommen werden mussten. Dadurch und durch die zahlreichen ausgebombten Familien aus den Großstädten wurde die vor 1939 ausschließlich durch alteingessene bäuerliche Familien gebildete Dorfgemeinschaft für immer verändert. 25 teilweise noch im jugendlichen Alter befindliche Bermuthshainer kehrten nie wieder aus dem vollkommen sinnlosen Krieg zurück. Noch weit mehr als 1914-1918 verloren zahlreiche Höfe ihren eigentlichen oder einzigen Erben wie "Beckels", "Blumme", "Grohe", "Jägersch", "Schloarmellersch", "Schloarschmidts" oder "Velde".

Zum Andenken an die Gefallenen und Getöteten sowohl der alteingesessenen Familien als auch der heimatvertriebenen und evakuierten "Neubürger" wurde das 1921 erbaute Kriegerdenkmal in den 1950er Jahren um zwei zusätzliche Gedenktafeln ergänzt. Eine Ehrentafel mit den Porträts der Kriegstoten wurde außerdem im Betsaal der alten Schule angebracht. 2011 wurde ein Gedenkstein am Jagdhorst zur Erinnerung an den Absturz des britischen Bombers 1944 aufgestellt. Zu einer sichtbaren Erinnerung an die ermordeten Juden jedoch kam es bis in die Gegenwart weder in Bermuthshain noch in Crainfeld, dem einstigen Zentrum jüdischen Lebens in der Region.

Die eindrücklichste Hinterlassenschaft des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen in der Region stellen heute indes die Überreste der ehemaligen Luftmunitionsanstalt Hartmannshain dar. Fast vollständig erhalten blieb die Wohnsiedlung, die heute zum Grebenhainer Ortsteil Oberwald gehört, welcher sich in der Nachkriegszeit daraus entwickelte. Ein Teil des Muna-Geländes war schon in den 1950er Jahren als Standort für ein neues Munitionslager der US Army im Gespräch, bevor dort im Zeichen des Kalten Krieges zwischen 1978 und 1982 ein vorgeschobenes Versorgungsdepot, das sogenannte "NATO-Lager" ("Forward Storage Site Grebenhain"), errichtet wurde. Der Großteil der Bunkeranlagen war bis zu diesem Zeitpunkt noch als Ruinen sehr gut erhalten, wurde aber im Rahmen der systematischen Entmunitionierung seit 1991 beseitigt. Lediglich kleinere Reste blieben erhalten und sollen unter Denkmalschutz gestellt werden. 2004 gründete sich ein Arbeitskreis von engagierten Bürgern aus der Großgemeinde Grebenhain (www.muna-grebenhain.de), um die Geschichte der Muna aufzuarbeiten. Ein Museum zur Geschichte und Folgenutzung der Muna in der alten Schule in Bermuthshain (Muna-Museum Grebenhain) wurde am 8.5.2011 eröffnet.

 

Ausschnitt aus der Gefallenengedenktafel, die nach der Umwandlung des unteren Schulsaales zum Betsaal (1957) in der alten Schule dort angebracht wurde und seit der Neueinweihung 2011 im Flur zu sehen ist.
 

Bermuthshainer Gefallene des Zweiten Weltkrieges 1939 bis 1945

  
  Friedrich Schneider "Hohlkhannes" geb. 30.9.1909 gef. 21.7.1941
  Jakob Böckel "Beckels" geb. 9.6.1911 verm. 9.1.1943
  Wilhelm Lind "Grundhannerjes" geb. 12.10.1922 gef. 14.4.1943
  Otto Wies "Annekinne" geb. 30.3.1923 gef. 16.5.1943
  Theodor Oechler "Stoffels" geb. 21.9.1920 gef. 21.9.1943
  August Schäfer "Schloarschmidts" geb. 22.9.1919 verm. 21.10.1943
  Ernst Winter "Winterheims" geb. 11.5.1913 gest. 23.10.1943
  Richard Appel "Dammbauersch" geb. 10.2.1924 gef. 10.12.1943
  Theodor Blum "Blumme" geb. 18.11.1908 gef. 10.3.1944
  Willi Dillemuth "Förstersch" geb. 14.9.1923 verm. 9.1944
  Heinrich Rausch "Kannjerche" geb. 17.5.1908 verm. 11.10.1944
  Otto Luft "Heckemellersch" geb. 30.3.1921 gef. 12.10.1944
  Ernst Volz "Lisbeths" geb. 30.11.1904 gef. 9.12.1944
  Wilhelm Oechler "Grohe" geb. 12.10.1907 verm. 20.12.1944
  Friedrich Luft "Stockjes" geb. 19.9.1908 gef. 27.12.1944
  Wilhelm Schneider "Hohlkhannes" geb. 1.1.1917 verm. 1.1945
  Wilhelm Appel "Velde" geb. 8.3.1926 gef. 4.1.1945
  Heinrich Heutzenröder "Bieljes" geb. 21.9.1901 verm. 11.1.1945
  Heinrich Friedrich Laufer "Schneidmellersch" geb. 14.4.1906 verm. 19.2.1945
  Heinrich Klobedanz "Gemoane Haus" geb. 26.6.1914 gef. 27.2.1945
  Adolf Oechler "Luise" geb. 4.8.1906 verm. 27.2.1945
  Emil Eschenröder "Wernnerts" geb. 8.6.1921 verm. 3.3.1945
  August Jäger "Jächersch" geb. 12.2.1909 verm. 1.4.1945
  Otto Damer "Damersch" geb. 11.4.1910 verm. 13.10.1945
Otto Löffler "Kaufmanns" geb. 21.10.1913 gest. 24.12.1945
Georg Thöt "Zegnersch" geb. 26.10.1908 gest. 31.10.1946
  

Bermuthshainer zivile Kriegsopfer 1939 bis 1945

  
  Otto Ortstadt "Ortstadts" geb. 28.6.1917 gest. 28.12.1944
  Johannes Löffler "Heils" geb. 9.9.1884 gest. 19.3.1945
  Heinrich Greb "Kompe" geb. 12.2.1909 gest. 8.4.1945
  

Bermuthshainer Opfer der NS-Diktatur 1933 bis 1945

   
  Seligmann Lind "Sandersch" geb. 8.9.1889 gest. n. 24.3.1942
  Giselha Lind "Sandersch" geb. 14.12.1892 gest. n. 24.3.1942
  
Gefallene Angehörige der Heimatvertriebenen und Evakuierten 1939 bis 1945

  

  Alfred Schindler geb. 29.3.1910 gef. 18.12.1940  
  Karl-Heinz Buchholz geb. 31.10.1914 gef. 20.5.1941  
  Horst Paul geb. 23.2.1909 gef. 3.9.1941  
  Arnd Paul geb. 4.12.1917 gef. 23.11.1941  
  Rudolf Klein geb. 13.5.1911 gef. 11.11.1943  
  Richard Korn geb. 26.6.1919 gef. 22.5.1944  
  Karl Ortwein geb. 14.6.1914 gef. 20.6.1944  
  Paul Vey geb. 18.7.1918 gef. 4.3.1945  
  Robert Fürst geb. 10.9.1919 gef. 1.5.1945  
 

zurück