Lind

 

Die Bermuthshainer Familien Lind waren nur der örtliche Zweig eines größeren Geschlechtes, das auch in den Nachbardörfern Grebenhain und Crainfeld ansässig ist und auch dort weit verzweigt war. Weiterhin gab es sowohl in Bermuthshain als auch in Crainfeld je eine jüdische Familie mit dem Namen Lind, die beide zur Israelitischen Religionsgemeinde Crainfeld gehörten. Die christlichen Träger des Namens Lind im Bereich des alten Gerichts Crainfeld gehen zurück auf den Schäfer Michel Lind, der um 1660 nach Grebenhain kam. Woher er ursprünglich stammte, ist nicht bekannt. Auch sein Sohn Johann Lind war noch Schäfer. Der alte Grebenhainer Hausname "Schefferjes" geht auf die beiden zurück. Von Johann Lind gingen drei größere Stämme aus.

Für die Nachfahren des 1696 geborenen Johannes Lind, zu denen auch der Bermuthshainer Zweig gehörte, war bis ins 20. Jahrhundert geradezu charakteristisch, dass sie im Bauhandwerk tätig waren. Mit dem 1731 geborenen Heinrich Lind begann die "Dachdeckerlinie" der Grebenhainer Lind. Als erster übte der 1793 geborene Enkel Johann Sebastian Lind diesen Beruf aus. Sein Urenkel war der Baumaterialienhändler Heinrich Lind VI., dessen großes Anwesen in Grebenhain, die Hofreite "Schefferjes", heute teilweise als Bauhof der Großgemeinde Grebenhain dient. Von Johann Heinrich Lind (geb. 1734) zweigten wiederum mehrere Linien in Grebenhain ab. Doch nur die des fünften Sohnes, der Unterförsters Johann Peter Lind (geb. 1775), überdauerte ins 20. Jahrhundert. Seine Urenkel waren der Bäcker Robert Lind und der Metzger Heinrich Lind in Grebenhain. Robert Lind gründete 1905 die noch heute als Familienunternehmen bestehende und längst über ihren Ursprungsort hinaus expandierende Bäckerei Lind. Heinrich Lind betrieb eine Metzgerei in der Grebenhainer Bahnhofstraße und war als bekennender KPD-Anhänger 1933 rund ein halbes Jahr im Konzentrationslager Osthofen bei Worms inhaftiert. Er war der Schwiegervater des Bermuthshainer Metzgermeisters Theodor Hornung II. ("Dammburgersch"), seine Ehefrau Maria Lind war 1945/46 kurzzeitig Bürgermeisterin von Grebenhain.

Johann Ludwig Lind, der 1731 geborene Zwillingsbruder von Heinrich Lind, war der Stammvater der Bermuthshainer (durch seine erste Ehefrau) und einer der Crainfelder (durch seine zweite Ehefrau) Linien. Johannes Lind (geb. 1776) war Sohn aus seiner zweiten Ehe mit einer Elisabetha Listmann aus Rixfeld und kam durch Heirat 1802 in den Gerichtsvorort Crainfeld. Wie bei ihren Bermuthshainer Verwandten waren auch hier alle männlichen Familienangehörigen Maurer. Bei dem 1801 geborenen Konrad Lind teilte sich der Familienzweig. Sein dritter Sohn Heinrich Lind kaufte 1891 das bis heute in Familienbesitz befindliche Haus "Kippeljes" in Crainfeld.

Aus der Linie des 1698 geborenen Johann Heinrich Lind stammte der erste Namensträger in Bermuthshain, nämlich sein Enkel Johann Ludwig Lind, der 1801 eine Anna Katharina Bopp in Bermuthshain heiratete. Doch schon sein Sohn Johann Balthasar Lind kam 1831 durch Einheirat wieder in die Gemeinde Grebenhain "zurück", und zwar die Schäfermühle, die erst 1930 durch einen Brand zerstörte und nicht wieder aufgebaute unterste Ahlmühle. Einer seiner Enkel war der 1888 nach Crainfeld ins dortige "Schneidersch" Haus geheiratete Johannes Lind. Seine Söhne waren Heinrich Lind ("Schneidersch") und Heinrich Lind ("Liesjes") in Crainfeld.

 

Konfirmation von Wilhelm Lind ("Grundhannerjes") im Jahr 1936. Auf dem Bild sind viele Angehörige der verwandten Familie Lind aus Bermuthshain und Grebenhain zu sehen.
1. Reihe v. l.: Maria Lind geb. Rahn ("Veldes" Grebenhain), Elise Lind geb. Gutermuth ("Gutermuths"), Heinrich Lind ("Säuhennerjes"), Elise Lind ("Gutermuths"), Valentin Appel ("Velde"), Wilhelm Lind ("Grundhannerjes"), Jakob Lind III. ("Gutermuths"), Emil Lind ("Veldes" Grebenhain), Ottilie Lind ("Grundhannerjes"), Friedrich Lind ("Säuhennerjes"), Ernst Lind ("Grundhannerjes"), Wilhelm Appel ("Velde"), Otto Muth ("Grundhannerjes").
2. Reihe v. l.: Erna Lind ("Veldes" Grebenhain), Gertraud Lind geb. Muth ("Grundhannerjes"), Elise Appel geb. Muth ("Velde"), Lina Lind ("Veldes" Grebenhain), Wilhelm Appel ("Velde"), Frieda Schött (Hütekind aus Ilbeshausen in "Gutermuths").
 
Die Bermuthshainer Lind stammen, wie bereits erwähnt, von dem 1696 geborenen Johannes Lind in Grebenhain bzw. dessen Sohn Johann Ludwig Lind ab. Das vierte von neun Kindern aus seiner Ehe mit Margaretha Weigel aus Grebenhain war der 1759 geborene Heinrich Lind. Er erlernte den Beruf des Maurers, den nahezu sämtliche seiner männlichen Nachfahren bis weit ins 20. Jahrhundert ausübten, nahezu 200 Jahre lang. Im Jahr 1793 heiratete er eine Anna Katharina Haas aus Herchenhain und zog ins benachbarte Bermuthshain, wo er ein einstöckiges kleines Haus in der heutigen Obergasse kaufte. Wohl nach seinem Vornamen erhielt es den Hausnamen "Säuhennerjes" und fiel an seinen im Jahr 1800 geborenen Stammhalter Sebastian Lind I. sowie dann den Enkel Andreas Lind. Durch dessen Söhne Sebastian (geb. 1853) und Jakob (geb. 1857) teilte sich das Bermuthshainer Lind-Geschlecht in zwei Linien auf.

Sebastian Lind II. heiratete 1879 eine Katharina Volz aus Bermuthshain und zog zunächst in das Haus seiner Schwiegereltern, ein einstöckiges Wohnhaus mit dem Hausnamen "Ruhls", das zwischen den Anwesen "Doktersch", "Heils" und "Jägersch" stand. 1897 erwarb er die zweistöckige Hofreite "Nikloase" im heutigen Bergweg, deren Besitzer Gebhard Oechler Haus und Hof wegen Überschuldung hatte verkaufen müssen. Nach dem Umzug wurde auch dieses Haus "Ruhls" genannt und trägt diesen Namen bis heute. Das alte Haus wurde noch 1897 an den Nachbarn Heinrich Rausch I. ("Doktersch") verkauft und abgerissen, wobei der Dachstuhl beim Neubau eines Schweinestalles von "Doktersch" wieder verwendet wurde. Im "neuen" "Ruhls" Haus betrieb Sohn Jakob Lind II. ein kleines Maurergeschäft. Die Linie "Ruhls" starb mit dem Tod von Sohn Paul Lind, welcher der letzte Bahnhofsvorsteher von Bermuthshain war, im Jahr 2003 im Mannesstamm aus.

Jakob Lind I. blieb nach der Heirat mit Anna Elisabeth Bien 1883 aus Salz im kleinen "Säuhennerjes" Haus. Im Jahr 1904 stand dann im Ortskern in der Ober-Mooser Straße die Hofreite "Henkelkammbalzersch" zum Verkauf, ein 1791 erbautes stattliches Fachwerkhaus, das zuvor dem Bürgermeister Heinrich Oechler I. gehört hatte. Jakob Lind I. erwarb das große Anwesen und zog noch im Jahr 1904 unter Mitnahme des Hausnamens "Säuhennerjes" dorthin, während das alte Haus in der Obergasse an die Familie Götz ("Kinnfraajes") verkauft wurde. Aus der Ehe Jakob Lind I. und Anna Elisabeth Bien gingen 10 Kinder, darunter 8 Söhne hervor. Drei Söhne (Heinrich, Karl Heinrich, August) fielen jedoch im Ersten Weltkrieg und ein weiterer (Johannes) starb später an den Folgen seiner Kriegsverletzung. Auch der älteste Sohn Heinrich Lind, der bereits verheiratet war, fiel noch im Mai 1918, und hinterließ einen gleichnamigen Sohn. Heinrich Lind heiratete 1946 Hertha Blos aus Kirchbracht, war wie sein gleichnamiger Urururgroßvater Maurer, und starb 1997 als letzter männlicher Vertreter der Familie Lind im Stammhaus "Säuhennerjes" (Töchter Hildegard und Gerlinde).

Jakob Linds I. gleichnamiger Sohn Jakob Lind III. war der Familientradition gemäß Maurermeister und heiratete 1915 die einzige Tochter des Bermuthshainer Holzdrehers Friedrich Gutermuth. Bis 1948 betrieb er ein Maurergeschäft im "Gutermuths" Haus. Seine Tochter und einziges Kind Elise war die Ehefrau des Bermuthshainer Bürgermeisters Wilhelm Hornung. Der dritte Sohn Johannes Lind heiratete 1921 Gertraud Muth im "Grundhannerjes" Haus in Bermuthshain. Er starb 1929 an den Folgen seiner im Krieg erlittenen Verwundung. Auch in der Folgezeit blieb die Familie nicht von den Folgen eines Krieges verschont, denn sein ältester Sohn Wilhelm Lind kehrte aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zurück. Sein jüngerer Sohn Ernst Lind heiratete nach diesem Krieg nach "Doktersch". Er starb 2011 als letzter Träger des Familiennamens Lind in Bermuthshain überhaupt.

Der 1896 geborene Emil Lind beschritt als einziger der Familie in Bermuthshain den Weg "zurück" ins Dorf der Vorfahren, als er 1925 Maria Rahn aus dem Haus "Veldes" in Grebenhain heiratete und in der dortigen Bahnhofstraße, ebenfalls ungewöhnlich in Anbetracht der Bermuthshainer Familientradition, eine Schreinerei betrieb. Er hatte zwei Töchter (Erna und Lina). Friedrich Lind (geb. 1902) schließlich, der jüngste Sohn des Jakob Lind I., blieb unverheiratet und wohnte im "Säuhennerjes" Haus.

 

Stammbaum Lind

("Säuhennerjes" Teilstamm Bermuthshain)

zum vergrößern anklicken!

(Größe 112 KB)

 
Die einzige jüdische Familie, die jemals in Bermuthshain gewohnt hat, war die Familie von Alexander und Seligmann Lind (Hausname "Sandersch") zwischen 1886 und 1936. Der Ursprungsort der Familie war das benachbarte Crainfeld mit seiner einst großen und bis ins 17. Jahrhundert zurückgehenden jüdischen Gemeinde, die im Jahr 1938 aufgelöst und in der Zeit des Nationalsozialismus völlig vernichtet wurde. Angesichts der völlig unterschiedlichen und voneinander getrennten Lebenswelten von Juden und Christen insbesondere auf dem Lande kann eine Verwandtschaft zu den christlichen Familien Lind ausgeschlossen werden. Überdies war das Führen fester Familiennamen keine jüdische Tradition und wurde erst 1808 im Zuge der beginnenden gesetzlichen Emanzipation im Großherzogtum Hessen verordnet.
 

Alexander Lind (rechts) mit seiner Ehefrau Sophie geb. Heß an seinem 80. Geburtstag am 30.12.1936. Das Foto wurde bereits in Marktsteft aufgenommen, wohin er im Frühjahr 1936 aufgrund der zunehmenden Repressalien gegen die Juden im Vogelsberg durch die einheimischen Nationalsozialisten gezogen war.

 
Stammvater der Familie war der um 1800 lebende Joaz oder Jonaz, dessen Grabstein auf dem alten jüdischen Friedhof von Crainfeld ebenso noch steht wie der seines zwischen 1822 und 1872 lebenden Sohnes Benjamin Lind. Dieser heiratete 1852 Sophie Sommer aus Crainfeld und hatte mindestens sechs Kinder, darunter die Brüder Alexander (geb. 1856) und David (geb. 1858). Das Haus der Familie, das stark verändert bis heute noch steht, war eine kleine einstöckige Hofreite am Ortseingang aus Richtung Bermuthshain. Es trug als zweites Anwesen auf der linken Straßenseite die Nr. 2 im Crainfelder Brandkataster von 1861.

Im Jahr 1886 pachteten David und Alexander Lind die kleine Gastwirtschaft "Zum Hessischen Hof" im heutigen Lindenweg mitten im Ortskern von Bermuthshain. Besitzer des 1875 gegründeten Gasthauses war der Bermuthshainer Ortsbürger und Fuhrmann Heinrich Bopp III., der jedoch hoch verschuldet war und nach kurzer Zeit zu seiner kinderlosen Schwägerin ins Nachbarhaus "Schloarschmidtshannerjes" zog. 1889 ging das gesamte Anwesen schließlich durch Kauf in den Besitz von Alexander Lind über, von dessen Vorname der Hausname "Sandersch" abgeleitet ist. Sein Bruder David übersiedelte nach Frankfurt a. M., wo er ein Optiker- und Juweliergeschäft betrieb. Alexander Lind war mit Sophie Lind geb. Hess (geb. 1856) aus Lohrhaupten bei Würzburg verheiratet. Insgesamt hatte er vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Nach dem Kauf des "Sandersch" Hauses verkaufte Alexander Lind sein Elternhaus in Crainfeld 1889 an den örtlichen christlichen Maurermeister Konrad Lind. Nach einem weiteren Verkauf erhielt das Anwesen 1904 den Hausname "Franze". Der Hausname zur Zeit von Benjamin und Alexander Lind ist nicht überliefert.

Es ist nicht bekannt, inwiefern Alexander Lind mit der dortigen zweiten jüdischen Familie Lind (Hausname "Itzigs") verwandt war. Die älteste Tochter Regina Lind (geb. 1886) war noch in Crainfeld geboren und heiratete am 5.10.1919 den Kaufmann Hermann Levi in Alsfeld, wo die Familie in einem stattlichen Wohn- und Geschäftshaus in der Bahnhofstraße 10 wohnte, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Alsfelder Synagoge. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor: Kurth (geb. u. gest. 1920), Ruth (geb. 1921), Benno (geb. 1923), Ernst (geb. 1924) und Miriam (geb. 1928). Regelmäßig fanden auch Verwandtenbesuche der Levis im "Sandersch" Haus in Bermuthshain statt. Im Dezember 1934 emigrierten zuerst die Söhne Benno und Ernst und die Tochter Ruth und dann 1938 die Eltern mit der jüngsten Tochter Miriam nach nach Detroit im US-Bundesstaat Michigan. Benno Levi diente während des Zweiten Weltkrieges zwischen 1943 und 1945 in der 77th Infantry Division der US Army im Pazifik und nahm an den Schlachten gegen die Japaner um Guam, die Philippinen und Okinawa teil. Weiterhin arbeitete er als Journalist für die "Detroit Jewish News" und wohnt heute in Oak Park, einem Vorort von Detroit.

Der älteste Sohn Benjamin Lind (geb. 1887), innerhalb der Familie Benno genannt, sollte den "Hessischen Hof" übernehmen und schloss noch am 5.7.1914 die Ehe mit Lina Grünbaum (geb. 18.12.1887) aus Wenings. Er fiel jedoch kaum zwei Monate später, am 26.8.1914, im Ersten Weltkrieg als zweiter Bermuthshainer. Zum Andenken an ihn erhielt der zweitälteste Sohn seiner in Alsfeld verheirateten Schwester Regina den Namen Benno. Frieda Lind (geb. 1891) heiratete 1930 Hermann Mayer aus Marktsteft am Main bei Würzburg, mit dem sie einen Sohn hatte, Herbert (geb. 1931). Aus der Region Mainfranken stammte auch die Ehefrau ihres jüngeren Bruders.

 

Hochzeit von Benjamin Lind und Lina Grünbaum am 5.7.1914 in Ober-Seemen. Jüdische Hochzeiten finden grundsätzlich immer im Elternhaus der Braut statt. Kaum drei Wochen nach dieser Aufnahme begann der Erste Weltkrieg, in dem der Bräutigam bald sein Leben verlieren sollte.

 
Zwischen 1903 und 1906 hatte dieser, Seligmann Lind (geb. 1889), mit vollem Namen Sally Seligmann Lind, bei Jakob Strauß zu Bad Homburg den Kaufmannsberuf erlernt und anschließend mehrere Stellen in diesem Gewerbe inne. Ab 1915 leistete er seinen Kriegsdienst beim 87. Infanterieregiment in Mainz und nahm an mehreren Schlachten des Ersten Weltkriegs teil. Wegen Tapferkeit im Felde erhielt er am 18.8.1918 das Allgemeine Ehrenzeichen des Großherzogtums Hessen verliehen. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg trat er in das elterliche Geschäft mit Gastwirtschaft ein und heiratete am 19.12.1921 Giselha Adler aus Goßmannsdorf am Main im Landkreis Ochsenfurt, südlich von Würzburg gelegen. Seligmann Lind hatte zwei Kinder, Ruth (geb. 1922) und Martin (geb. 1925). Er war Mitglied in allen Bermuthshainer Vereinen, sowohl dem Kriegerverein als auch dem Männergesangverein "Eintracht", zu dessen Gründungsmitgliedern sein gefallener Bruder Benjamin gehört hatte. Ebenso war er Gründungsmitglied und von 1926 bis 1933 Schriftführer der Freiwilligen Feuerwehr Bermuthshain. Weiterhin gehörte er auch dem Vorstand der jüdischen Gemeinde Crainfeld an. 1932 übernahm Seligmann Lind offiziell Gastwirtschaft und Laden von seinem Vater.

Nach der Machtübernahme der NSDAP im Jahr darauf wurde jedoch auch in Bermuthshain der politische, wirtschaftliche und soziale Druck immer stärker. Die Familie Lind hatte zunehmend unter Anfeindungen und Übergriffen durch örtliche Nationalsozialisten und SA-Männer zu leiden, die in einem abendlichen Überfall der SA auf das "Sandersch" Haus im Frühjahr 1936 gipfelten. Bei Beginn dieses Überfalls floh die Familie aus dem Haus in den Wald außerhalb des Dorfes und wagte es erst am nächsten Morgen, wieder zurückzukehren. Am 15.5.1936 verließ Seligmann Lind mit seiner Familie den Heimatort und zog zu seinen Schwiegereltern  nach Goßmannsdorf zog, dem Viehhändler David Adler und seiner Frau Berta geb. Hahn. Das Haus "Sandersch" wurde für die sehr geringe Summe von 6.500 RM an den benachbarten Straßenwärter Heinrich Oechler IV. ("Straßewärtersch") verkauft. Alexander und Sophie Lind lebten zuletzt bei ihrer jüngsten Tochter Frieda Mayer geb. Lind in Marktsteft bei Kitzingen und starben dort 1939 bzw. 1940. Sie wurden als letzte überhaupt auf dem jüdischen Friedhof in Rödelsee begraben (wo die Bestattungen der jüdischen Gemeinde Marktsteft erfolgten).

 

Seligmann Lind mit Ehefrau und Kindern während eines Familientreffens vor dem Anwesen von David Adler in Goßmannsdorf um 1935/36, kurz vor bzw. nach dem Wegzug aus Bermuthshain.
1. Reihe: Jakob Büttner, Fanny Büttner geb. Adler, Sophie Weimersheimer geb. Adler, Jakob Weimersheimer.
2. Reihe: Berta Adler, Giselha Lind geb. Adler, Seligmann Lind.
3. Reihe: Martin Lind, Ruth Lind, David Adler.
 

Aufgrund der auch in Goßmannsdorf immer bedrohlicher werdenden Lage bemühte sich Seligmann Lind bereits seit August 1938 um eine Auswanderung in die Vereinigten Staaten. Während der reichsweiten Pogrome überfiel am 10.11.1938 ein SA-Kommando aus der benachbarten Kreisstadt Ochsenfurt die Synagoge in Goßmannsdorf und die benachbarten Wohnhäuser jüdischer Familien, darunter das der Familie Adler/Lind, und verwüstete sie. Seligmann Lind wurde verhaftet und zusammen mit anderen Juden ins Amtsgerichtsgefängnis Ochsenfurt verschleppt, wo er bis zum 23.11.1938 inhaftiert blieb. Nach seiner Rückkehr nach Goßmannsdorf standen er und die übrige Familie unter ständiger Überwachung durch Polizei und NSDAP. Wegen Denunziation bei der Polizei verließ Martin Lind, der in Marktbreit im Landkreis Kitzingen die Schule besuchte, am 18.1.1939 aus Furcht vor Verhaftung Goßmannsdorf und zog zu seiner Tante Sophie Weimersheimer nach Ichenhausen in Bayerisch-Schwaben. Dorthin zog am 1.9.1940, ein Jahr nach Kriegsbeginn, auch seine Schwester Ruth, die dort als Schneiderin arbeitete. Dem Vater Seligmann Lind war nach einer Anzeige aus Kreisen der NSDAP wegen "volksschädlichen Nichtstuns" im März 1940 auf Anweisung der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Würzburg zwangsweise eine Arbeitsstelle bei einem Landwirt in Goßmannsdorf zugewiesen worden.

Nachdem ihnen im Mai 1940 durch das US-Generalkonsulat eine Einreise in die Vereinigten Staaten in Aussicht gestellt wurde, bemühten sich die Eheleute Lind zunächst um die Auswanderung der Kinder Ruth und Martin. Die Ausreise von Martin Lind gelang dann im August 1941 über das deutsch besetzte Frankreich, Spanien und schließlich über den Atlantik mit dem Schiff "Ciudad de Sevilla", die seiner Schwester Ruth Lind am 7.8.1941 mit einer Schiffsreise ab dem 27.9.1941 nach New York. Beide gelangten zu ihrer Großmutter Berta Adler nach New York in den sicheren USA. Die Emigration erfolgte in buchstäblich letzter Minute, kurz bevor am 23.10.1941 Juden die Auswanderung aus Deutschland verboten und mit der systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung begonnen wurde. Seligmann und Giselha Lind gelang es jedoch nicht mehr, aus dem nationalsozialistisch beherrschten Deutschland zu entkommen.

Am 24.3.1942 erfolgte die Deportation aller Juden aus dem damaligen Gau Mainfranken vom Bahnhof Kitzingen aus in das Ghetto Izbica bei Lublin im deutsch besetzten Polen (Generalgouvernement). Unter den über 1.000 dorthin Verschleppten befanden sich auch die Eheleute Lind, deren Spur sich in Izbica verliert. Von Lublin aus erreichte die Kinder Ruth und Martin Anfang 1942 noch ein letztes Lebenszeichen der Eltern in Form eines Telegramms über das Schweizer Rote Kreuz. Ein Teil der nach Izbica Deportierten wurde entweder sofort oder wenig später in die Vernichtungslager Majdanek und Sobibor weitertransportiert und dort ermordet, mehrere Tausend im November 1942 in Izbica selbst durch die SS erschossen. Viele starben auch an Unterernährung und Krankheiten. Seligmann Linds Schwester Frieda Mayer geb. Lind war am 24.9.1942 mit Ehemann und Sohn von Nürnberg in das KZ Theresienstadt verschleppt worden und wurde mit ihrem Mann, der Sohn Herbert war bereits in Theresienstadt den unmenschlichen Bedingungen erlegen, am 18.5.1944 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

 

Der Autor Carsten Eigner mit Benno Levi, dem Enkel von Alexander Lind, und dessen vier Söhnen am 10.11.2005 während ihres Besuches in Bermuthshain.

 
Als einzige Familienmitglieder überlebten, neben Regina Levi geb. Lind und ihrer Familie aus Alsfeld, die Kinder Ruth und Martin den Holocaust. Martin Lind trat während des Zweiten Weltkrieges in die US Army ein und kämpfte u. a. Ende 1944 in der Schlacht von Bastogne, das während der Ardennenoffensive von deutschen Truppen eingeschlossen und von amerikanischen Einheiten erfolgreich verteidigt wurde. Anschließend war er am Vormarsch der US-Truppen in Deutschland beteiligt, von wo er fast vier Jahre zuvor geflohen war. Nach dem Krieg lebten die Familien von Ruth und Martin Lind zunächst in New York. 1978 zog Ruth mit ihrem Ehemann nach Tucson (Arizona), wo sie bis heute lebt. Im Juni 1973 besuchte Martin Lind mit einem seiner Söhne, der bei den in Deutschland stationierten US-Luftstreitkräften diente, dann noch einmal seinen Geburtsort Bermuthshain, den er 37 Jahre zuvor mit seiner Familie hatte verlassen müssen. Er ist im Jahr 1997 verstorben. Sein Cousin Benno Levi war in den Jahren 1992, 2005 und 2008 ebenfalls zu Besuch in Bermuthshain.
 

Stammbaum Lind

("Sandersch" Stamm)

zum vergrößern anklicken!

(Größe 35 KB)

 

zur Übersicht