Reservistenkameradschaft Bermuthshain

 

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war auch das Ende der Kriegerkameradschaft Bermuthshain, seit ihrer Gründung im Jahr 1900 einst der wichtigste Verein des Dorfes, besiegelt. Als dann allmählich das Vereinsleben in Bermuthshain durch den MGV "Eintracht" und die Freiwillige Feuerwehr sowie den neuen (kurzlebigen) Sportverein wiedererstand, war der alte Kriegerverein nicht "dabei". Die zeitliche Nähe zum Krieg und zum NS-Regime dürften wohl kaum dazu angeregt haben, ausgerechnet einen solchen militärisch gesinnten Verein nur wenige Jahre später wieder ins Leben zu rufen. Außerdem galt seit 1945 ein alliiertes Verbot der Kriegervereine als Gliederungen der NSDAP. So konnte auch erst 1952 der Kyffhäuserbund (früher Reichskriegerbund) wieder gegründet werden, fasste allerdings in Bermuthshain keinen Fuß mehr. Es gab jedoch unter Bürgermeister Richard Oechler Bestrebungen zur Gründung eines Schützenvereins und damit zur Wiederbelebung des in Bermuthshain vor dem Krieg sehr populär gewesenen Schießsports. Der Schießstand auf dem Rabenberg sollte dazu wieder instandgesetzt werden. Aber auch diese Idee blieb nur auf dem Papier.

Mit der Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 und der Einführung der Wehrpflicht 1956 begann die anfangs eher unpopuläre Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Auch junge Männer aus Bermuthshain absolvierten nun, ein Jahrzehnt nach dem Ende des letzten verlustreichen Krieges, wieder Dienst und Ausbildung als Soldaten in einer neuen deutschen Armee. 1960 wurde der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr gegründet, der bis heute im Auftrag des Bundestages die freiwillige Reservistenarbeit für alle Reservisten der Bundeswehr durchführt. Diese erstreckt sich auf die Aktionsfelder Sicherheitspolitische Arbeit, Förderung militärischer Fähigkeiten, Unterstützungsleistung für die Bundeswehr und Öffentlichkeitsarbeit. Mit dem alten traditionsreichen Kyffhäuserbund steht er in keiner direkten Verbindung, wenngleich sich schon die früheren Kriegervereine als Reservistenvereinigungen verstanden hatten. Basisorganisationen des Reservistenverbandes sind die örtlichen und heute bundesweit rund 2.600 Reservistenkameradschaften.

Ende 1972 machte der Bermuthshainer Hermann Götz ("Scheffersch vorne") den Vorschlag, im Ort doch eine Reservistenkameradschaft zu gründen. Die beiden Reservisten Alfred Walter und Friedhelm Damer nahmen daraufhin Kontakt zu dem Hauptmann d. R. Alfred Voss in Lauterbach auf, welcher damals der Kreisvorsitzende des Reservistenverbandes war. Für den Neujahrstag, den 1.1.1973, wurde ein Treffen im Gasthaus "Zum Deutschen Haus" ("Götzjes") vereinbart, wo schließlich die Reservistenkameradschaft Bermuthshain aus der Taufe gehoben wurde. Die acht Gründungsmitglieder waren Alfred Walter, Friedhelm Damer, Manfred Deuchert, Lothar Steitz, Erhard Groh, Wilhelm Oechler, Hermann Götz und Heinrich Jöckel. Zum Vorsitzenden wurde Friedhelm Damer ("Sills") gewählt, dessen Großvater Heinrich Sill übrigens der letzte Vorsitzende des alten Kriegervereins war. Er sollte dieses Amt mehr als drei Jahrzehnte innehaben. Von Anfang an war die Mitgliedschaft in der RK Bermuthshain keineswegs auf den namensgebenden Ort beschränkt, sondern erstreckte sich auf das gesamte Gebiet der Großgemeinden Grebenhain und Freiensteinau sowie angrenzender Orte.

Schon Ende Januar 1973 konnte die noch junge RK Bermuthshain mit vier Kameraden an einer Winterkampfausbildung in Groß-Felda teilnehmen. Es wurden als vereinsinterne Veranstaltungen ein Frühjahrsball und ein Herbstball organisiert. Diese im "Deutschen Haus" stattfindenden Bälle wurden bis in die 1980er Jahre hinein veranstaltet. Am 30.4.1973 organisierte die RK Bermuthshain erstmals eine Walpurgisnachtfeier mit Entzündung eines Feuers auf dem Höllerich. Diese ist bis heute als alljährliche Tradition fester Bestandteil des Bermuthshainer Vereinslebens geblieben. Nachdem im Verlauf des Jahres 1973 im oberhessischen Raum immer weitere Reservistenkameradschaften gegründet worden waren, erfolgte im November des Jahres die Bildung der Reservisten-Kreisgruppe Mittelhessen. Sie heißt seit 1976 Kreisgruppe Oberhessen und umfasst nach mehreren Umgliederungen gegenwärtig die Kreise Gießen, Vogelsbergkreis, Wetteraukreis und Hochtaunuskreis mit insgesamt 2.480 Mitgliedern in 34 Reservistenkameradschaften, wozu die RK Bermuthshain gehört. Zum Jahresende 1973 hatte sie bereits 30 Mitglieder. Durch weitere Werbeaktionen und Veranstaltungen stieg die Mitgliederzahl der RK Bermuthshain bis Ende 1974 auf 40 Reservisten an.

Im Januar 1975 veranstaltete die Kreisgruppe Mittelhessen ihre Winterkampfausbildung mit 100 Kameraden in Bermuthshain. Am Ende dieses Jahres betrug der Mitgliederstand 45 Mann. Am 23.6.1976 fand satzungsgemäß im Drei-Jahres-Rythmus die erste Jahreshauptversammlung seid der Gründung statt. Friedhelm Damer und Klaus Fischer aus Sichenhausen wurden als 1. bzw. 2. Vorsitzender sowie Manfred Deuchert als Rechner in ihren Ämtern bestätigt. Als Schriftführer wurde Rudolf Kaltenschnee aus Herchenhain gewählt. Für das Jahr 1976 hatte man ein Konzert des Heeresmusikkorps in Bermuthshain geplant, jedoch konnte dieses nach kurzfristiger Absage nicht stattfinden. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 65jährigen Bestehen des MGV "Eintracht" Bermuthshain vom 10. bis 12. Juni 1976 beteiligte sich die Reservistenkameradschaft mit einem 6km-Geländemarsch mit Gepäck und einer großen Geräte- und Waffenschau. Bestaunt werden konnten ein Bergepanzer, der Schützenpanzer Marder, die Panzerhaubitze M109 und der Kampfpanzer Leopard I. Ausklingen ließ die mittlerweile auf 52 Kameraden angewachsene RK das Jahr 1976 mit einem 10km-Orientierungsmarsch und anschließender Jahresabschlussfeier, was auch in den Folgejahren beibehalten wurde.

Am 22./23.7.1978 beging die Reservistenkameradschaft Bermuthshain ihr fünfjähriges Bestehen feierlich. Zunächst veranstaltete man am ersten Tag eine Militärpatrouille unter Beteiligung benachbarter Reservistenkameradschaften. Am zweiten Tag sollte als besondere Attraktion eine Fallschirmspringervorführung der Fernspäherkompanie 300 aus Herborn stattfinden, doch musste dieser Programmpunkt abgesagt werden, nachdem kurzfristig keine Genehmigung zur Außenlandung eines Helikopters erhalten werden konnte. Dies gelang dann im folgenden Jahr, doch obwohl sich am 25.8.1979 bereits mehrere hundert Schaulustige an der Kreisstraße nach Ober-Moos versammelt hatten, vereitelte dieses Mal schlechtes Wetter den Fallschirmabsprung. Dafür konnte eine Infanteriewaffenausstellung im örtlichen Dorfgemeinschaftshaus regen Besuch verzeichnen. Die Mitgliederzahl erreichte im Jubiläumsjahr einen Höchststand von 57 Reservisten, darunter 11 Förder- und 2 Ehrenmitglieder.

Im Jahr 1980 musste die traditionelle Walpurgisfeier erstmals, aber nicht zum letzten Mal, wegen schweren Regenfällen ausfallen und verlegt werden. Ab 1982 verzichtete man wegen nachlassender Beteiligung auf den jährlichen Herbstball. Vom 25. bis 26.6.1983 feierte die Reservistenkameradschaft Bermuthshain ihr zehnjähriges Jubiläum mit Festzelt auf der Wiese am Ortsrand in Richtung Schneidmühle. Wieder einmal war eine Ausstellung von Panzerfahrzeugen, Waffen und Ausrüstung Bestandteil der Feier. Gestellt wurden diese durch die Panzerbrigade 14 aus Neustadt (Hessen) und die 1. Batterie/Flugabwehrraketenbataillon 23 aus Lich. Weiterhin veranstaltete die RK Bermuthshain auf dem Festgelände eine Militärpatrouille mit verschiedenen Übungen. Den Abend des ersten Festtages beschloss ein "Manöverball".

Vom 30.6. bis 2.8.1984 hielt das Panzergrenadierbataillon aus Neustadt im Raum Bermuthshain eine Übung ab und wurde dabei durch die RK Bermuthshain unterstützt. Während des Kalten Krieges gehörte der Anblick von Soldaten und Militärfahrzeugen im Vogelsberg, nur wenige dutzend Kilometer entfernt vom "Eisernen Vorhang", regelrecht zum Alltag. Einheiten der Bundeswehr und der US Army waren überall im östlichen Hessen stationiert, wo man im Ernstfall die Invasion der Truppen des Warschauer Pakts durch das sogenannte "Fulda Gap" erwartete. So war es kein Zufall, dass die RK Bermuthshain damals immer wieder Waffenausstellungen und ähnliche Veranstaltungen organisieren konnte. Fast im wöchentlichen Rhythmus fanden in den 1970er und 1980er Jahren größere und kleinere Manöver, Gefechtsübungen und Tiefflüge der Bundeswehr und anderer NATO-Armeen statt. Zu hitzigen Kontroversen mit der lokalen Friedensbewegung führte das zwischen 1978 und 1982 erbaute Versorgungsdepot ("NATO-Lager") im Oberwald. Die RK Bermuthshain nahm in jenen Jahren regelmäßig an Ausbildungsveranstaltungen, Märschen, Militärpatrouillen und Reservistentagen der Kreisgruppe Oberhessen teil. Weiterhin gab es Kameradschafts- und Filmabende.

Im Jahr 1986 wurde innerhalb der RK Bermuthshain eine Schützenabteilung gegründet und damit erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder der einst so traditionsreiche Schießsport durch einen Bermuthshainer Verein ausgeübt. Geschossen wurde (und wird) mit Kleinkalibergewehren auf dem Schießstand des Schützenvereins Salz. Das erste KK-Schießen der neuen Abteilung fand dort am 14.9.1986 statt. Dieses wurde fortan monatlich veranstaltet. Am 31.5.1987 absolvierte die RK Bermuthshain in Salz außerdem ein Vergleichsschießen mit der befreundeten RK Neustadt (Hessen). Unterdessen wurde 1986 der fast schon traditionelle Jahresabschlussmarsch nicht mehr als dienstliche Veranstaltung durchgeführt. Die RK Bermuthshain hatte zu diesem Zeitpunkt 52 Mitglieder.

Vom 3. bis 5.6.1988 wurde das 15jährige Bestehen der Reservistenkameradschaft Bermuthshain auf dem Festplatz und im Dorfgemeinschaftshaus gefeiert. Wie schon seit 1971 hielt die RK Neustadt ihr Biwak in Bermuthshain, diesmal zeitgleich mit der Jubiläumsfeier, ab. Gemeinsam veranstalteten die Reservistenkameradschaften von Bermuthshain, Neustadt und Schotten einen Orientierungsmarsch, welchen die Schottener gewannen. Für die fast schon obligatorische Waffen- und Geräteschau konnte diesmal die Panzerpionierkompanie 140 aus Stadtallendorf gewonnen werden, welche mit einem Aufklärungspanzer Fuchs ein Stelldichein gab.

Seit 1989 richtet die RK Bermuthshain alljährlich im November ein Pokalschießen aller Bermuthshainer Vereine und Vereinigungen um den Wanderpokal der RK aus. Das glücklicherweise friedliche Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung Deutschlands 1989/90 ging natürlich nicht spurlos an den Bermuthshainer Reservisten vorbei. Die regelmäßigen NATO-Manöver gehörten wie das NATO-Lager im Oberwald rasch der Vergangenheit an. Infolge der Umstrukturierung von Bundeswehr und NATO wurden nach und nach fast alle bundesdeutschen und amerikanischen Militäreinheiten im osthessischen Raum aufgelöst oder abgezogen. Einheiten, zu denen die RK Bermuthshain freundschaftliche Kontakte aufgebaut hatte, hörten auf zu bestehen. Die Mitgliederzahlen und Aktivitäten der Reservistenkameradschaften gingen teilweise zurück. Nichtsdestotrotz hielt und hält die Reservistenkameradschaft Bermuthshain ihr Vereinsleben bis heute aufrecht.

Seit 1991 wird alljährlich im Spätsommer ein dreitägiges Biwak am Schießstand in Salz unternommen, wozu eine Handwaffenausbildung gehört. Während der Kreisvorstandssitzung des Reservistenverbandes Ende Januar 1994 wurde Friedhelm Damer als am längsten amtierender RK-Vorsitzender im Bundesland Hessen mit der Goldenen Ehrennadel der Landesgruppe Hessen ausgezeichnet. Dies sollte aber noch längst nicht das Ende der Amtszeit des seit der Gründung 1973 amtierenden Vorsitzenden bedeuten. Rechtzeitig vor der Walpurgisnacht 1994 wurde durch die Mitglieder der RK auch das Dach der Grillhütte auf dem Höllerich aus den 1970er Jahren erneuert. Zum Jahresende 1994 zählte die RK Bermuthshain 47 Mitglieder.

Ein origineller Höhepunkt der jüngeren Vereinsgeschichte war die gemeinsame 25-Jahr-Feier der Reservistenkameradschaft Bermuthshain und des Brieftaubenvereins "Sturmvogel Oberland" im Juni 1998. Beide Vereine waren 1973 ins Leben gerufen worden. Feier und Festkommers fanden im Festzelt auf dem Festplatz am Sportlerheim statt. Während der Brieftaubenverein ein Auflassen von 120 Brieftauben demonstrierte, hatten die Reservisten eine Ausstellung historischer Waffen und Fahrzeuge organisiert. Darunter waren ein britischer Spähpanzer und eine amerikanische Feldhaubitze. Eigentümer war das damals noch in Friedberg und seit 2000 in Wippenbach ansässige deutsch-amerikanische "Military Vehicle Museum". Am 31.12.1999, dem letzten Tag des Jahres und Jahrhunderts, gehörten 52 Reservisten dem Verein an.

Das traditionelle Biwak am Schießstand in Salz wurde im September 2001 durch einen Morgenappell unterbrochen, während der man gemeinsam der Toten der islamistischen Terroranschläge in den USA wenige Tage zuvor gedachte. Die Reservistenkameradschaften Grebenau und Lauterbach sowie Hauptfeldwebel Habicht vom damaligen Verteidigungsbezirkskommando 47 Gießen und zwei amerikanische Offiziere nahmen ebenfalls an dem Biwak teil. Im Jahr 2002 wurde dann wieder einmal die Grillhütte am Höllerich instand gesetzt. Außerdem stellte man gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr die Ehrenwache am Bermuthshainer Gefallenendenkmal während des Volkstrauertages.

Nach 31 Jahren kam es auf der Jahreshauptversammlung vom 28.5.2004 zum Generationswechsel an der Spitze der Reservistenkameradschaft Bermuthshain. Friedhelm Damer, der die RK seit ihrer Gründung drei Jahrzehnte zuvor geleitet hatte, verzichtete auf eine Wiederwahl. Als Nachfolger stellten sich Klaus Minnert (Bermuthshain) und Ottmar Jöckel (Hartmannshain) in geheimer Abstimmung den Mitgliedern zur Wahl. Mit der Mehrheit der Stimmen wurde schließlich Ottmar Jöckel zum neuen Vorsitzenden der RK Bermuthshain gewählt. Anschließend wurde Klaus Minnert ebenso mehrheitlich zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Ebenso wurden die Ämter des zweiten Stellvertreters und des Schriftführers mit Gerhard Dillemuth (Bermuthshain) und Norbert Zimmermann (Lauterbach) neu besetzt. Als Kassenwart wurde Manfred Deuchert (Bermuthshain) wiedergewählt. Friedhelm Dahmer wurde einvernehmlich zum Ehrenvorsitzenden der RK Bermuthshain ernannt. Der Mitgliederstand betrug 47.

Nach 1980 und 1991 musste das traditionelle Walpurgisfeuer am 30.4.2007 zum dritten Mal ausfallen, dieses Mal jedoch nicht wegen zuviel Regens, sondern wegen der Trockenheit in den Wochen und Monaten zuvor. Wegen der Waldbrandgefahr musste man sich dieses Mal damit begnügen, den bereits aufgebauten Holzstoß mit einer Lichterkette zu illuminieren. Die Wiederholung des Feuers am 23.6.2007 wurde dann jedoch umso mehr von heftigen Regengüssen überschattet.

 

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