|
Die Bermuthshainer Schule |
||
|
|
||
|
Der obere Schulsaal in der heutigen "alten Schule" mit den Schülern des 5. bis 8. Schuljahres im Jahr 1937. Das Bild besteht eigentlich aus zwei Einzelaufnahmen, die der damalige Lehrer Heinrich Bauer anfertigte. |
||
|
Entstehung und Geschichte der Schule Die Entstehung der Bermuthshainer Schule wie des gesamten Schulwesens in der historischen Landgrafschaft Hessen war ein Erbe der Reformation. Im Mittelalter gab es Lateinschulen zumeist im Umfeld der Klöster, in denen der Nachwuchs für die Geistlichkeit ausgebildet wurde. Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, zumal auf dem Land, gab es keinerlei Schulbildung, die allerdings auch kaum vonnöten war. Martin Luther drängte auf eine gute Lese- und Schreibfähigkeit aller Stände, um so ein allumfassendes protestantisch-religiöses Verständnis der heiligen Schrift zu erwirken. Seine ins Deutsche übersetzte Bibel und der Katechismus sollten in jedem evangelischen Haus gelesen werden können. Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen wurde 1521 Anhänger Luthers und führte in den folgenden Jahren in seinem Land die Reformation durch, darunter 1527 auch im Kirchspiel Crainfeld. 1526 beschloss die Landessynode in Homberg (Efze) mit der Kirchenordnung auch eine Schulordnung zu. Es dauerte allerdings viele Jahrzehnte, bis in allen Kirchspielen der Landgrafschaft Schulen eingerichtet worden waren. 1619 führte Landgraf Ludwig V. die Schulpflicht in Hessen ein. Im Kirchspiel Crainfeld wurde die erste Schule aller Wahrscheinlichkeit nach in den 1580er Jahren eingerichtet. Sie befand sich im Mutterort Crainfeld und musste nicht nur von den Crainfelder Kindern, sondern auch denen aus den damaligen Filialdörfern Bermuthshain, Grebenhain und Ilbeshausen besucht werden. Dies erwies sich aber, wohl schon wegen der Entfernung der Filaldörfer von der Schule und der Vielzahl der Schulkinder aus vier Dörfern, die von nur einem "Schulmeister" unterrichtet werden mussten, nur als vorübergehender Zustand, der allerdings Jahrzehnte anhielt. Als erstes wurde bereits im Jahr 1606 in dem am weitesten entlegenen Filialort Ilbeshausen eine eigene Schule ins Leben gerufen. Die letzte eigenständige Filialschule wurde 1679 in Grebenhain gegründet. Die Bermuthshainer Schule wurde nach der 1628 stattgefundenen Generalkirchenvisitation auf Betreiben des damaligen Crainfelder Pfarrers Johann Philipp Dippel um 1630 errichtet. Als erster Schulmeister kam in Bermuthshain ein Nikolaus Höfer zur Anstellung, dessen Witwe nach Angabe des Herchenhainer Kirchenbuches am 29. September 1636 mit Andreas Komp, Schulmeister zu Herchenhain in eine zweite Ehe trat. Die um das Jahr 1630 errichtete Schule ging im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges wieder ein. Der Zeitpunkt ihrer Wiedererrichtung ist nicht bekannt. Wahrscheinlich bestand schon im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts eine Winterschule, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in eine ständige Schule umgewandelt wurde. Von der Errichtung der Schule an waren die Bermuthshainer Lehrer verpflichtet, den Glöcknerdienst zu versehen sowie bei den Gottesdiensten und den gottesdienstlichen Handlungen als Vorsinger oder Kantoren das herkömmliche Gesänge zu führen. Außerdem war mit der Schulstelle zu Bermuthshain war schon im 18. Jahrhundert Lektorendienst verbunden. Über den Umfang dieses kirchlichen Dienstes wird in einer Verfügung des Oberschulrates vom 6. November 1844 bemerkt, dass der Schullehrer zu Bermuthshain verpflichtet ist, von Herbst bis Pfingsten jeden Samstag nachmittag Gottesdienst zu halten. Erst 1875 wurde die geistliche Oberaufsicht über die Schule abgeschafft. Das soziale Ansehen des Schulmeisters war äußerst gering und die Besoldung selbst für die damaligen Verhältnisse unzureichend. Er war sprichwörtlich "das arme Dorfschulmeisterlein". Die ohnehin kärgliche Entlohnung des Schulmeisters erfolgte nur teilweise in Geld, sondern auch in Form von Naturalien. Ihm war das Schulgut zugewiesen, das er wie ein gewöhnlicher Bauer zur eigenen Ernährung bewirtschaften musste. Außerdem musste von den Eltern für jedes Kind ein Schulgeld bezahlt werden. Schon von daher war ein Schulmeister daran interessiert, eine möglichst große Klasse zu haben. In einer Dorfschule musste er ohnehin oft bis 90 Kinder aller Altersjahrgänge gemeinsam unterrichten. Die kümmerliche Entlohnung, die ständige Inanspruchnahme durch die Kirche und die nicht vorhandene Ausbildung des Schulmeisters führten dazu, dass der Schulunterricht in Bermuthshain wie in anderen Orten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf niedrigstem Niveau verharrte. Üblicherweise bediente der Schulmeister sich der Rute, um die große Kinderschar zu "züchtigen". Die überwiegend bäuerliche Bevölkerung empfand den Schulbesuch ihrer Kinder eher als vom Staat auferlegten Zwang. Ihrer Meinung nach hielt der völlig "unnütze" Schulunterricht im Lesen und Schreiben die Kinder nur von der Mithilfe in der Landwirtschaft bzw. im Handwerk ab. Bis 1844 waren alle Bermuthshainer Schullehrer Autodidakten, d. h. nicht ausgebildet. Nicht selten arbeitete der Vater seinen Sohn als Schulgehilfen in den "vererbten" Schulmeisterberuf ein. Erst 1817 wurde in Hessen ein Lehrerseminar für Volksschullehrer in Friedberg gegründet und 1827 das Schulwesen unter staatliche Aufsicht gestellt, die seit 1832 die jeweilige Kreisschulkommission durch regelmäßige Visitationen wahrnahm. Die Schulferien wurden zumeist in der Erntezeit vom örtlichen Schulvorstand festgelegt. 1822 wurde übrigens den Lehrern verboten, die Kinder "blau und blutig" zu schlagen und sie angewiesen, "die von Gott befohlene Rute nur in vernünftiger Mäßigung zu gebrauchen". Dennoch gehörte die körperliche "Züchtigung" durch den Lehrer bis in die 1960er Jahre hinein zum normalen Schüleralltag auch in Bermuthshain. Die Unterhaltung der Schule und insbesondere auch die Besoldung des Lehrers wurde den einzelnen Gemeinden aufgebürdet und erst 1922 vom hessischen Staat übernommen. Erst seit 1870 stand den Lehrern nach Beendigung ihres Schuldienstes eine Pension zu. Im übrigen war die Stelle eines Dorfschullehrers aufgrund der geringeren Bezahlung bei den Lehrern weniger beliebt, so dass die Lehrer häufig wechselten. Andererseits ist gerade bei dörflichen Schulen immer wieder vorgekommen, dass ein Lehrer viele Jahrzehnte auf seiner Stelle blieb und mit der dörflichen Gemeinschaft verwuchs. Ein Beispiel hierfür ist der 1884 im Alter von 26 Jahren nach Bermuthshain gekommene Jakob Reuter, der dort bis zu seiner Pensionierung 1924 wirkte und ganze Schülergenerationen unterrichtete. Er wurde 1933 zum Ehrenbürger von Bermuthshain ernannt. Wegen "Ueberfüllung der Schule" wurde 1895 eine zweite Lehrerstelle in Bermuthshain errichtet. Zwischen 1906 und 1912 sowie zwischen 1938 und 1949 war die Schule dann nochmals einklassig. Jedes Kind hatte vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr die Volksschule zu besuchen. Für die Einrichtung einer Volksschule mussten in einer Gemeinde mindestens 30 schulpflichtige Kinder vorhanden sein. Die Eltern hatten bis 1922 für jedes Kind ein Schulgeld zu entrichten. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 gab es im gesamten Kreis Lauterbach 64 Volksschulen mit 109 Lehrern, 1 Lehrerin und 5.238 Schülern sowie angeschlossen noch 63 Fortbildungsschulen mit 876 Schülern. Die Einrichtung der Fortbildungsschule wurde 1874 durch Gesetz verfügt und sollte allgemein bildende und berufliche Kenntnisse vermitteln. Sämtliche Volksschüler, welche die Schule verließen, waren drei Jahre zu ihrem Besuch verpflichtet. Den Unterricht, der bis 1922 nur im Winter stattfand, übernahm der örtliche Volksschullehrer. Nach Ansicht vieler Bauern und Handwerker war die Fortbildungsschule eine völlig unsinnige und zwecklose Einrichtung, welche ihre bereits schulentlassenen Kinder nur von der Arbeit fernhielt. Aufgrund sinkender Schülerzahlen sollten in den 1920er Jahren die Fortbildungsschulen in Grebenhain und Bermuthshain geschlossen und ihre Schüler der Fortbildungsschule Crainfeld zugewiesen werden, was in den betroffenen Gemeinden aber auf scharfen Widerstand stieß. In Bermuthshain beschlossen Gemeinderat und Schulvorstand 1926, dass die dortigen Fortbildungsschüler nicht am Unterricht in Crainfeld teilnahmen. Die Fortbildungsschule Bermuthshain bestand dann noch bis Jahresende 1937. Danach mussten die verbliebenen Schüler die Fortbildungsschule in Crainfeld besuchen. Nach 1945 ersetzten die beruflichen Fachschulen die Fortbildungsschule. Von 1921 bis 1928 bestand in Crainfeld auch eine auf Betreiben des Nieder-Mooser Pfarrers Naumann und des Vaitshainer Landwirts Fölsing errichtete private Realschule, die wegen der geringen Schülerzahlen, u. a. eine Folge des hohen Schulgeldes von 1.500 RM monatlich, wieder geschlossen wurde. Schulpflichtig waren wie heute alle Kinder ab dem sechsten Lebensjahr. Einschulung und Beginn des Schuljahres erfolgten traditionell an Ostern, also im Frühjahr (März/April). Die Schulentlassung erfolgte nach acht Schuljahren im Lebensalter von 14 Jahren wiederum an Ostern etwa zeitgleich mit der Konfirmation. Charakteristisch für eine ländlichen Volksschule wie in Bermuthshain war der gemeinsame jahrgangsübergreifende Unterricht von Schülern aus jeweils vier, in Zeiten der Einklassigkeit auch allen acht Altersstufen. Schon aufgrund der im Verhältnis hierzu zu geringen Schülerzahlen konnte ein jahrgangsweiser Unterricht in Schulklassen in einer ländlichen Volksschule nicht erfolgen. Obwohl in der ländlichen Volksschule die Jahrgänge nicht so sehr in Erscheinung traten, herrschte ein sehr starkes Zusammengehörigkeitsgefühl der Jungen und Mädchen eines Jahrgangs, der "Schulkameraden", das über die Schulentlassung hinaus bis ins hohe Alter anhielt. Dieses Phänomen bezeichnete man als die so genannte "Alterskameradschaft". Nicht alle Bermuthshainer Schulkinder waren "Eingeborene". Einen merklichen Anteil in den Klassen stellten seit dem Ersten Weltkrieg Pflegekinder, die aus den Industriestädten wie Offenbach, aus dem Ruhrgebiet, aus Rheinhessen und nach 1945 auch dem damaligen West-Berlin stammten und als "Hütekinder" in Bermuthshainer Bauernfamilien lebten. Im folgenden eine Liste der in Bermuthshainer Schullehrer, die für die Zeit nach 1945 jedoch z. Z. noch mit einigen leichten Unsicherheiten behaftet ist und in Zukunft ergänzt bzw. berichtigt werden wird. |
||
|
Bermuthshainer Schullehrer von 1630 bis 1969 |
||
| Nikolaus Höfer | um 1630 | |
| Johann Heinrich Schmidt | um 1721 - 1741 | |
| Johann Balthasar Hornung | 1741 - 1794 | |
| Johann Heinrich Hornung | 1794 - 1823 | |
| Johann Heinrich Hornung | 1823 - 1844 | |
| Georg Leonhard Maurer | 1845 - 1873 | |
| Heinrich Ludwig Nikolaus | 1873 - 1878 | |
| Emil Kayser | 1879 - 1881 | |
| Heinrich Zimmer | 1881 - 1884 | |
| Jakob Reuter | 1884 - 1924 | |
| Adam Heldmann | 1899 - 1901 | |
| Gustav Kröll | 1901 - 1902 | |
| Heinrich Ohly | 1902 - 1906 | |
| Georg Mattäus | 1906 | |
| Heinrich Weber | 1912 - 1913 | |
| Hermann Schmidt | 1913 - 1918 | |
| Heinrich Fuchs | 1918 | |
| Friedrich Seibert | 1918 - 1919 | |
| Hans Mangold | 1919 - 1924 | |
| Friedrich Häuser | 1924 - 1928 | |
| Karl Winter | 1924 - 1934 | |
| Eckhard Eisenhauer | 1928 | |
| Wilhelm Vogel | 1928 - 1930 | |
| Reinhard Diemer | 1930 | |
| Elisabeth Lauter | 1930 - 1932 | |
| Adam Seliger | 1932 - 1934 | |
| Heinrich Bauer | 1934 - 1938 | |
| Heinrich Hoffmann | 1934 - 1936 | |
| Ludwig Diehl | 1936 | |
| Erwin Crößmann | 1937 - 1938 | |
| Wilhelm Bitsch | 1938 - 1939 | |
| Erna Dries | 1939 - 1949 | |
| Ernst Magsaam | 1940 - 1941 | |
| Annemarie Quirin | 1942 - 1943 | |
| Erich Schindler | 1948 - 1954 | |
| Alfons Schiller | 1949 - 1957 | |
| Hans Viertel | 1954 - 1961 | |
| Liesel Heinze | 1957 - 1966 | |
| Wolfgang Wölbing | 1961 - 1965 | |
| Ursula Wölbing | 1961 - 1965 | |
| Wolfram Heydecker | 1965 - 1969 | |
| Ingrid Heydecker | 1965 - 1968 | |
| Brigitte Israel | 1966 - 1967 | |
|
Die Schulgebäude Bis 1830 verfügte Bermuthshain über kein eigens als solches errichtetes Schulgebäude. Der Unterricht wurde stattdessen im privaten Wohnhaus des Schullehrers in dessen Wohnstube abgehalten. Von 1741 bis 1844 wurde das Amt des "Schulmeisters" bzw. Schullehrers über drei Generationen innerhalb der Familie Hornung vererbt. Es ist anzunehmen, dass sich über diese lange Zeit hinweg das Wohnhaus der Familie allmählich zum faktischen Bermuthshainer Schulhaus entwickelte. Im Verzeichnis der Hofreiten zu Bermuthshain aus dem Jahr 1820 ist der Grundriss dieses Hauses überliefert, das zu diesem Zeitpunkt dem Schullehrer Johann Heinrich Hornung gehörte. Es handelte sich um ein gewöhnliches zweistöckiges Vogelsberger Einhaus, bestehend aus Wohnhaus, Scheune und Stall mit einem angebauten Schweinestall. Der Standort dieses Schulhauses war am Lindenweg oberhalb der Hofreite "Brennerjes". Er ist heute wieder von einem modernen Wohnhaus (Fam. Sigrid Dillemuth) überbaut. Etwa um 1829 erwarb die Gemeinde Bermuthshain das Haus, um es durch einen Anbau zu einem regulären Schulhaus zu erweitern. Diese Absichten wurden jedoch rasch zugunsten eines vollständigen Neubaus eines Schul- und Gemeindehauses, der heutigen alten Schule, wieder fallengelassen. Noch um 1830 erwarb der Bürgermeister Andreas Eschenröder das Anwesen und nutzte es als Wohnhaus, bis es um 1854 abgebrochen wurde. |
||
|
|
||
|
Das um 1854 abgebrochene Haus des Schullehrers Hornung. Grundriss von 1820. |
||
| Die "alte Schule", wie sie seit 1952
genannt wird, wurde von 1829 bis 1830 als zweigeschossiger,
schindelverkleideter Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach und schiefergedecktem
Glockenturm in zentraler Lage an der Stelle eines einstöckigen kleinen
Hirtenhauses mit Dachreiter für die Dorfglocke erbaut. Entworfen wurde das
Gebäude von dem Schottener Landrat Goldmann, während die eigentlichen
Bauarbeiten von Bermuthshainer Handwerkern ausgeführt werden konnten. Die
Kosten für den Neubau waren auf 10.843 Gulden veranschlagt. Das Gebäude war
anfangs nicht allein als Schule geplant und gebaut worden. Einem noch
erhaltenen Schreiben vom 7.4.1829 zufolge sollte das neue "Schul- und
Gemeindehaus" im unteren Stock eine Gemeindestube, eine Stube für den
Bürgermeister, je eine Stube für Knechte und Mägde und eine weitere Kammer
enthalten. Im oberen Stock sollten sich die Schulstube (Schulsaal) und die
Lehrerwohnung mit Wohnstube, Kammer und Küche befinden. Die Doppelfunktion
als Schul- und Gemeindehaus dürfte wohl schon 1846 mit dem Kauf des
Armenhauses (später "Ortstadts") beim "alten Weg" entfallen sein.
Unterschiede zwischen Plan und Bauausführung ergeben sich auch beim
Glockenturm, der im ursprünglichen Bauplan nur als einfacher Dachreiter
eingezeichnet ist. Das Schulgebäude selbst enthielt keine Scheune oder Stallungen, obwohl der Lehrer noch bis weit ins 19. Jahrhundert einen Teil seines Lohnes aus dem Schulgut selbst erwirtschaften musste. Die vorhandenen Wirtschaftsgebäude waren ungenügend. Erst 1852 bis 1853 wurde die sogenannte "Schulscheuer" mit Scheune, Viehstall und Holzstall an die Rückseite des Schulhauses angebaut und dafür ein Teil der Fenster zugemauert. Nachdem das ursprüngliche Schul- und Gemeindehaus bald nur noch als Schulhaus diente, verfügte es über je einen Schulsaal im Ober- und Erdgeschoss. Es gab jedoch stets nur eine einzige Lehrerwohnung, da die Bermuthshainer Volksschule ursprünglich und bis 1895 nur einklassig war. Diese Lehrerwohnung war dann dem jeweiligen verheirateten Lehrer und seiner Familie vorbehalten. Der zweite, unverheiratete, Lehrer musste immer privat im Ort untergebracht werden, was zeitweise Schwierigkeiten bereitete. Nach dem Ersten Weltkrieg wohnte er üblicherweise im Haus "Ahlewirts" an der Hauptstraße zur Miete. Doch führte das Fehlen einer zweiten Lehrerwohnung schon vorher von Amts wegen zu immer stärkerer Kritik an den bisherigen Schulverhältnissen in Bermuthshain und letzten Endes zur Forderung nach einem Schulhausneubau. |
||
|
|
||
| Entwurf für das neue Schul- und Gemeindehaus zu Bermuthshain von 1829 (Ausschnitt). Wie ein Vergleich mit der "echten" alten Schule leicht erkennen lässt, wurde der Plan letztlich in veränderter Form in die Tat umgesetzt. | ||
| Mit Krüppelwalmdach, Zwiebelturm und
Segmentbogenfenstern ist die alte Schule von Bermuthshain ein durchaus
bemerkenswertes ländliches Schulhaus des frühen 19. Jahrhunderts im Stil des
Klassizismus. Durchaus ähnliche, wenngleich schlichtere Gebäude aus der
Zeit um 1800 haben sich aber auch andernorts im Vogelsberg erhalten. Auf dem
Gebiet der heutigen Großgemeinde Grebenhain findet man in Bannerod
(Glockenturm entfernt) und Zahmen ebenfalls alte Fachwerk-Schulhäuser mit
Krüppelwalmdach und Glockenturm. Der Typus wurde nach 1900 durch die
Heimatschutzbewegung als Alternative zu den seinerzeitigen Einheitsbauten
aus Ziegelsteinen wieder aufgegriffen. Beispiele dazu sind die Schulhäuser
von Metzlos-Gehaag und Nösberts. Über viele Generationen gingen die Bermuthshainer Kinder in das 1829/30 gebaute Schulhaus zum Unterricht, bis zum Bau der neuen Schule 1952. Daneben diente (und dient) die alte Schule auch als "Kirche" von Bermuthshain, das im Unterschied zum Kirchspielsitz Crainfeld oder auch Grebenhain, trotz seiner Größe, bis dahin nie ein eigenes Gotteshaus besessen hatte. Die Gottesdienste wurden zunächst im oberen Schulsaal abgehalten, ehe 1957 der untere Schulsaal zum Betsaal umfunktioniert wurde. Schon lange vor 1900 war die alte Schule das Wahrzeichen Bermuthshains, das natürlich auf keiner der frühen Fotopostkarten fehlen durfte. Sie war auch das erste Gebäude von Bermuthshain überhaupt, das fotografisch festgehalten wurde. 1899 wurde das Dach der alten Schule neu eingedeckt und anstelle der Biberschwänze (auf dem ältesten Bild noch zu sehen) Hohlfalzziegel verwendet. Außerdem erhielt das Gebäude noch einen neuen Anstrich und Aborte. Genau hundert Jahre nach seiner Erbauung fand dann 1929 der (bis 2008) größte Umbau des Schulgebäudes statt. Dabei wurden die beiden Schulsäle renoviert und im Erdgeschoss die Fachwerkwand des Schulsaales wegen statischer Probleme durch eine Massivwand mit drei großen Fenstern ersetzt. Neue Aborte wurden an die Schulscheune angebaut. Während der Umbauarbeiten wurde der Schulunterricht in den Saal der nahen Gastwirtschaft "Zur Krone" verlegt. Schulsport bzw. Turnunterricht wurde ebenfalls schon im 19. Jahrhundert in Bermuthshain betrieben, und zwar unter freiem Himmel. Hierfür war auf dem sogenannten "Turnplatz" oberhalb der Hofreite "Dammbauersch", etwa an der Stelle des heutigen Feuerlöschteiches, ein Turngerüst aufgestellt worden. In den 1930er Jahren galt der Turnplatz bereits als völlig ungenügend, da er viel zu klein und bei schlechtem Wetter unbenutzbar war. So entschloss sich die Gemeinde Bermuthshain im April 1935 zum Bau einer Turnhalle mit anschließendem Schulsportplatz. Sogar eine Skizze der für heutige Verhältnisse niedrigen, länglichen Turnhalle wurde angefertigt. Doch das durchaus ambitionierte Projekt wurde schon im gleichen Jahr zugunsten eines Neubaus der Schule selbst zurückgestellt und geriet durch den Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit. Nach dem Ende der Nutzung als Schulhaus 1952 wurde der Schulsaal im Erdgeschoss, unter Einbeziehung der nicht mehr benutzten Schulscheune, zu einem Betsaal für evangelische Gottesdienste umgebaut und an Pfingsten 1957 geweiht. Im übrigen Gebäude waren Sozialwohnungen untergebracht. 1957 erhielt die am Gebäude vorbeiführende Ortsstraße den amtlichen Namen "An der alten Schule". Der Ehrung durch einen Straßennamen entsprach jedoch in der Folgezeit keineswegs die Unterhaltung des Gebäudes, das zunehmend verwahrloste. Verschiedene "Modernisierungen" der Außenfassade und Dachbedeckung nach 1966 ließen die alte Schule, das denkmalgeschützte Wahrzeichen von Bermuthshain, zur Jahrtausendwende leider ziemlich unansehnlich und in schlechtem Zustand erscheinen. Vor allem deswegen erfolgte die Aufnahme von Bermuthshain in das Dorferneuerungsprogramm des Landes Hessen. Im August 2008 begann die Sanierung, nach deren Abschluss im Mai 2011 das Gebäude wieder zum Aushängeschild des Dorfes wurde. Im übertragenen Sinn ist heute wieder das Lernen die Hauptfunktion der alten Schule, genauer das oft zitierte "Lernen aus der Geschichte", da im Obergeschoß des Gebäudes das Muna-Museum Grebenhain mit seinen beiden Dauerausstellungen als Erinnerungsstätte zur Geschichte der nahen Munitionsanstalt im Oberwald in der NS-Zeit seinen Platz gefunden hat. |
||
|
|
||
|
Die 1829/30 erbaute alte Schule im Ortskern. Postkarte vor 1914. |
||
| Schon vor dem Ersten Weltkrieg
bemängelte die großherzogliche Kreisschulinspektion den schlechten Zustand
der bestehenden 1829/30 erbauten Schule und vor allem die fehlende zweite
Lehrerwohnung. Im Jahr 1913 wurde daher über den Neubau eines Schulhauses
nachgedacht, wie er in den Nachbarorten, z. B. 1907 in Crainfeld, bereits
durchgeführt worden war. Im Rahmen der Feldbereinigung sollte ein Bauplatz
für das neue Schulhaus reserviert werden. Aufgrund der finanziellen
Belastung der Gemeinde Bermuthshain durch die kurz zuvor neu gebaute
Wasserleitung und die Ortsdurchfahrt wurde der Schulhausneubau jedoch
zurückgestellt. Er wurde vollends durch Weltkrieg
und Inflation vereitelt, wenn auch das Kreisschulamt Lauterbach ihn 1922 von
neuem anregte. Stattdessen begnügte man sich 1929 mit der erwähnten
Sanierung des bestehenden Gebäudes. Wiederum kam der Gedanke an einen
Schulneubau 1935 auf, als eine Turnhalle gebaut werden sollte, und wieder
vereitelte ein Krieg diese Pläne. Erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges kam man auf den Neubau einer Schule zurück, der dann 1947 und nochmals 1950/51 von der Gemeindevertretung beschlossen wurde. Nachdem am 6.10.1951 durch Bürgermeister Johannes Weitzel der Grundstein gelegt wurde, konnte die neue Schule unter seinem Nachfolger Richard Oechler am 12.10.1952 feierlich eingeweiht werden. Die Schule wurde von dem Crainfelder Architekten Ludwig Schmelz als erster vollständiger Massivbau in der Ortslage entworfen und im Stil der in der NS-Zeit seit den 1930er Jahren aufgekommenen Siedlerhäuser erbaut. Äußerlich sehr ähnliche Schulgebäude mit allerdings kleineren Ausmaßen entstanden fast zeitgleich (1953) auch in den Vogelsberggemeinden Gunzenau und Zahmen. Finanziert wurde die neue Schule weitgehend durch den Holzverkauf aus dem noch unter Bürgermeister Friedrich Jost angepflanzten Gemeindewald, daneben aus Mitteln von Kreis und Land und sogar der amerikanischen Militärregierung. Neben den beiden Klassenräumen und einem Gruppenarbeitsraum im Erdgeschoß enthielt das Gebäude, den zeitgenössischen Vorstellungen von einer „sozialen Aufrüstung des Dorfes“ entsprechend, im Kellergeschoss auch eine Lehrküche, ein Werkraum sowie zwei öffentliche Wannenbäder mit Dusche und eine Warmwasser-Zentralheizung. Im Obergeschoß befanden sich zwei Wohnungen, wovon eine für den Schuldiener vorgesehen war. In einem Anbau befanden sich die Toiletten. Getrennt vom eigentlichen Schulgebäude wurde 1953 ein Lehrerwohnhaus im gleichen Stil errichtet, das zwei Wohnungen für die beiden Lehrer und ihre Familien enthielt. Hinter der Schule wurde ebenfalls 1953 ein großzügiger Sportplatz für den Schulsport angelegt. Als Standort der Schule wurde ein Gelände am westlichen Ortsrand ausgewählt und ein bisheriger Fußpfad am Forsthaus und den Häusern "Ahlewegslufte" und "Ortstadts" vorbei zum Hauptschulweg ausgebaut und 1957 offiziell "Schulweg" genannt (seit 1975 nunmehr "Tannenweg"). Gekostet hat das neue Schulhaus 70.737 DM, wobei noch einmal 15.000 DM für das Lehrerwohnhaus hinzukamen. Insgesamt beliefen sich die Gesamtkosten auf rund 110.000 DM. Die neue Schule diente kaum 17 Jahre ihrem Zweck, zu dem sie erbaut worden war. Da die eigenständige Bermuthshainer Dorfschule infolge der vom Land Hessen durchgeführten Schulreform 1969 geschlossen wurde, stand das Gebäude zunächst leer. Im Zusammenhang mit dem Neubau der Sprungschanze auf dem Höllerich war zunächst eine Umnutzung zum Skisportlerheim im Gespräch, ehe noch in der Endphase der kommunalen Selbstständigkeit der Umbau zu einem Dorfgemeinschaftshaus erwogen wurde. Dieser wurde dann im April 1975 von der Gemeindevertretung Grebenhain beschlossen und in 19-monatiger Arbeit hauptsächlich in Eigenleistung der Bermuthshainer Bevölkerung durchgeführt, so dass am 11.6.1977 die Einweihung stattfinden konnte. Anstelle des alten Schulsportplatz wurde ein neuer Fußballsportplatz gebaut. Im Jahr 1995 erfolgte der Anbau des neuen Feuerwehrgerätehauses an den Gebäudekomplex. Der "Charme der 1970er Jahre" prägte das Innere des Dorfgemeinschaftshauses bis zur auch dringend notwendig gewordenen Sanierung des Gebäudes im Zuge der Dorferneuerung. Im August 2003 begannen die durchgreifenden Umbauarbeiten, die mit der Neueinweihung am 29.9.2006 abgeschlossen waren und nach denen sich der Bau der 1950er Jahre nunmehr äußerlich im "postmodernen Look" des beginnenden 21. Jahrhunderts präsentiert. |
||
|
|
||
|
Postkarte der neuen Schule, dem heutigen DGH, aus dem Jahr 1953. |
||
|
Das Ende der Bermuthshainer Schule Das Ende der eigenständigen Volksschule Bermuthshain wie generell die Abschaffung der nun als "Zwergschulen" diffamierten kleinen ländlichen Schulen war wie die parallele kommunale Gebietsreform ein Ergebnis der "Modernisierungsideologie" der 1960er Jahre. Ebenso wie die bisherigen kleinen Landgemeinden und Kreise zu großräumigen "modernen" Verwaltungsregionen zusammengeschlossen werden sollten, so sollten die kleinen Landschulen durch wenige zentrale "Mittelpunktschulen" ersetzt werden. Nicht zufällig war Grebenhain sowohl als Standort der neu zu gründenden Mittelpunktschule wie auch als als Sitz der neu zu schaffenden Großgemeinde vorgesehen. Das proklamierte Ziel der Schulreform im Land Hessen war die Herstellung gleicher Bildungschancen in Stadt und Land, in der Praxis die unkritische Übertragung großstädtischer und "moderner" Normen auf das "rückständige" Dorf. Unter dem Schlagwort der damals geradezu hysterisch beschworenen "deutschen Bildungskatastrophe" wurde eine vollständige Neuordnung des gesamten Bildungssystems für notwendig befunden. Gemäß den Vorstellungen der hessischen Landesregierung von Georg August Zinn und ihres damaligen Kultusministers Ernst Schütte hatten sich die Einzelgemeinden als Schulträger "freiwillig" zu Schulverbänden zur Unterhaltung einer Mittelpunktschule zusammenzuschließen. Ein entsprechendes Gesetz trat am 28.6.1961 in Kraft. Im Vogelsberggebiet gründeten dann bereits 1963 die Gemeinden Bannerod, Gunzenau, Heisters, Metzlos, Metzlos-Gehaag, Nieder-Moos, Ober-Moos, Wünschenmoos und Zahmen in der Tradition des Kirchspiels Nieder-Moos den Schulverband "Moosbachgrund". Eine Mittelpunktschule sollte nahe dem Nieder-Mooser Teich erbaut werden. Die Landesregierung wollte jedoch größere "zentrale Orte" als Standort der Mittelpunktschulen und versagte ihre Unterstützung. Dagegen sah der damalige Grebenhainer Bürgermeister Otto Stier in der Errichtung einer Mittelpunktschule große Chancen für die künftige Entwicklung seiner Gemeinde und wurde der Hauptinitiator des am 3.4.1964 gegründeten Schulverbandes Grebenhain mit den Mitgliedern Bermuthshain, Crainfeld, Grebenhain, Hartmannshain, Herchenhain, Nösberts-Weidmoos, Vaitshain und Volkartshain . Ihm musste sich 1965 der Schulverband "Moosbachgrund" notgedrungen anschließen. Die Bildung des Schulverbandes Grebenhain war nicht unumstritten. Insbesondere die Gemeinde Crainfeld weigerte sich zunächst hartnäckig, ihre eigenständige Schule aufzugeben. Bereits im Jahr 1965 begann die praktische Umsetzung der Mittelpunktschulidee mit der Pensionierung bzw. Versetzung der Lehrer der einklassigen Schulen in Hartmannshain und Vaitshain, deren Schüler nach Grebenhain eingeschult wurden. Erstmals wurde auf Landeskosten eine Schülerbeförderung mit Bussen von den beiden Orten nach Grebenhain durchgeführt. Im Jahr 1966 wurde im gesamten Gebiet der Bundesrepublik Deutschland der Schuljahresbeginn vom traditionellen Termin an Ostern auf das Ende der Sommerferien umgestellt und gleichzeitig die Schulzeit von acht auf neun Jahre verlängert. Übergangsweise wurden zwei Kurzschuljahre von 4 Monaten eingeführt. Da die bestehenden ländlichen Schulen ausschließlich für eine achtjährige Schuldauer und jahrgangsübergreifende Klassen eingerichtet waren, sollte diese Maßnahme auch die Abschaffung der Dorfschulen auf kaltem Wege erzwingen. So wurde das Bermuthshainer 9. Schuljahr von Beginn an in Grebenhain unterrichtet. Am 1.4.1966 erfolgte die Auflösung der Dorfschule von Bannerod, am 1.12.1966 derjenigen von Volkartshain und die Überweisung ihrer Schüler nach Grebenhain. Das "Sterben auf Raten" begann für die Volksschule Bermuthshain am 1.12.1966, als die Klassen 7-8 nach Grebenhain abgegeben werden mussten. Der Unterricht erfolgte in der 1953/54 erbauten neuen Schule in Grebenhain (heutiger Altbau der OWS) am Ortsausgang nach Hartmannshain und in der 1895 erbauten alten Schule (heutige "Galerie alte Schule") in Grebenhain an der Abzweigung nach Crainfeld. Da die vorhandenen Schulgebäude völlig überfüllt waren, musste außerdem als Ausweichquartier noch das Grebenhainer Dorfgemeinschaftshaus (heutige Gemeindeverwaltung Grebenhain) benutzt werden. Der Baubeginn der neuen Mittelpunktschule in Grebenhain neben dem vorhandenen Schulgebäude war für 1966 geplant, wurde aufgrund der damaligen wirtschaftlichen Rezession aber um ein Jahr auf dem Herbst 1967 verschoben. Die Baukosten betrugen weit über 4 Millionen DM, wovon 13.000 DM als Kostenbeitrag auf die Gemeinde Bermuthshain entfielen. Am 23.5.1970 konnte der riesige Gebäudekomplex im Stil der zeitgenössischen "Betonarchitektur", die heutige "Oberwaldschule" (OWS), eingeweiht werden. Doch bereits im Jahr zuvor hatte die Geschichte der Dorfschulen einschließlich derjenigen in Bermuthshain ihr Ende gefunden. Bereits 1967 hatte die dortige Volksschule auch noch die Klassen 5-6 nach Grebenhain abgeben müssen. Zu Beginn des Schuljahres 1969/70 am 1.9.1969 wurden sämtliche Grundschüler von Steigertal (Zahmen, Heisters, Wünschenmoos), Metzlos mit Metzlos-Gehaag, Nieder-Moos, Ober-Moos, Crainfeld und Bermuthshain der Mittelpunktschule Grebenhain zugeordnet. Damit hatte die Geschichte der eigenen Schule am eigenen Ort in Bermuthshain nach fast 340 Jahren ihr Ende gefunden. |
||
|
|
||