Das Vereinsleben in Bermuthshain

 

Festzug des Männergesangvereins "Eintracht" Bermuthshain am 10.6.1951 in der Ober-Mooser Straße bei "Franze" anlässlich der 40-jährigen Jubiläumsfeier und des Bundessängerfestes des Vogelsberger Sängerbundes. Der MGV "Eintracht" ist der älteste und traditionsreichste Verein des Dorfes.
 
Die Entstehung des Vereinswesens in Deutschland ist eng verknüpft mit der demokratisch-nationalen Bewegung in der Zeit nach den napoleonischen Kriegen, der Verbürgerlichung der Gesellschaft und der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Bis in die Zeit nach dem Deutsch-Französischen Krieg und der Reichsgründung 1870/71 blieben Vereine im wesentlichen eine städtisch-bürgerliche Erscheinung. Im ländlichen Raum wurde Geselligkeit, sofern überhaupt Zeit dazu bestand, bis dahin ausschließlich im Rahmen der Spinnstube oder auch der seltenen Kirmessen bzw. im Dorfwirtshaus gepflegt. Die traditionelle Dorfgemeinschaft war durch die bäuerliche Arbeit bestimmt und stand der städtischen Vereinskultur zunächst fremd gegenüber, während es im krassen Unterschied dazu in den zu reinen Arbeitspendler-Wohnorten mutierten Dörfern von heute ausschließlich die Vereine sind, die überhaupt noch so etwas wie eine "Dorfgemeinschaft" am Leben erhalten.

Aufgrund der zunehmenden Verbindungen zwischen Land und Stadt, wie im Vogelsberg der 1900/1906 geschaffenen Bahnverbindung nach Frankfurt am Main oder auch durch Saisonarbeiter wie die "Westfalengänger" und durch die in den Garnisonsstädten ihren Militärdienst ableisteten Männer kam es noch vor der Jahrhundertwende aber auch in den Vogelsbergdörfern zur Gründung von Vereinen. Insbesondere bei den erwachsenen Männern verdrängten die Vereine schon bald die traditionelle Volkskultur wie z. B. die Spinnstuben. Da auf dem Umweg über die Vereine zudem nicht selten innerörtliche Rivalitäten ausgetragen wurden bzw. gewisse "Ausschweifungen" bei deren Festen stattfanden, war die "Vereinsmeierei" bei lokalen Autoritäten wie z. B. den Pfarrern oft äußerst unbeliebt und galt sogar als ernste Gefahr für den dörflichen Frieden. Alle Vereine ließen sich stets einer politischen Richtung oder einem sozialen Millieu zuordnen, waren also niemals "unpolitisch". In Dörfern und Siedlungen mit größerem Anteil von Industriearbeiterschaft wie etwa Lauterbach, Angersbach oder Ober-Seemen gab es z. B. eigene Arbeitergesangvereine oder Arbeitersportvereine, die sich von den entsprechenden "bürgerlichen" Vereinen abgrenzten und zumeist sozialdemokratisch orientiert waren.

Entsprechend der politischen Grundstimmung der Region vor 1933 bzw. 1945 waren die Vereine in den Vogelsbergdörfern fast ausschließlich "vaterländisch", d. h. nationalkonservativ, gesinnt. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte fast jedes noch so kleine Dorf mindestens einen Männergesangverein und/oder einen Kriegerverein, letzteren als Vereinigung der Kriegsveteranen von 1870/71 und der "gedienten" Soldaten. Nur in größeren Dörfern mit einem Anteil nichtbäuerlicher Bevölkerung wie Grebenhain, Crainfeld und Ilbeshausen entstanden auch relativ früh schon Sportvereine, zunächst in Form der teilweise militärisch geprägten Turnvereine. In den 1920er Jahren entstanden vielerorts Schützenvereine, die mit den Kriegervereinen eng verbunden waren, und erste Freiwillige Feuerwehren durch Umbildung der bisherigen gemeindlichen Pflichtfeuerwehren. Meist nur eine geringe Lebensdauer war zunächst den nach 1918 aus dem Boden schießenden ersten Fußballvereinen beschieden. Während der Zeit des Nationalsozialismus führten alle diese Vereine zunächst 1933 die "Gleichschaltung" durch, verloren dann aber an Bedeutung zugunsten der NS-Organisationen bzw. wurden von ihnen vereinnahmt. Erst in dieser Zeit wurden auch durchgehend die alten Pflichtfeuerwehren in Freiwillige Feuerwehren umgewandelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Vereinsleben einem starken Wandel unterworfen. Während die Kriegervereine und die meisten Schützenvereine nicht wiedererstanden, so wurden unter dem Einfluss heimatvertriebener und ausgebombter Neubürger zahlreiche neue Feiertraditionen etabliert (wie z. B. der Karneval) und der Fußballsport auf breiter Basis endgültig im Vogelsberg heimisch. Infolge des Wandels der Vogelsbergdörfer zu Arbeitspendler-Wohnorten und den Einfluss des Fernsehens wandelte sich die dörfliche Vereinskultur grundlegend. Viele der älteren Vereine wie insbesondere die Gesangvereine verloren an Popularität und wurden aufgelöst. An ihrer Stelle entstanden besonders seit Anfang der 1970er Jahre, nachdem die einzelnen Dörfer ihre Selbstständigkeit durch die Gebietsreform verloren hatten, neue Vereinstypen wie die Landfrauenvereine (bis dahin waren dörfliche Vereine ausschließlich "Männersache") oder die Vielzahl der kulturellen Vereine und Interessensgruppen.

 

Auf den Hessentags-Festzügen 2005, 2006 und 2007 präsentierte sich Bermuthshain als "Dorf der Vereine". Auf diesem Plakat sind die Wappen der neun wichtigen örtlichen Vereine zu sehen.

 

Die Bermuthshainer Vereine

Der erste in Bermuthshain gegründete Verein war sehr wahrscheinlich der Gesangverein "Liederkranz", der 1899 im Lauterbacher Anzeiger erstmals erwähnt wird. Es ist zu vermuten, dass dieser bereits Ende 1902 wieder aufgelöste Verein schon in den frühen 1880er Jahren ins Leben gerufen worden ist. Am 22.3.1900 wurde dann der Kriegerverein Bermuthshain als örtliche Veteranen- und Reservistenvereinigung ins Leben gerufen, nachdem bereits seit 1873 der Grebenhainer Kriegerverein als regionaler Verein der Kriegsteilnehmer von 1870/71 bestand. Der Kriegerverein Bermuthshain, der sich in nationalsozialistischer Zeit "Kriegerkameradschaft" nannte, war der bedeutendste Verein vor dem Zweiten Weltkrieg und erlosch mit Kriegsende 1945. Im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen während der Bürgermeisterwahl im Jahr 1911 traten mehrere Mitglieder aus dem Kriegerverein aus und gründeten am 21.11.1911 den noch heute als ältesten örtlichen Verein bestehenden Männergesangverein "Eintracht" Bermuthshain. Etwa im Jahr 1924 entstanden auf Betreiben des damaligen Lehrers Karl Winter der eng mit dem Kriegerverein verbundene Kleinkaliberschützenverein und ein nur kurzlebiger Gemischter Chor. Am 18.9.1926 wurde auch die Freiwillige Feuerwehr Bermuthshain als eine der ersten derartigen Einrichtungen in einem Vogelsbergdorf überhaupt ins Leben gerufen. Die Pflichtfeuerwehr bestand seit 1891.

In diesem Zusammenhang müssen auch die politischen und wirtschaftlichen Vereine erwähnt werden, obgleich auf dieser Seite nur die "eigentlichen" Vereine aufgeführt sind. Bereits 1889 wurde eine Ortsgruppe des (antisemitischen) Mitteldeutschen Bauernvereins gegründet. Nach dem Ersten Weltkrieg dominierte in Bermuthshain die Partei des Hessischen Landbundes, ehe sich die Nationalsozialisten sich Ende der 1920er Jahre durchzusetzen begannen. Am 1.4.1930 wurde die NSDAP-Ortsgruppe Bermuthshain gegründet. Zugleich entstand der Sturm 25/254 der nationalsozialistischen "Sturmabteilung" (SA). Bis zum Ende des "Dritten Reiches" 1945 dominierten die NSDAP und ihre Gliederungen wie die "Hitlerjugend" (HJ), der "Bund Deutscher Mädel" (BDM) oder die "Nationalsozialistische Volkswohlfahrt" (NSV) das Dorf total. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten auch die in Bermuthshain lebenden Heimatvertriebenen eine Interessenvertretung in Form eines Ortsvereins des Bundes der vertriebenen Deutschen (BvD). Wie lange sie bestand, konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Nachdem in Bermuthshain auch im ersten Nachkriegsjahrzehnt bei Wahlen zunächst noch konservative und extrem rechte Parteien dominierten, wurde dann am 15.12.1965 ein Ortsverein der SPD gegründet, welcher erst der dritte im gesamten Kreis Lauterbach überhaupt war. Er bestand allerdings nur wenige Jahre. Nach der Gebietsreform wurde am 22.10.1972 der bis 2008 bestehende SPD-Ortsbezirk als Untergliederung des SPD-Ortsvereins Grebenhain gegründet.

Zur Behebung der wirtschaftlichen Notlage der einheimischen Landwirtschaft wurden 1881 der Darlehenskassenverein Crainfeld-Bermuthshain und 1889 der Landwirtschaftliche Konsumverein Bermuthshain gegründet. 1907 entstand die Vogelsberger Ein- und Verkaufsgenossenschaft G.m.b.H. Bermuthshain. Nachdem die älteren wirtschaftlichen Vereine und Genossenschaften infolge der Inflation zahlungsunfähig geworden waren, wurde am 6.10.1923 der Spar- und Darlehenskassenverein Bermuthshain gegründet. Er bestand bis zur Fusion mit den benachbarten Genossenschaften in Grebenhain und Crainfeld 1970. Im Jahr 1954 erfolgte nach Beschluss der Gemeindevertretung die Bildung der Jagdgenossenschaft Bermuthshain, der alle örtlichen Landbesitzer angehören müssen. Am 11.3.1964 wurde die Gefriergemeinschaft Bermuthshain ins Leben gerufen und ein Gefrierhaus in der Obergasse beim Gemeindehaus erbaut. Die noch heute existierende Gefriergenossenschaft war auch der erste Bermuthshainer Verein, dessen Vorstand ab 1972 eine Frau (Erika Wittmann) angehörte. Durch die Auflösung der "Sparda" 1970, die bis dahin den gemeinschaftlichen Maschinenbesitz in ihren Händen gehabt hatte, musste außerdem eine Maschinengemeinschaft gegründet werden. Sie wurde 2002 aufgelöst. 1975 entstand die Forstbetriebsgemeinschaft Bermuthshain.

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde von damals in Bermuthshain ansässigen Evakuierten und ehemaligen Soldaten der erste Bermuthshainer Sportverein gegründet, der über eine Fußball- und Handballabteilung verfügte. Dieser Verein wurde aber bereits nach wenigen Jahren wieder aufgelöst. Am Vorabend des Verlusts der kommunalen Selbstständigkeit 1971/72 bestanden somit der MGV "Eintracht", die Freiwillige Feuerwehr und die Gefriergemeinschaft als einzige Vereine in Bermuthshain. Zu einer regelrechten Vereins-"Gründerzeit" kam es dann in den ersten Jahren nach der Angliederung von Bermuthshain an die Großgemeinde Grebenhain. Maßgeblich beteiligt war hier die jüngere bzw. jungverheiratete Generation des Ortes. Am 1.1.1973 entstand die Reservistenkameradschaft Bermuthshain, die in gewisser Weise die Nachfolge des ein Vierteljahrhundert zuvor erloschenen Kriegervereins antrat. Noch im selben Jahr folgte am 21.11.1973 der Brieftaubenverein "Sturmvogel". Im darauf folgenden Jahr wurde am 14.11.1974 der Landfrauenverein Bermuthshain ins Leben gerufen und damit der erste und einzige ausdrücklich "für Frauen gedachte" Verein in der Ortsgeschichte. Nur einen Monat später folgte am 13.12.1974 der zweite Bermuthshainer Sportverein als reiner Fußballsportverein, der 1975 den Spielbetrieb aufnahm.

Neben den "richtigen" Vereinen gab und gibt es in Bermuthshain auch stets noch mehrere, eher inoffizielle, Vereinigungen und Klubs. Hier ist neben zwei Kegelklubs vor allem die "Blutgruppe I" zu nennen, die in den 1970er Jahren durch die damals von auswärts nach Bermuthshain eingeheirateten jungen Männer gebildet wurde. Von seinem Ursprung her ein Bermuthshainer Verein war zudem der Grebenhainer Fanclub der Offenbacher Kickers. Er wurde am 24.4.1973 im "Deutschen Haus" in Bermuthshain als "OFC-Fan-Club Grebenhain-Bermuthshain" gegründet und trug diesen Namen auch offiziell bis zu Beginn der 1980er Jahre.

Eine neue "Welle" von Vereinsgründungen seit Ende der 1990er Jahre, als auch die Aufnahme in das Dorferneuerungsprogramm erfolgte, machte Bermuthshain dann vollends zu einem "Dorf der Vereine" mit immerhin elf größeren Vereinen bei nur etwas mehr als 600 Einwohnern. Sie wurde eingeleitet von dem schon von seiner Namensgebung her einmaligen Landmännerverein Bermuthshain, der am 29.8.1997 gegründet wurde. Es folgten dann am 8.5.2001 der (letztlich kurzlebige) Kleintierzuchtverein und am 4.12.2002 die Backgemeinschaft, die seit dem Jahr 2005 offiziell Backgemeinschaft "Vulkanbäcker" Bermuthshain heißt. Anfang 2003 war damit der "Höchststand" an Vereinen in der Ortsgeschichte erreicht. Jüngster Verein des Dorfes ist der am 19.3.2010 ins Leben gerufene "Dorfverein" zur Vorbereitung der 1.000-Jahr-Feier der urkundlichen Ersterwähnung.

Die (Belastungs-) Grenzen im Bezug auf das dörfliche Vereinswesen sind jedoch offenbar schon längst erreicht, wenn nicht schon überschritten. Bei den meisten Vereinen in Bermuthshain sind mittlerweile steigende Austritte, schleichende Überalterung und nachlassende Aktivitäten längst nicht mehr unbekannt oder sogar schon zu einem Problem geworden. Im Jahr 2010 ist der erst sechs Jahre zuvor ins Leben gerufene und seit 2007 inaktive Kleintierzuchtverein aufgelöst worden und es verschwand damit erstmals seit Ende der 1940er Jahre wieder ein "richtiger" Verein aus dem Dorfleben.

Für genauere Informationen zu einem Verein und dessen Geschichte einfach auf den entsprechenden Vereinsnamen klicken!

 

Aufgelöste Vereine:

 

Gesangverein "Liederkranz" Bermuthshain

Kriegerverein Bermuthshain

Kleinkaliberschützenverein Bermuthshain

Sportverein Bermuthshain

Kleintierzuchtverein Bermuthshain 2001 e. V.

 

Bestehende Vereine:

 

Männergesangverein "Eintracht" Bermuthshain e. V.

Freiwillige Feuerwehr Bermuthshain

Gefriergemeinschaft Bermuthshain

Reservistenkameradschaft Bermuthshain

Brieftaubenverein "Sturmvogel" Oberland-Bermuthshain e. V.

Landfrauenverein Bermuthshain

Sportverein Bermuthshain 1975 e. V.

Landmännerverein Bermuthshain e. V.

Backgemeinschaft "Vulkanbäcker" Bermuthshain e. V.

Dorfverein Bermuthshain e. V.