Kriegerverein Bermuthshain

 

Obwohl er seit über 60 Jahren nicht mehr existiert, war der Kriegerverein Bermuthshain einst der bedeutendste Verein des Dorfes. Es handelte sich um einen Verein, wie es ihn vor dem Zweiten Weltkrieg in nahezu jedem noch so kleinen Dorf in Deutschland gab. Die Kriegervereine, die vermehrt nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und der darauf folgenden Gründung des Deutschen Reiches entstanden, waren Veteranenvereinigungen der Kriegsteilnehmer von 1870/71 und öffneten sich bald für alle Männer, die ihren Militärdienst abgeleistet hatten. Auf Reichsebene schlossen sich die verschiedenen Landeskriegerverbände wie die 1874 gegründete hessische Kriegerkameradschaft Hassia am 1.1.1900 zum Kyffhäuserbund der deutschen Landeskriegerverbände, seit 1922 Deutscher Reichskriegerbund Kyffhäuser, zusammen. Die Kriegervereine zählten im Kaiserreich zusammen mit ähnlichen Vereinigungen wie dem Jungdeutschlandbund oder der Deutschen Flottenverein zu den sogenannten "vaterländischen" Verbänden, die entschieden für die bestehende monarchische Staatsform eintraten und sich als Gegner der aufkommenden Sozialdemokratie verstanden. Mitgliedern der SPD war der Eintritt in einen Kriegerverein verboten. Vor 1918 stellten die Kriegervereine eine der bedeutendsten Vereinsbewegungen in Deutschland dar, mit rund 29.000 einzelnen Vereinen.

Im Gebiet des hohen Vogelsberges wurde bereits 1873 der Kriegerverein Grebenhain gegründet, dem anfänglich auch die Kriegsveteranen der Nachbardörfer angehörten, ehe dort eigene Kriegervereine entstanden. 1883 entstand ein Kriegerverein in dem im "blauen Eck" gelegenen Salz, 1890 der Kriegerverein Ilbeshausen, 1901 der Kriegerverein Gunzenau-Reichlos als Ablösung vom bestehenden Kriegerverein Nieder-Moos.

Die Initiative zur Gründung eines eigenständigen Kriegervereins in Bermuthshain ging von dem dortigen Revierförster Wilhelm Dillemuth aus, der dabei von dem damals am Forstamt Grebenhain tätigen Oberförster und Reserveoffizier August Ohl unterstützt wurde. Der Kriegerverein Bermuthshain wurde dann am 22.3.1900 gegründet. Bei der Gründungsversammlung erklärten 35 Bermuthshainer Ortsbürger ihren Beitritt zu dem Verein. Als erster Vorsitzender des neuen Vereins wurde Wilhelm Dillemuth gewählt. Zu seinem Stellvertreter wurde Johannes Muth III. ("Grundhannerjes") bestimmt, und der weitere Vorstand setzte sich aus dem Rechner Sebastian Lind II. ("Säuhennerjes"), dem Schriftführer Sebastian Blum ("Blumme") und den Beisitzern Sebastian Leinberger II. ("Stirskloase"), Nikolaus Franz (Gemeindehaus), Heinrich Fölsing ("Stocke"), und Melchior Dietrich ("Scheffersch") zusammen. Noch im Gründungsjahr trat man der Kriegerkameradschaft Hassia bei. Zunächst wurden die Statuten des benachbarten Kriegervereins Grebenhain übernommen, dem mehrere der Mitglieder vermutlich zuvor angehört hatten, bevor am 27.12.1900 eine eigene Satzung beschlossen wurde. Nikolaus Franz, der im Deutsch-Französischen Krieg an der spektakulären Erstürmung des mit 210 Soldaten besetzten Schlosses Chambord an der Loire durch 54 Soldaten der 8. Kompanie des Großherzoglich-Hessischen Infanterieregiments (ohne einen einzigen Schuss) unter dem aus Nidda gebürtigen Hauptmann Ludwig Kattrein beteiligt gewesen war, übernahm die Stelle des Vereinsdieners.

Ein fester Bestandteil des Vereinslebens vor dem Ersten Weltkrieg war die Kaisergeburtstagsfeier zu Ehren von Kaiser Wilhelm II. am 27.1. jeden Jahres. Hier wurde alljährlich in einem der drei großen Gasthäuser mit Tanzsaal ein Ball mit Tanz oder auch eine Theatervorführung veranstaltet, wozu alle Ortseinwohner mit ihren Familien eingeladen waren. Daneben wurde auch der Geburtstag des Landesherren, des hessischen Großherzogs Ernst Ludwig am 25.11. gefeiert, ebenso als Nationalfeiertag der Sedanstag am 2.9. zur Erinnerung an den entscheidenden Sieg der deutschen Armeen bei Sedan im Deutsch-Französischen Krieg am 2.9.1870. Weiterhin beging man den Jahrestag der Schlacht von Gravelotte am 18.8.1870, an der die hessischen Truppen beteiligt gewesen waren. Sedanstag und Gravelottetag wurden im Freien auf dem Festplatz am Höllerich gefeiert, in dessen Nähe auch der 1871 zu einem Gedenkstein umgestaltete Grenzstein zwischen dem Großherzogtum Hessen und dem Königreich Preußen stand.

Im Jahr 1902 wurden auf dem Höllerich neben dem Festplatz der in seinen Grundzügen noch heute sichtbare Schießstand angelegt, sowie vier Gewehre Modell 71 beschafft, um dort Scheibenschießen abzuhalten. Dies war die Geburtstunde der Schützenabteilung bzw. "Gewehrsektion" des Kriegervereins. Ab 1903 bezog der Verein für seine Mitglieder die Vereinszeitung "Hessischer Kamerad" der Kriegerkameradschaft Hassia im Abonnement. Im Jahr 1906 wurde dann eine Vereinsfahne angeschafft und im Rahmen eines großen Festes, das am 10. und 11.6.1906 am Marktplatz bzw. am Turnplatz (heutiges Gelände des "Brandteiches") stattfand und auch mit einem großen Festzug durch den Ort verbunden war, feierlich geweiht. 1909 wurde hierfür eigens durch den örtlichen Schreiner Andreas Spahn ("Wernnerts") ein Fahnenkasten angefertigt.

 

Die im Jahr 1906 angeschaffte Vereinsfahne des Kriegervereins bei einer Gefallenenehrung am Kriegerdenkmal auf dem Bermuthshainer Friedhof in der NS-Zeit. Die Fahne ist seit Kriegsende 1945 verschollen und wurde höchstwahrscheinlich vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen vernichtet.
 
Im Jahr 1908 wurde dann eine Gesangsabteilung als zweite Gliederung des Kriegervereins Bermuthshain gegründet. Diese wurde durch den Vorsitzenden Wilhelm Dillemuth selbst dirigiert. Zwischen 1902 und 1911 stellte der Kriegerverein Bermuthshain den einzigen örtlichen Verein überhaupt dar. Am 29.1.1911 wurden alle noch lebenden Veteranen des Krieges von 1870/71, die dem Verein angehörten, zu Ehrenmitgliedern ernannt. Zu diesem Zeitpunkt betrug die gesamte Mitgliederzahl 75, darunter 53 aktive und 22 passive Mitglieder. Zum Jahresanfang 1911 erfuhr der Kriegerverein Bermuthshain eine besondere Ehre, als sein Vorsitzender Wilhelm Dillemuth zum Vorsitzenden des Bezirkskriegervereins Herbstein gewählt wurde.

Im Herbst 1911 geriet der Kriegerverein Bermuthshain anlässlich der Auseinandersetzungen im Dorf um die am 27.9.1911 stattfindende Bürgermeisterwahl in eine schwere Krise. Eigentlicher Anlass für die heftigen Auseinandersetzungen im Verein war, dass der Vorsitzende Wilhelm Dillemuth bei der Wahl für den Amtsinhaber Friedrich Jost gestimmt hatte, der mit zehn Stimmen Mehrheit gegenüber seinem Herausforderer Jakob Laufer, welcher ebenfalls dem Vorstand des Kriegervereins angehörte, die Oberhand behalten hatte. Die Erregung über diese "Parteinahme" führte dazu, dass kurzerhand 18 Mitglieder unter der Führung von Jakob Laufer aus dem Kriegerverein austraten und beschlossen, einen eigenen Verein zu gründen. Dies war der am 21.11.1911 ins Leben gerufene und noch heute bestehende Männergesangverein "Eintracht" Bermuthshain, der in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg in eine scharfe Konkurrenz zum Kriegerverein trat, der seinerseits seine Gesangsabteilung beibehielt. Für heftige Empörung im Dorf sorgte es beispielsweise, als der MGV "Eintracht" am 28.1.1912 einen Theaterabend abhielt, just an dem Tag, an dem auch der Kriegerverein seine traditionelle Kaisergeburtstagsfeier veranstaltete. Zwei Mitglieder wurden daraufhin aus dem Kriegerverein ausgeschlossen, weil sie es gewagt hatten, am Theaterabend des neuen Gesangvereins teilzunehmen.

Am 10.3.1913 wurden schließlich beide Gesang betreibenden Vereine, der Kriegerverein Bermuthshain als "Krieger-Gesangs-Verein" und der MGV "Eintracht" Bermuthshain, in den Vogelsberger Sängerbund aufgenommen. Am 6.1.1913 wurde mit Unterstützung des Kriegervereins eine Ortsgruppe des Bundes "Jungdeutschland", eines reichsweiten Wehrerziehungsverbandes, gegründet.

Am 1.8.1914 begann der Erste Weltkrieg. Der Kriegerverein Bermuthshain beteiligte sich zusammen mit den Nachbarvereinen aus Grebenhain und Crainfeld am 2.8.1914, dem 1. Mobilmachungstag, an einem feierlichen Abschiedsgottesdienst in der Crainfelder Kirche für die eingezogenen Kameraden. Am 16.8.1914 wurde beschlossen, jedem Kriegsteilnehmer aus Bermuthshain eine "Liebesgabe" von 3 Mark zuteil werden zu lassen. Mit der zunehmenden Dauer des Krieges musste die Unterstützung der Familien der "ins Feld gezogenen" Kameraden ab Herbst 1915 jedoch eingeschränkt werden. 1917 stiftete man 25 Mark für ein Erholungsheim für hessische Soldaten anlässlich des 25-jährigen Regierungsjubiläums von Großherzog Ernst Ludwig. 1918 fand, wie sich herausstellen sollte, die letzte Kaisergeburtstagsfeier statt, welche angesichts der Situation mit einem gemeinsamen Kirchgang mit Fahne nach Crainfeld begangen wurde. Während des Krieges beteiligten sich die Mitglieder des Vereins auch an den Kriegsanleihen des Deutschen Reiches. Allein 1918 wurden 6.600 Mark Kriegsanleihe gezeichnet. Im Unterschied zum MGV "Eintracht", der nach Kriegsbeginn vollkommen einschlief, blieb der Kriegerverein auch während der Kriegsjahre aktiv.

Anders als von den Kriegervereinsmitgliedern erhofft, endete der Weltkrieg am 11.11.1918 mit einem Waffenstillstand, der die Niederlage des deutschen Kaiserreiches und seiner Verbündeten besiegelte, und mit dem Sturz der Monarchien in Deutschland, der Abdankung des Kaisers in Berlin und des Großherzogs in Darmstadt. Die erste Generalversammlung des Kriegervereins nach dem Ende des Krieges, in dem auch viele Mitglieder den "Heldentod" an der Front gefunden hatten, und der Ausrufung der Deutschen Republik und des Volksstaates Hessen fand am 23.2.1919 statt. In deren Rahmen wurde auch eine "Begrüßungsfeier für die heimgekehrten Krieger" veranstaltet. Der alte Vorstand blieb im Amt. Nachdem die letzten in allliierter Kriegsgefangenschaft befindlichen Ortsbürger im Lauf des Jahres 1919 entlassen worden waren, fand am 25.4.1920 eine gemeinsame Feier der Gemeinde Bermuthshain und des Kriegervereins und Gesangvereins im "Deutschen Haus" statt. In den Kriegsjahren war die erbitterte Feindschaft zwischen Kriegerverein und MGV "Eintracht" allmählich begraben worden. Während die einst ausgetretenen Mitglieder dem Kriegerverein wieder beitraten, wurde andererseits dessen bisherige Gesangsabteilung aufgelöst und in den wieder neu gegründeten MGV "Eintracht" integriert.

Auf die Initiative des Kriegervereins ging auch die Errichtung einer Gedenkstätte für die örtlichen Kriegsgefallenen auf dem Bermuthshainer Friedhof zurück, die von dem Bürgermeister und Steinmetz Friedrich Jost gestaltet und schließlich am 16.10.1921 unter Beteiligung der gesamten Ortsbevölkerung sowie von acht Kriegervereinen der Umgebung eingeweiht wurde.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stellte die Kriegervereine vor mancherlei Probleme. Nach dem Ende der Monarchie fiel jede Art der Unterstützung von Seiten des Staates für diese Vereine weg. Durch das Verbot der Wehrpflicht im Vertrag von Versailles ging den Kriegervereine außerdem ihre Funktion als Vereinigung von Reservisten verloren. Darüber hinaus erhielten sie vielfach Konkurrenz durch neugegründete parteigebundene Kriegsteilnehmerverbände mit deutlich paramilitärischen Zügen wie dem "Stahlhelm", dem "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold",  dem "Rotfrontkämpferbund" oder schließlich der nationalsozialistischen "Sturmabteilung" (SA). An Bedeutung gewann dagegen die Fürsorge für die Hinterbliebenen und Geschädigten des Krieges. So wurde am 16.1.1921 im Rahmen des Kriegervereins Bermuthshain auch eine Ortsgruppe der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen gegründet und zu deren Vorsitzenden Karl Luft ("Wänersch") gewählt.

Weiterhin wurde im Kriegerverein Bermuthshain der Schießsport besonders gepflegt, der von nun an mit Kleinkalibergewehren ausgetragen wurde, da die vorher verwendeten Gewehre nun nach den Bestimmungen des Friedensvertrages nicht mehr von den Kriegervereinen verwendet werden durften. Im Jahr 1924 wurde dann in Bermuthshain ein Schützenverein unter dem Vorsitz von Wilhelm Roos ("Pittjes") gegründet, der mit dem Kriegerverein sehr eng zusammenarbeitet, was u. a. in den gemeinsamen Generalversammlungen zum Ausdruck kam. Der Kriegerverein zählte 1924 bereits wieder 76 Mitglieder und hatte damit den Stand von vor dem Oktober 1911 wieder erreicht. In den folgenden Jahren sollte sich diese Aufwärtsentwicklung noch fortsetzen. Ab 1926 stand ein neuer Schießstand am Rabenberg zur Verfügung, der vom Schützenverein erbaut worden war und den alten Schießstand am Höllerich ablöste.

 

Marsch des Kriegervereins mit Fahne durch Bermuthshain in der Ober-Mooser Straße am 1.5.1934 anlässlich der Weihe der sogenannten "Adolf-Hitler-Eiche". Hinter dem Kriegerverein folgt der MGV "Eintracht" Bermuthshain, dessen heute noch erhaltene Fahne ebenfalls zu erkennen ist. Der Kriegerverein wird angeführt von seinem Ehrenvorsitzenden Wilhelm Dillemuth (in Uniform mit Försterhut).
 

Am 22.3.1925 feierte der Kriegerverein Bermuthshain sein 25-jähriges Bestehen im Gasthaus "Zum Deutschen Haus", in dessen Rahmen alle noch lebenden Gründungsmitglieder besonders geehrt wurden, darunter der ebenfalls ein Vierteljahrhundert amtierende Vorsitzende Wilhelm Dillemuth. Auch der einst konkurrierende MGV "Eintracht" Bermuthshain beteiligte sich an der Feier, die noch von einer Lichtbildervorführung mit Motiven der Befreiungskriege 1813-1815 untermalt wurde. Bereits im folgenden Jahr, 1926, konnte der Verein 87 Mitglieder zählen. In diesem Jahr hielt der Kriegerverein seinen Familienabend gemeinsam mit dem örtlichen Gesangverein im "Deutschen Haus" ab, wobei wieder ein Lichtbildervortrag mit Motiven der Champagneschlacht 1915 und der Sommeschlacht 1916 durch den Crainfelder damaligen Pfarrer Karl Frank gehalten wurde.

1927 beteiligte sich der Kriegerverein Bermuthshain an der durch Reichspräsident Paul von Hindenburg initiierten Spende zugunsten der Kriegsopfer ("Hindenburg-Spende") und erhielt daraufhin den "Hindenburg-Fahnennagel" verliehen. Jährlich wurden nun auch Vorträge, die insbesondere mit dem Geschehnissen des Ersten Weltkrieges zusammenhingen, veranstaltet. Am 10.3.1929 organisierte der Kriegerverein im "Goldnen Stern" eine Protestversammlung gegen den "Kriegsschuldlüge", den Paragraphen 231 des Versailler Friedensvertrages, der dem Deutschen Reich die alleinige Schuld für die Auslösung des Ersten Weltkrieges zusprach. In dieser Zeit machte sich im hohen Vogelsberg der aufkommende Nationalsozialismus immer stärker bemerkbar.

Im Jahr 1930 vollzog der Kriegerverein Bermuthshain einen Generationswechsel an seiner Spitze. Nach fast genau drei Jahrzehnten stellte sich der Vorsitzende Wilhelm Dillemuth, mittlerweile fast 70 Jahre alt, nicht mehr zur Wiederwahl. An seiner Stelle übernahm der örtliche Bahnvorsteher Karl Zögner die Geschicke des Vereins. Wilhelm Dillemuth wurde zugleich zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Seine Stellung als Vorsitzender des Bezirkskriegervereins, die er fast 20 Jahre innegehabt hatte, übernahm Johannes Enzian aus Salz. Am 10.1.1932 fand die letzte Generalversammlung des nach dem Tod vieler älterer Kriegsveteranen in den vorangegangenen Jahren noch 70 Mitglieder zählenden Vereines vor dem Beginn des "Dritten Reiches" statt. Aus den Folgejahren sind keine Aufzeichnungen mehr vorhanden. Sehr wahrscheinlich wurden diese gegen Kriegsende 1945 bewusst vernichtet.

Am 11.2.1933 starb Sebastian Leinberger II., der letzte noch lebende Veteran des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, der lange Jahre auch dem Vorstand des Kriegervereins angehört hatte, im Alter von 84 Jahren. Der Kriegerverein erwies ihm unter seinem Vorsitzenden Karl Zögner die letzte Ehre. Die Bestattung des letzten Altveteranen fiel bereits in die Anfangszeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Inwieweit der Kriegerverein Bermuthshain bereits in den Vorjahren seit etwa 1929/30 durch die örtlichen Nationalsozialisten, unter denen sich nicht wenige Vereinsmitglieder befanden, beeinflusst wurde, lässt sich nicht mehr feststellen. Wahrscheinlich ist bereits im Frühjahr 1933 die "Gleichschaltung" des Vereins durchgeführt worden. In diesem Zusammenhang dürfte auch der bisherige Schützenverein aufgelöst und in die Schützenabteilung des Kriegervereins überführt worden sein. Gemeinsam mit dem MGV "Eintracht" beteiligte sich der Kriegerverein an der Feier zur Pflanzung der "Adolf-Hitler-Eiche" am 1.5.1933. Weiterhin nahm der Verein in den Folgejahren auch an den seit 1934 "Heldengedenktag" genannten Gefallenenehrungen am Kriegerdenkmal auf dem Friedhof am fünften Sonntag (Reminiscere) vor Ostern teil. Vorsitzender, offiziell "Kameradschaftsführer", in der Zeit des Nationalsozialismus war Heinrich Sill ("Sills"), der auch dem zwischen 1934 und 1938 ruhenden MGV "Eintracht" Bermuthshain bereits seit 1926 vorstand. Das Rechneramt wurde durch Karl Luft ("Wänersch") ausgeübt.

Nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht am 16.3.1935 übernahmen die Kriegervereine, jetzt als Kriegerkameradschaften bezeichnet, wieder ihre alte Bedeutung als Vereinigungen von Reservisten. Anlässlich des Heldengedenktages 1936 führten alle Kriegerkameradschaften neue sogenannte "Kyffhäuserfahnen" ein. Die neue Fahne der Kriegerkameradschaft Bermuthshain, wie der alte Kriegerverein nun genannt wurde, wurde am 27.2.1936 in Lauterbach zusammen mit anderen Fahnen gemeinschaftlich geweiht. Die alte Fahne aus dem Jahr 1906 wurde fortan als "Traditionsfahne" bezeichnet und weiterhin neben der neuen Fahne geführt. Am 26.6.1937 beteiligte sich die Kriegerkameradschaft Bermuthshain mit einer Abordnung von drei Kameraden am "Reichskriegertag" in Kassel, welcher in der NS-Zeit alljährlich dort stattfand. Im Januar führte man ein sogenanntes "Opferschießen" zugunsten des nationalsozialistischen Winterhilfswerks durch.

Am 5.6.1938 wurde der Deutsche Reichskriegerbund Kyffhäuser auch formal zu einer Gliederung der NSDAP und in Nationalsozialistischer Reichskriegerbund Kyffhäuser umbenannt. Auf lokaler Ebene hatte dies insofern zur Folge, dass die Generalversammlungen fortan als "Generalappell" bezeichnet wurden. Hinzu kamen "Monatsappelle" anstelle der bisherigen Vorstandssitzungen. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre trat die Schützenabteilung des Vereins in besonderem Maß ins Licht der Öffentlichkeit und entwickelte sich zur besten Schützenmannschaft des Kreises Lauterbach. Nachdem die Kriegerkameradschaft Bermuthshain in den Jahren 1936 und 1937 das Kreiswettkampfschießen des NS-Reichskriegerbundes gewonnen hatte, trat sie am 3.7.1938 für die Orte im südlichen Kreisgebiet als Veranstalter mit ihrem Schießstand am Rabenberg in Erscheinung und sicherte sich auch hier wieder den Gesamtsieg. Im Vorfeld dieses Wettbewerbes war der Schießstand noch einmal erneuert und instand gesetzt worden. Die Schützenmannschaft der Kriegerkameradschaft Bermuthshain bestand aus Wilhelm Dillemuth, Friedrich Luft, Heinrich Damer und Heinrich Deuchert. Bereits 1937 hatte sie nach ihrem Sieg beim Kreiswettkampfschießen auch am Schlussschießen des Landesgebietes Fulda-Werra in Kassel teilgenommen.

Vom 3. bis 5. Juni 1939 fand in Kassel der "1. Großdeutsche Reichskriegertag" statt, an dem auch die Kriegerkameradschaft Bermuthshain mit einer Abordnung teilnahm und einen Fahnennagel als Erinnerungsstück erhielt. Am 2.7.1939 wurde erneut das lokale Kreiswettkampfschießen in Bermuthshain veranstaltet. Der Beginn des Zweiten Weltkrieges brachte die Vereinsarbeit zunächst nicht zum Erliegen. Allerdings wurden die meisten jüngeren Kameraden zum Militärdienst einberufen. Noch im August 1940 fand aber das mittlerweile schon traditionelle Wettkampfschießen auf Kreisebene statt, bei dem die Kriegerkameradschaft Bermuthshain den dritten Platz errang. Mit der zunehmenden Kriegsdauer wurden die Veranstaltungen jedoch immer mehr eingeschränkt.

Am 9.1.1943 fand der "Generalappell" der Kriegerkameradschaft im Gasthaus "Zum Goldenen Stern" statt. Wie sich zeigen sollte, war es die letzte Generalversammlung in der Geschichte des Kriegervereins Bermuthshain. Nur kurze Zeit später wurde, nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad, auf Grundlage einer Anordnung Adolf Hitlers vom 9.3.1943 der NS-Reichskriegerbund Kyffhäuser einschließlich aller seiner ihm angeschlossenen Gliederungen, aufgelöst. Die örtlichen Kameradschaften blieben bestehen. Obwohl entsprechende Nachweise nicht vorliegen, dürfte in diesen Zeitraum der Bermuthshainer Kriegerverein jedoch seine Aktivität eingestellt haben, zumal das Kriegsgeschehen den Alltag im Dorf ohnehin immer mehr bestimmte. Nach Kriegsende wurden der Reichskriegerbund und damit auch alle Kriegervereine als Gliederungen der NSDAP durch das Gesetz Nr. 2 des Alliierten Kontrollrats vom 10.10.1945 verboten und eine Wiedergründung für ungesetzlich erklärt.

Während ab etwa 1948 das Vereinsleben in Bermuthshain allmählich wieder zum Leben erwachte und beispielsweise der MGV "Eintracht" Bermuthshain wieder neu erstand, war dem Kriegerverein oder auch dem Schießsport im Dorf kein Neuanfang beschieden, nicht unverständlich angesichts des zurückliegenden Krieges und der Verbindungen zum NS-Regime. Vermutlich kurz vor dem Einmarsch amerikanischer Fronttruppen am 31.3.1945 wurden die beiden Vereinsfahnen, die Auszeichnungen und das nach 1933 neu angelegte zweite Protokollbuch vernichtet, die noch vorhandenen Gewehre dann von den Amerikanern beschlagnahmt und zerstört. Zeitweilige Überlegungen in der Amtszeit von Bürgermeister Richard Oechler in den 1950er Jahren, wenigstens den noch relativ neuen Schießstand am Rabenberg durch einen neu zu gründenden Schützenverein wieder zu nutzen, zerschlugen sich. Die beiden Schießstände wurden stattdessen allmählich von der Vegetation überwuchert. Der Kriegerverein geriet in Vergessenheit. Fast genau 30 Jahre nach dem letzten "Generalappell" wurde dann 1973 die Reservistenkameradschaft Bermuthshain gegründet.

Im Jahr 2002 fand man im Rahmen der Erforschung der Ortsgeschichte das erste Protokollbuch des Kriegervereins (1900-1932), das bis dahin noch immer im "Sills" Haus, dem Anwesen des letzten Vorsitzenden Heinrich Sill, aufbewahrt worden war.

 

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