Wirtschaft und Gewerbe im alten Bermuthshain

 

Das alte Bermuthshain der Vorkriegszeit war ein "klassisches" Bauerndorf. Hier die Familien Weitzel ("Hanse") und Rausch ("Doktersch") mit dem Pferdegespann von "Hanse" während der Heuernte am 27.8.1939, drei Tage vor Beginn des Zweiten Weltkrieges.

 

Die Wirtschaftsgeschichte von Bermuthshain ist Gegenstand der Magisterarbeit des Autors, welche als einzige bisher erarbeitete größere Publikation zur Ortsgeschichte im Februar 2006 unter dem Titel "Die wirtschaftliche Entwicklung eines oberhessischen Dorfes 1870-1930. Das Beispiel Bermuthshain (Kreis Lauterbach)" abgeschlossen wurde.

Noch bis in die 1930er Jahre hinein war Bermuthshain, wie die meisten anderen Vogelsbergdörfer, ein vorwiegend von der Landwirtschaft und vom Handwerk geprägtes Dorf. Im Jahr 1933 gliederte sich die wirtschaftliche Struktur der Ortsbevölkerung mit ihren 476 Einwohnern zu 70,3% in den Bereich Land- und Forstwirtschaft, zu 20,1% in den Bereich Industrie und Handwerk und zu 2,5% in den Bereich Handel und Verkehr. Tägliches Pendeln zu auswärtigen Arbeitsplätzen, wie es heute den Alltag nahezu sämtlicher berufstätiger Bermuthshainer bestimmt, war zu dieser Zeit im Dorf  nahezu unbekannt. Die "Arbeitsplätze" der "alten" Bermuthshainer lagen im eigenen Dorf. Nahezu jeder Ortsbürger bewirtschaftete seinen eigenen Bauernhof, der häufig noch mit einem kleinen Handwerksbetrieb, einem Handelsgeschäft oder auch einem Gasthaus verbunden war. Es ist heute kaum noch vorstellbar, dass diese Unmenge an kleinen und kleinsten Betrieben überhaupt ihr wirtschaftliches Auskommen in dem kleinen Vogelsbergdorf finden konnte, wenn auch der Vogelsberg wie andere Mittelgebirgsregionen eher als arm und rückständig ("Hessisch-Sibirien") galt. Bermuthshain kann in dieser Hinsicht durchaus als "typisches" Dorf im hohen Vogelsberg angesehen werden. Im Gegensatz dazu war der benachbarte Gerichts- und Pfarrdorf Crainfeld lange Zeit das wirtschaftliche Zentrum der näheren Region, wo sich viele Handwerksbetriebe und Handelsgeschäfte (insbesondere auch der von Crainfelder Juden betriebene Viehhandel) angesiedelt hatten und das sich am Schnittpunkt mehrer alter Handelsstraßen befand. In dieser Rolle wurde es nach dem Bau der Provinzialstraße (heutige B275) und der Vogelsbergbahn allmählich und seit den 1930er Jahren (Bau der "Muna") beschleunigt von dem benachbarten Grebenhain verdrängt.

Es ist nicht bekannt, inwieweit der durch spätere Quellen aus dem 18. Jahrhundert und durch den Flurnamen "Am Eisenberg" für das 15. Jahrhundert belegte Eisenerzbergbau zwischen Bermuthshain und Grebenhain die Wirtschaftsstruktur des Dorfes neben der zweifellos seit den Anfängen vorhanden gewesenen Landwirtschaft bestimmt hatte. Aus den Kirchenbüchern des 17. und 18. Jahrhunderts sind nur wenige Hinweise auf Handwerksberufe der Bermuthshainer zu entnehmen. Um 1800 war Bermuthshain war von einer typischen landwirtschaftlich-gewerblichen "Mischökonomie" geprägt. Deren Standbeine waren die Landwirtschaft mit dem Schwerpunkt Viehhaltung (insbesondere Rinderhaltung) und die häusliche Leinweberei. Daneben waren die üblichen Dorfhandwerksberufe (Schmied, Müller usw.) vertreten. Durch die napoleonische Kontinentalsperre und dann das Aufkommen der industriellen Leinenfabrikation wurde die Leinweberei bis um 1885 wirtschaftlich ruiniert und verschwand aus dem Dorf. Die Verelendung der unterbäuerlichen Schichten und eine massive Auswanderungsbewegung nach Nordamerika waren die Folgen, nicht nur in Bermuthshain, sondern im gesamten Vogelsberg.

Es ist nicht bekannt, inwieweit der durch spätere Quellen aus dem 18. Jahrhundert und durch den Flurnamen "Am Eisenberg" für das 15. Jahrhundert belegte Eisenerzbergbau zwischen Bermuthshain und Grebenhain die Wirtschaftsstruktur des Dorfes neben der zweifellos seit den Anfängen vorhanden gewesenen Landwirtschaft bestimmt hatte. Aus den Kirchenbüchern des 17. und 18. Jahrhunderts sind nur wenige Hinweise auf Handwerksberufe der Bermuthshainer zu entnehmen. Um 1800 war Bermuthshain war von einer typischen landwirtschaftlich-gewerblichen "Mischökonomie" geprägt. Deren Standbeine waren die Landwirtschaft mit dem Schwerpunkt Viehhaltung (insbesondere Rinderhaltung) und die häusliche Leinweberei. Daneben waren die üblichen Dorfhandwerksberufe (Schmied, Müller usw.) vertreten. Durch die napoleonische Kontinentalsperre und dann das Aufkommen der industriellen Leinenfabrikation wurde die Leinweberei bis um 1885 wirtschaftlich ruiniert und verschwand aus dem Dorf. Die Verelendung der unterbäuerlichen Schichten und eine massive Auswanderungsbewegung nach Nordamerika waren die Folgen, nicht nur in Bermuthshain, sondern im gesamten Vogelsberg.

Die Leinweberei wurde in ihrer Bedeutung schließlich durch die Vielzahl der holzverarbeitenden Gewerbe wie Schreiner, Schindler, Wagner und Schneeschuhmacher abgelöst, die Bermuthshain dann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten. Insbesondere die von den Bermuthshainer Familien Jost und Luft (Hausnamen "Stockjes" und "Wänersch") ausgeübte Herstellung von Skiern ("Schneeschuhen") und Holzspielzeug besaß überregionale Bedeutung. Viele dieser Handwerksberufe wurden oft nur heimgewerblich und als Nebenverdienst zur Landwirtschaft ausgeübt. Die Landwirtschaft bildete das "Rückgrat" der alten Bermuthshainer Wirtschaftsstruktur, von der wiederum viele Handwerksberufe (Bäcker, Metzger, Wagner, Schmiede, Viehhändler usw.) direkt abhängig waren. Nicht vergessen werden dürfen auch die, gemessen an der Größe des Dorfes, außerordentlich vielen Gastwirtschaften und Handelsgeschäfte. Eine Minderheit der Ortsbürger war jedoch gezwungen, zeitweise bzw. saisonal als Arbeiter im rhein-westfälischen Industriegebiet (Ruhrgebiet) sein Einkommen zu suchen. Diese bezeichnete man im Volksmund als "Westfalengänger". Einen gewissen Aufschwung erlebte Bermuthshain nach der Eröffnung der Vogelsbergbahn im Jahr 1906.

 

Waldarbeiterinnen im Bermuthshainer Gemeindewald um 1940. In der Mitte der damalige Revierförster Ernst Dillemuth.

 

Berufe der Bermuthshainer Ortsbürger 1821 und 1906

 

 

Beruf Anzahl 1821 Anzahl 1906  
  Landwirt 89 65  
  Bäcker 1 2  
  Dreher 1 -  
  Fuhrmann 1 -  
  Glaser 1 -  
  Kaufmann 2 3  
  Leinweber 3 -  
  Maurer 1 6  
  Müller 4 2  
  Schindler - 1  
  Schmied 2 4  
  Schneeschuhmacher - 1  
  Schneider 2 3  
  Schreiner 2 5  
  Schuhmacher 6 5  
  Steinhauer - 1  
  Tagelöhner 7 19  
  Vergolder - 1  
  Zimmermann 1 -
Wagner - 3
Gesamtzahl 125 137
 
Die bedeutendsten Handwerksbetriebe in Bermuthshain um 1930 waren die Ski-Werkstatt Friedrich Luft ("Ski-Luft", Hausname "Stockjes") und die Holzspielwarenherstellung Karl Luft ("Wänersch"). Größere Handwerksbetriebe waren auch die Schreinerei Andreas Komp ("Kompe"), die Schreinerei Blum ("Blumme"), die Wagnerei Klein ("Weidels"), die Schmiederei und Maschinenhandlung Heinrich Müller ("Kannjerche") und die Schmiedewerkstatt Wilhelm Kaufmann ("Kaufmanns"). Ferner bestanden die Molkerei Greßmann ("Greßmanns"), die Bäckerei Johannes Oechler IX. ("Kannhennersch"), die Metzgerei Imhof ("Imhofs") und ab 1935 auch die Metzgerei Hornung ("Dammburjersch"). Nicht weniger als fünf Gastwirtschaften waren vorhanden, nämlich die Bahnhofswirtschaft ("Zegnersch") und im eigentlichen Dorf die Gasthäuser "Zur Krone" ("Dammburjersch"), "Zum Goldenen Stern" ("Heutzeredersch"), "Zum Hessischen Hof" ("Sandersch") und "Zum Deutschen Haus" ("Götzjes"). Zu den beiden letztgenannten Gastwirtschaften gehörte auch ein Kolonialwarenladen, zum "Deutschen Haus" weiterhin ein bedeutender Buttergroßhandel. Bis 1916 gab es außerdem im Ortszentrum noch das Gasthaus "Zum Weißen Ross" ("Heils"). Nach dem Ersten Weltkrieg wurde schließlich noch das Sägewerk am Bahnhof oberhalb des Ortes erbaut. Wie bereits erwähnt, war fast jeder Bermuthshain außerdem noch oder sogar ausschließlich Bauer. Kleine und mittlere Bauernhöfe überwogen zahlenmäßig, deren Besitzer wegen ihrer Spanntiere als "Kuhbauern" bezeichnet wurden. Im Vergleich dazu bildeten die eher wohlhabenden "Pferdebauern" oder "Gäulsbauern" eher eine Minderheit, dominierten aber traditionell die dörfliche Politik. Viele Bermuthshainer Landwirte gingen im Winter als Holzhauer (mundartlich "Holzmächer") in den Gemeindewald, wenn sie sonst keine Beschäftigung fanden, einige arbeiteten dann auch als Holzfuhrmann. Eine Besonderheit war sicherlich das zwischen 1912 und 1958 betriebene Mineralwasserfuhrgeschäft und die eigene Herstellung von Limonade durch Karl Oechler II. ("Hohlewies").

Den bis dahin folgenreichsten Einschnitt in die Wirtschaftsstruktur nicht nur von Bermuthshain, sondern des gesamten hohen Vogelsberges stellte die Errichtung der Luftmunitionsanstalt Hartmannshain dar. Die ab 1936 aufgebaute und im Kapitel zur Kriegsgeschichte näher beschriebene "Muna", wie sie im Volksmund bis heute heißt, diente zur Fertigstellung und Lagerung von Luftwaffenmunition. Beim Bau der aus Bunkern und Arbeitshäusern sowie einer Siedlung bestehenden Anlagen waren rund 2000 Arbeiter beschäftigt und in den Nachbargemeinden einquartiert. Während des Krieges waren neben rund 130 ausländischen Zwangsarbeitern, vorwiegend jungen Frauen aus der Ukraine, auch viele vormals in Landwirtschaft und Handwerk tätige Einheimische in der "Muna" tätig. Mit ihr hielten bis dahin kaum bekannte Lebensweisen in den Dörfern des hohen Vogelsberges Einzug, wie industrielle Lohnarbeit und tägliches Auspendeln zu einem auswärtigen Arbeitsplatz. Diese Entwicklung verstärkte sich noch durch die Ansiedlung zahlreicher wegen der Bombenangriffe evakuierter Städter und dann der Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten und dem Sudetenland, wodurch sich im übrigen auch die Bevölkerungsstruktur nachhaltig veränderte. In den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit war in den Sälen der Gastwirtschaften "Zum Goldenen Stern" und "Zur Krone" zeitweilig sogar eine Lampen- und Elektrogerätefabrik (Fa. Schanzenbach) aus Frankfurt am Main evakuiert, die aber Ende 1949 wieder an ihren Ursprungsort übersiedelte.

Zunächst waren es vorwiegend Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Evakuierte, die bei den verschiedenen auf dem früheren "Muna"-Gelände neu angesiedelten Firmen wie zuerst der Tuchfabrik Müller und dann der Kartonagenfabrik Stabernack arbeiteten. Daneben gab es auch Fernpendler in das im Zuge des Wiederaufbaues besonders aufstrebende Rhein-Main-Gebiet und hier insbesondere Frankfurt am Main. Etwa ab Ende der 1950er Jahre verließen dann auch zunehmend Einheimische ihre bisherigen Arbeitsstätten in der eigenen Landwirtschaft bzw. im Handwerk zugunsten von Arbeitsplätzen in der Industrie. Bedingt durch die kapitalintensive Mechanisierung der Landwirtschaft und die einseitig auf den vollmechanisierten Großbetrieb ausgerichtete Agrarpolitik auf EWG-, Bundes- und Landesebene fiel das Einkommensniveau der Vogelsberger Klein- und Mittelbauern stetig. Aus Sicht der boomenden Industrie der "Wirtschaftswunder"-Zeit galten Agrargebiete wie der Vogelsberg als Reservoir billiger Arbeitskräfte, denen aber immer noch höhere Löhne gezahlt werden konnten, als diese in der Landwirtschaft erwirtschaften konnten. Durch die zunehmende Industrialisierung und Mechanisierung  wurde zudem das dörfliche Handwerk konkurrenzunfähig. Im Fall des SPD-regierten Bundeslandes Hessen kam noch die unausgesprochene Absicht der Landesregierung Georg August Zinn hinzu, durch ein forciertes Modernisierungsprogramm, deren bekanntestes Symbol bis heute die Dorfgemeinschaftshäuser sind, die wegen der NSDAP-Wahlergebnisse vor 1933 als "reaktionär" eingestufte Landbevölkerung politisch "umzuerziehen".

Innerhalb von etwa 30 Jahren wandelte sich Bermuthshain wie die meisten Vogelsbergdörfer vom Bauerndorf, d. h. einem Dorf im eigentlichen Sinne, zu einer reinen "Wohnsitzgemeinde", ironisch auch als so genanntes "Schlafdorf" bezeichnet.

 

Die Bermuthshainer Familie Wies ("Annekinne") bei der Heuernte 1941. "Annekinne" zählten zur zahlenmäßig größten Gruppe der "Kuhbauern", also den mittleren und kleinen Landwirten, die Kühe sowohl als Milch- und Mastvieh wie als Zugtiere hielten.

 

Die Landwirtschaft

Der wirtschaftliche Schwerpunkt lag in Bermuthshain wie im gesamten Vogelsbergregion vor dem Zweiten Weltkrieg in der Landwirtschaft. Allein im relativ kleinen Gebiet des Altkreises Lauterbach wurden im Jahr 1882 insgesamt 4510 und nach dem Ersten Weltkrieg immer noch 4493 landwirtschaftliche Betriebe gezählt. In der Vogelsberger Landwirtschaft dominierten mittlere und vor allem kleinere Betriebe. 1882 lag die durchschnittliche landwirtschaftliche Betriebsgröße im Kreis Lauterbach bei 5,87 ha und im Nachbarkreis Schotten sogar bei 4,08 ha. Ein Viertel aller Bauernhöfe im Kreis Lauterbach besaß 1882 weniger als 1 ha Nutzfläche, dagegen aber nur 147 über mehr als 20 ha Nutzfläche. Praktisch jeder Ortseinwohner in Bermuthshain hatte in irgendeiner Art mit der Landwirtschaft zu tun und wuchs von klein auf mit einer bäuerlichen Lebensweise auf. Im hohen Vogelsberg lag die Mindestgröße eines landwirtschaftlichen Betriebes, um seinen Besitzer nur durch Landwirtschaft ernähren zu können, bei 2 ha. Etwa jeder zweite Bauer betrieb zusätzlich ein Nebengewerbe.

Der Umfang des Landbesitzes war in einem Bauerndorf wie Bermuthshain ausschlaggebend für die soziale Stellung, für Einflussmöglichkeiten und Ansehen des Einzelnen und seiner Familie innerhalb der Dorfgemeinschaft. Nach der Art der Bespannung unterschied man die sozialen Klassen der Pferdebauern, Kuhbauern und Ziegenbauern. Als Pferdebauern, mundartlich "Gäulsbauern", wurden diejenigen Bauern bezeichnet, die sich Pferde als Zugtiere leisten konnten und mehr als 10 ha Land besaßen. Sie waren Haupterwerbslandwirte im heutigen Sinne, aber zuweilen auch noch Inhaber eines großen Handwerksbetriebes oder Gasthauses als Zuerwerb. Pferdebauern dominierten in der Gemeindepolitik und im Gemeinderat sowie in den Führungspositionen der örtlichen Vereine. Auch der Bürgermeister kam normalerweise immer aus den Reihen der Pferdebauern. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es etwa 25 Pferdebauern in Bermuthshain. Eine breite dörfliche Mittelschicht wurde von den Kuhbauern gebildet, die wegen ihres geringeren Landbesitzes Kühe auch als Zugtiere verwenden mussten. Aus dem selben Grund übten die Kuhbauern zumeist noch ein zusätzliches Gewerbe aus, meist einen Handwerksberuf wie die Holzdreherei. Im Winter gingen sie häufig als Holzhauer zur Arbeit in den Gemeindewald. Man kann sagen, dass das Kuhgespann früher weitaus typischer für das Erscheinungsbild der meisten Bauernhöfe war als ein Pferdegespann. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es etwa 50 Kuhbauern in Bermuthshain. Die ärmsten Ortseinwohner, die sich nicht einmal eine Kuh als Zugtier leisten konnten und oft nur über weit weiniger als 1 ha Landbesitz verfügten, gehörten zu den Ziegenbauern ("Geißbauern"). Sie mussten oft als Tagelöhner bei einem anderen Bauern arbeiten. Aus dieser Gruppe entstammten auch die "Westfalengänger", die saisonal oder eine längere Zeit im Ruhrgebiet arbeiteten. In Bermuthshain gab es vor 1939/45 vier Ziegenbauern.

 

Gesamtzahl der Bermuthshainer Bauernhöfe

 
  Jahr Vollerwerb Nebenerwerb Gesamt
  1949 44 40 84
  2000 3 10 13
 

Betriebsgröße der Bermuthshainer Bauernhöfe 1949

 
  Betriebsgröße Zahl der Höfe  
  0,5 bis 1 ha 3  
  1 bis 2 ha 2  
  2 bis 3 ha 9  
  3 bis 5 ha 14  
  5 bis 7,5 ha 25  
  7,5 bis 10 ha 13  
  10 bis 15 ha 15  
  15 bis 20 ha 2  
über 20 ha 1
 
Die traditionelle bäuerliche Erbsitte in Bermuthshain war, wie im althessischen Teil des Vogelsberges üblich, die Realerbteilung. In diesem Fall erhielt also nicht allein das im Haus bleibende Kind, normalerweise der älteste Sohn, das gesamte "Werk", sondern es stand allen Kindern ein Teil desselben (ein Stück Land) als Teil ihrer Aussteuer zu. Die Realerbteilung führte oft zu einer sehr bewussten Heiratspolitik, um die Größe des Hofes und damit die Lebensgrundlage der Familie zu erhalten. Es galt das Prinzip: "Die richtige Wies' zum richtigen Acker". Auch "Tauschheiraten" zwischen zwei Höfen kamen in diesem Zusammenhang häufig vor (Näheres dazu im Abschnitt "Häuser u. Höfe"). Die Realerbteilung wurde und wird häufig einseitig für die wirtschaftliche Not des Vogelsberges in der Vergangenheit verantwortlich gemacht, da sie zur Entstehung zahlreicher Kleinbauernhöfe und zur nicht mehr "rationellen" Zersplitterung der Gemarkungen beigetragen habe. Doch waren die Probleme von "zu kleinen" landwirtschaftlichen Flächen und Massenauswanderung als Folge von Armut auch in den Anerbengebieten mit geschlossener Vererbung wie dem Riedeselland vorhanden. Dort erhielten die nachgeborenen Kinder beim Verlassen des Hofes nichts und verdingten sich häufig als Knechte oder Mägde im benachbarten althessischen Gebiet. Durch die Nationalsozialisten wurde nach ihrer Machtübernahme noch im Jahr 1933 das "Reichserbhofgesetz" erlassen und die Realerbteilung verboten. Unter das Reichserbhofgesetz fielen alle Höfe mit einer Nutzfläche von 7,5 bis 125 ha. Ein "Erbhof" durfte weder verkauft noch sonst auf irgendeine Weise veräußert werden. Er war nur ungeteilt an den ältesten Sohn zu vererben und zudem nicht belastbar (entschuldet). "Erbhöfe" mussten über eine ausreichende "Ackernahrung" verfügen, um die Besitzerfamilie unabhängig von der Marktlage eigenständig ernähren können. Naturgemäß traf ein so radikaler Eingriff in uralte bäuerliche Traditionen wie das Reichserbhofsgesetz nur bedingt auf die Zustimmung der Vogelsberger Bauern, ähnlich wie die zunehmende Zwangsbewirtschaftung landwirtschaftlicher Erzeugnisse durch das NS-Regime. Es ist überliefert, dass mehrere für das Erbhofgesetz vorgeschlagene Bauern die Einstufung unter dieses Gesetz mit vielerlei Argumenten zu verhindern versuchten.

Der Schwerpunkt der Landwirtschaft in Bermuthshain lag wie im gesamten hohen Vogelsberg auf der Rindviehhaltung. Daneben gewann die Schweinehaltung zunehmend an Bedeutung, wie auch die Viehhaltung im Lauf der Zeit immer stärker intensiviert wurde. Im Jahr 1838 wurden in Bermuthshain 16 Pferde, 422 Rinder, 75 Schweine und 38 Schafe gehalten. Im Jahr 1900 beliefen sich die Zahlen auf 19 Pferde (darunter 1 Fohlen), 537 Rinder (darunter 168 Kälber), 256 Schafe (davon 79 Lämmer) und 305 Schweine (darunter 152 Ferkel). In Bermuthshain bestand eine eigene Rinder- und Schweinezucht. Für diesen Zweck wurden als Vatertiere jeweils zwei Gemeindebullen und ein Gemeindeeber gehalten. Letzterer wurde erst 1984 abgeschafft. Die Bullenhaltung wurde immer für drei Jahre an einen ortsansässigen Landwirt vergeben, der durch die Gemeinde mit Futtergetreide vergütet wurde. Die ursprüngliche einheimische Rindviehrasse war das Vogelsberger Rind, wegen der durchgehend rotbraunen Fellfarbe auch als Rotes Vogelsberger Höhenvieh bezeichnet. Die Vogelsberger Rinderrasse war den Verhältnissen auf den kleinen Bauerngütern und dem Klima im Vogelsberg besonders gut angepasst und galt sowohl als sehr gutes Milchvieh wie auch als gutes Mastvieh. Darüber hinaus wurde sie als genügsam beschrieben und verfügte über exzellente Leistungen als Zugvieh.

Ab 1902 wurden in der Gemeinde Bermuthshain auf Beschluss des Gemeinderates als Vatertiere ausschließlich die Simmentaler Rinderrasse und die Yorkshire Schweinerasse gehalten. Erstere besaß höhere Milchleistungen und ein höheres Mastgewicht, war aber auch anspruchsvoller, u. a. durch einen größeren Futterbedarf. Nach 1945 wurden anstelle der vielen regionalen Rassen zunehmend nur noch zwei Rinderrassen in Deutschland gehalten, die nur noch als Milchvieh ("Schwarzbunte") oder Schlachtvieh ("Fleckvieh") geeignet waren. Das Vogelsberger Rind starb im Jahr 1964 aus und konnte erst in den 1980er Jahren mit Hilfe von eingefrorenem Sperma des letzten Vogelsberger Bullen wieder rückgezüchtet werden. Auch in Bermuthshain werden heute wieder einige Vogelsberger Rinder gehalten.

 

Hütejunge mit Kühen am Jagdhorst um 1930. Im Hintergrund das Dorf Bermuthshain.

 
Eine dauerhafte Stallhaltung und Stallfütterung des Viehs war im hohen Vogelsberg nicht üblich. Stattdessen wurde das Rindvieh auf großen Hutweiden gemeinschaftlich gehütet und erst abends wieder zurückgetrieben. Die Bermuthshainer Gemeinde-Hutweide befand sich am Rabenberg. Für das Viehhüten wurden häufig Kinder und insbesondere auch Pflegekinder herangezogen. Letztere wurden aufgrund dieser Tatsache umgangssprachlich als Hütekinder bezeichnet. Weidezäune waren unbekannt, was erheblich zum Erscheinungsbild des hohen Vogelsberges als einer "offenen Landschaft" beitrug. Die Viehbestände der einzelnen Bauernhöfe waren für heutige Verhältnisse unglaublich klein. Ein Bauer mit 6 bis 8 Kühen galt schon als wohlhabend. Einen "Almabtrieb", wie er als "Gaudiveranstaltung" in den Jahren 1998-2002 vom Landmännerverein Bermuthshain veranstaltet wurde, kannte man im hohen Vogelsberg übrigens nicht, wohl aber einen "Viehauftrieb", wenn die Rinder in etwas feierlicher Form an Pfingsten erstmals nach dem Winter wieder gemeinschaftlich auf die Hutweiden getrieben wurden.

Noch bis ins 18. Jahrhundert wurde im hohen Vogelsberg selbst in höheren Lagen auch Ackerbau betrieben, zunehmend jedoch durch die Grünlandwirtschaft verdrängt. Der klimatisch wenig begünstigte Ackerbau diente im Wesentlichen nur zur Selbstversorgung und zur Erzeugung von Futtergetreide. Im Jahr 1900 dominierten unter den angebauten Kulturgewächsen in der Gemarkung Bermuthshain Hafer (80 ha), Sommergerste (69 ha), Winterroggen (46 ha) und Kartoffeln (42 ha). Die Kartoffel als Grundnahrungsmittel wurde in Oberhessen seit 1740 angebaut. In der Amtszeit des hessischen Ministers Friedrich Karl Moser wurde 1779 eine "Land-Commission" zur Reform der Agrarverfassung in der Landwirtschaft gegründet. Im gleichen Jahr wurde von dieser Kommission eine Aufteilung der Gemeinde-Hutweide am Rabenberg beschlossen, was jedoch auf großen Widerstand der Bermuthshainer Bevölkerung stieß. 1816 wurden im Großherzogtum Hessen die aus dem Mittelalter überkommenen Zehnten in jährliche Grundrenten umgewandelt. 1836 wurde ein Gesetz über die Ablösung dieser Grundrenten verabschiedet, dessen Umsetzung sich aber wegen des Kapitalmangels der meisten kleineren Bauern über mehr als 50 Jahre hinzog. Aus dem gleichen Grund fanden Neuerungen wie neue landwirtschaftliche Geräte oder künstliche Düngemittel nur schleppend im Vogelsberg Eingang, zumal diese ohnehin nicht immer auf die hiesigen kleinbäuerlichen Verhältnisse zugeschnitten waren. Es ist bemerkenswert, in welchem Umfang die Wirtschaft im hohen Vogelsberg noch bis in die 1930er Jahre "bargeldlos" und in Form einer Subsistenzwirtschaft funktionierte. In Notfällen blieb dem einzelnen Bauern nichts anderes übrig, als sich bei einem privaten Geldverleiher gegen hohe Zinsen Geld zu leihen, was angesichts der mangelnden Erfahrungen der meisten Bauern mit der Geldwirtschaft nicht selten zum Verlust von Haus und Hof führte. In diesem Zusammenhang ist auch der Aufstieg der antisemitischen Bewegung im Vogelsberg seit den 1880er Jahren zu sehen, da viele der Geldverleiher jüdische Viehhändler und Kaufleute waren. Doch auch nichtjüdische Händler, die politische Gemeinde und selbst die Kirchengemeinde verliehen Geld. Vom wirtschaftlichen Standpunkt her wurde erst durch die Spar- und Darlehenskassen der Systeme Raiffeisen und Schulze-Delitzsch eine Antwort auf diese Probleme gefunden.

 

"Stoffels" und "Heutzeredersch" bei der Kartoffelernte um 1937.

 

Bevor die große Mechanisierung, aber damit verbunden auch das "Bauernsterben", in den 1950er und 1960er Jahren begann, war der Bermuthshainer und Vogelsberger Bauer bei seiner Arbeit weitgehend auf die Kräfte von Mensch und Tier angewiesen. Jeder Bauernhof verfügte über  Pflug und Egge als Bodenbearbeitungsgeräte, Sense, Sichel und und Holzrechen für Getreide- und Heuernte, Hacke und Karst für die Kartoffelernte und Dreschflegel für den Getreidedrusch. Als Transportmittel diente der mit eisenbereiften hölzernen Rädern versehene Ackerwagen, der für die Einbringung von Heu und Getreide zum Leiterwagen umgerüstet werden konnte. Der erste gummibereifte Wagen in Bermuthshain wurde 1942 von dem Landwirt und Holzdreher Friedrich Luft ("Stockjes") mit Rädern eines verschrotteten Opel PKW aus Rüsselsheim erbaut. Dreschmaschinen mit Dampflokomobilantrieb wurden im hohen Vogelsberg seit etwa 1880 verwendet und konnten wegen der hohen Kosten nur genossenschaftlich oder von großen Landwirten mit Lohndrusch betrieben werden. In Bermuthshain schaffte der Landwirt Karl Appel ("Kloase") mit Unterstützung anderer Landwirte aus dem Unterdorf die erste Dreschmaschine im Dorf im Jahr 1927 an. Hersteller war die Firma Mayfarth aus Frankfurt am Main. Die Lohndrescherei Karl Appel stellte 1941 kriegsbedingt ihren Betrieb ein. Dreschmaschine und Dampflokomobil wurden anschließend von der Spar- und Darlehenskasse Bermuthshain übernommen. Für die Dreschmaschine und die Drescharbeit wurde 1947 eine Halle am Marktplatz gebaut und dort noch bis 1968 mit Dampfkraft gedroschen. Zuletzt war 1953 eine neue Dreschmaschine der Firma Buschhoff aus Ahlen gekauft und nach Außerdienststellung (und Verschrottung) der Dampfmaschine mit Schlepperunterstützung betrieben worden.

Vor dem Bau der Dreschhalle wurden Dreschmaschine und Lokomobil immer nacheinander zu den Bauernhöfen gefahren, wo gedroschen wurde. Die eigentliche Drescharbeit benötigte eine Vielzahl von Arbeitskräften und wurde daher stets in Gemeinschaftsarbeit und mit nachbarlicher Hilfe reihum von Hof zu Hof vorgenommen. Nur die Pferdebauernhöfe beschäftigten auch Knechte und Mägde. Der erste Traktor in Bermuthshain kam 1946/47 auf dem Hof von Karl Dillemuth ("Brennerjes") zum Einsatz. Es handelte sich um einen Eigenbau auf Basis eines ausgemusterten US-Militär-Jeeps. Die ersten "regulären" Traktoren kamen 1948 auf den Anwesen von Johannes Weitzel ("Hanse") und Otto Pfannstiel ("Pittjes") zum Einsatz. Innerhalb von nur wenigen Jahren verschwand dann die Kuh- und Pferdebespannung aus dem Ortsbild. Das letzte Arbeitspferd in Bermuthshain war noch bis 1968 bei der Familie Muth ("Grundhannerjes") im Einsatz.

 

Die Bermuthshainer Dreschmaschine von Karl Appel im Einsatz bei "Stockjes" um 1940.

 
Das Anbausystem war bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Dreifelderwirtschaft, bei der sich Sommergetreide, Wintergetreide und Brache jährlich abwechselten. Man kannte nur eine zweijährige landwirtschaftliche Nutzung ein und derselben Fläche. Im dritten Jahr "ruhte" sich der Boden aus, um wieder neue Nährstoffe zu sammeln. Vor dem Aufkommen künstlicher Düngung lieferte allein der Stallmist als natürlicher Dünger Nährstoff und Humus für den Boden. Der Misthaufen vor dem Haus galt als bäuerliches Statussymbol und abhängig von seiner Größe als Kennzeichen für den Wohlstand des Hofes. Ein großer Misthaufen signalisierte z. B. einem heiratswilligen Jungbauern, dass dieses Anwesen über einen entsprechend großen Viehbestand und damit auch Landbesitz verfügte und hier also "etwas zu holen" war. Erst in den 1950er Jahren gelang es der Bewegung "Unser Dorf soll schöner werden", Misthaufen vor dem Haus und Kuhfladen auf der Straße als Schandfleck im "modernen Dorf" umzuwerten.

Die Wochenarbeitszeit des Bermuthshainer Bauern vor 1945 dauerte in der Erntezeit bis zu 80 Stunden. Freizeit im heutigen Sinne war in einem Bauerndorf wie Bermuthshain etwas unbekanntes und ungewohntes. Trotzdem war Stress weitgehend ein Fremdwort. Entsprechend der bäuerlichen Wertevorstellungen wurde jeder im Dorf nach seiner Arbeitsleistung bewertet. Nur am Sonntag ruhte für gewöhnlich alle nicht notwendige Arbeit. Abwechslung brachten auch Feste wie die nach Ende der Erntezeit abgehaltene Herbstkirmes in das Dorf. Die meisten zwischenmenschlichen Kontakte und auch der "Dorfklatsch" ergaben sich zwanglos während der Arbeit wie z. B. dem Dreschen oder dem Backen im Dorfbackhaus.

Auf Veranlassung des Landwirtschaftlichen Vereins für Oberhessen wurde 1852/53 eine "Wiesenverbesserung" auf 6 Morgen (1,5 ha) Gemeindeland zur Vergrößerung der "Musterwiesen" durch künstlichen Hangbau und auf 20 Morgen (5 ha) gemeindeeigener Wüstung und Weide durch Urbarmachung mit verdeckten Gräben zu natürlichem Hangbau durchgeführt. Außerdem wurden 60-70 Morgen (rund 17 ha) der Gemeindeweide in Ackerland umgewandelt. Ausgeführt wurden diese Arbeiten wohl unter der Aufsicht des damaligen Bermuthshainer Wiesenkommissars Balthasar Oechler ("Schloarschmidts") Die Initiative hierzu kam von dem örtlichen Schullehrer Georg Leonhard Maurer, der zwischen 1844 und 1873 als überhaupt erster ausgebildeter Lehrer an der örtlichen Schule wirkte. Maurer publizierte damals regelmäßig in der Zeitschrift des landwirtschaftlichen Vereins über die Maßnahmen. 1853 beschrieb er hierin die "Nachtheile der Weidewirthschaft um den Wohnort Bermuthshain". Maurer kritisierte darin, dass sich in Bermuthshain alle Viehweiden um den Wohnort befänden, während die Ackerflächen auf den entfernteren Anhöhen lägen. Außerdem seien die ortsnahen Weideflächen vorwiegend im Besitz der wohlhabenden Ortsbürger. Maurer schlug daher die Umwandlung der großen Bermuthshainer Gemeindeweide am Rabenberg zu Ackerland vor, das dann unter allen Ortsbürgern als Pachtland zu je einem Morgen (0,25 ha) aufgeteilt werden sollte.

Zur durchgreifenden Verbesserung der Bodenverhältnisse im hohen Vogelsberg wurde dann 1895 die Kommission für die Melioration der Gemeindeviehweiden im oberen Vogelsberg (Hutweidenkommission) durch den erwähnten landwirtschaftlichen Provinzialverein Oberhessen gegründet. Die Hutweidenkommission bestand bis 1935 und war ein Vorläufer des 1951 gegründeten Bodenverbandes. 1900-1902 und 1906 ließ diese Kommission in der Gemarkung Bermuthshain eine Melioration der Hutweiden am Rabenberg durchführen. Diese Meliorationsarbeiten wurden noch bis in die 1930er Jahre fortgesetzt. Zu diesen Arbeiten gehörte auch die 1928 erfolgte Einzäunung der Jungviehweide. Am 2.4.1908 wurde der Bermuthshainer Bürgermeister Friedrich Jost zu einem Mitglied der erwähnten Hutweidenkommission ernannt. Es geht zweifellos auf seinen Einfluss zurück, dass im Jahr 1909 in der Gemarkung Bermuthshain als erster Gemeinde im Kreis Lauterbach neben Volkartshain mit einer Flurbereinigung begonnen wurde. Bis dahin waren die Gemarkung und der Besitz der Bermuthshainer Landwirte in viele kleine und kleinste Parzellen zersplittert. Für die meisten Äcker und Wiesen fehlten Zufahrtswege und es musste nacheinander abgeerntet werden, um ein Überfahren von Nachbargrundstücken zu vermeiden, sowie in einem Gemarkungsteil alle Eigentümer die gleichen Feldfrüchte anbauen. Dies bezeichnete man als den "Flurzwang". Die Aufnahme und Bonitierung der Grundstücke in der Gemarkung Bermuthshain begann 1910 und am 1.7.1914 konnte schließlich, nur einen Monat vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, die Zuteilung der neuen Grundstücke erfolgen. Kriegsbedingt konnten Kataster und Ortsgrundbuch erst 1921 bzw. 1923 fertiggestellt werden. 1928 war die Flurbereinigung dann formal abgeschlossen. In den Nachbargemeinden Grebenhain und Crainfeld begann man dagegen erst 1923 bzw. 1925 mit Flurbereinigungen, in vielen anderen Vogelsberggemeinden sogar erst in den 1950er Jahren. Da diese erste Flurneuordnung noch eher auf eine traditionelle Form der Landwirtschaft zugeschnitten war, ordnete das Kulturamt Lauterbach schließlich im Jahr 1967 eine erneute Flurbereinigung an, mit der trotz des Widerstandes vieler ortsansässiger Landwirte im Frühjahr 1968 begonnen werden sollte. Sie unterblieb dann aber aus finanziellen Gründen zunächst, um dann in den Jahren 1978 bis 1996 doch noch durchgeführt zu werden.

Im Jahr 1904 arbeitete das großherzoglich hessische Innenministerium den so genannten Generalkulturplan für den oberen Vogelsberg aus, der die Verhältnisse der Landwirtschaft und damit die wirtschaftlichen Verhältnisse im Vogelsberg überhaupt verbessern sollte. Es sollten Viehweiden mit geringer Qualität aufgeforstet werden, Wege und Schutzwaldungen angelegt sowie Be- und Entwässerungsanlagen angelegt werden. Insbesondere wegen der vielen vorgesehenen Aufforstungen und der geplanten Enteignungen von bäuerlichem Besitz stieß der Generalkulturplan auf so großen Widerstand, dass die Planungen 1907 ergebnislos abgebrochen wurden. Einer der Wortführer des Protests war auch der Bermuthshainer Bürgermeister Friedrich Jost.

 

Die alte Raiffeisenhalle an der Einmündung Bergweg/Ober-Mooser Straße unterhalb von "Liesbets". Davor steht Emma Oechler ("Stoffels"). Das Gebäude wurde nach dem Bau einer neuen Lagerhalle am Marktplatz im Jahr 1967 aufgegeben und abgerissen. Heute befinden sich dort Garagen.
 

Die Spar- und Darlehenskasse Bermuthshain

Um der verbreiteten Armut und dem Kapitalmangel der Landwirte einerseits und dem "Wucher" andererseits abzuhelfen, wurden im hohen Vogelsberg seit etwa 1880 zunehmend genossenschaftliche Kreditbanken und landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsgenossenschaften gegründet. Während die Spar- und Darlehenskassenvereine die Landwirte mit verlässlichen Krediten und Darlehen versorgen sollten, hatten die landwirtschaftlichen Konsumvereine dem gemeinschaftlichen Bezug von Grundstoffen (Dünger, Saatgut, Futter, usw.) und dem Absatz der landwirtschaftlichen Produkte zu dienen. Trotz der Existenz der Spar- und Darlehenskassen und Absatzgenossenschaften bevorzugten im übrigen nicht wenige Bauern bis in die 1930er Jahre weiterhin die jüdischen Geldverleiher und Viehhändler wegen ihrer größeren Flexibilität und vor allem Diskretion.

Als eine der ersten Genossenschaften im hohen Vogelsberg entstand am 16.1.1881 der Darlehenskassenverein Ilbeshausen. Es folgte am 8.4.1881 der Darlehenskassenverein Crainfeld-Bermuthshain. Die Initiative hierzu ging von Heinrich Schmalbach IV., Landtagsabgeordneter und Bürgermeister von Crainfeld, und Sebastian Schmidt, Bürgermeister von Bermuthshain, aus. 1890 wurde der Verein in eine Aktiengesellschaft („Vorschusskasse Crainfeld-Bermuthshain) umgewandelt. Die Gründer der Aktiengesellschaft, von denen jeder 40 Aktien übernahm, waren je 17 und 23 Landwirte und Handwerker aus Bermuthshain und Crainfeld. Bereits 30.10.1885 entstand der „Consumverein für Grebenhain und Umgegend“. Der Verein wurde aber schon 1889 als Folge des Genossenschaftsgesetzes wieder aufgelöst. Die am 12.3.1908 in Nieder-Moos gegründete "Landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsgenossenschaft zu Grebenhain" (heute Raiffeisen-Warengenossenschaft Grebenhain) ist sein ideeller Nachfolger.

Am 17.2.1889 wurde der „Landwirtschaftliche Consumverein Bermuthshain, eingetragene Genossenschaft“ gegründet. Dieser wurde seinerseits 1907 von der „Vogelsberger Ein- und Verkaufsgenossenschaft Bermuthshain“ abgelöst. Zu ihr gehörten 1910 insgesamt 151 Landwirte aus Bermuthshain, Ilbeshausen, Ober-Moos und Gunzenau. Hauptzweck war "die möglichst billige Beschaffung von Bedürfnissen der Haus- und Landwirtschaft und der Verkauf von Producten aus dem landwirtschaftlichen Betrieb auf gemeinschaftliche Rechnung und Gefahr". Die Genossenschaft hatte 1910 einen Umsatz von 21.600 Mark und einen Reingewinn von 762 Mark. Im Jahr 1909 wurde an der Einmündung des heutigen Bergwegs in die Ober-Mooser Straße ein Lagerhaus in Holzkonstruktion erbaut. Die Belieferung erfolgte über die wenige Jahre zuvor vollendete Vogelsbergbahn mit Fuhrwerkstransporten zwischen Bahnhof und Lagerhaus.

Infolge der Inflation 1923 wurden sowohl die Vorschusskasse Crainfeld-Bermuthshain als auch die Vogelsberger Ein- und Verkaufsgenossenschaft Bermuthshain zahlungsunfähig. Noch im gleichen Jahr begann ein Neubeginn, allerdings ohne die jahrzehntelange Zusammenarbeit von Bermuthshainern und Crainfeldern im Geldgeschäft. Am 4.1.1926 wurde in Crainfeld eine eigene Spar- und Darlehenskasse gegründet, Kern der heutigen Volksbank Grebenhain-Crainfeld eG, während die Landwirte dieses Dorfes ihren Ein- und Verkauf bei der benachbarten Landwirtschaftlichen Ein- und Verkaufsgenossenschaft Grebenhain tätigten. In Bermuthshain entschloss man sich dagegen wieder zur Gründung einer eigenständigen Genossenschaft, die sowohl Kreditgeschäft als auch Warenhandel anbot. Ein weiteres Geschäftsfeld war der Betrieb genossenschaftseigener Landmaschinen. Vorwiegend Erntemaschinen, Dreschmaschinen und später Mähdrescher wurden nun den Bermuthshainer Landwirten zur Verfügung gestellt.

Der Spar- und Darlehenskassenverein Bermuthshain G.m.b.H. wurde 6.10.1923 gegründet. Die "Sparda", wie die Spar- und Darlehenskasse Bermuthshain allgemein nur genannt wurde, kaufte 1928 das Lagerhaus der alten Ein- und Verkaufsgenossenschaft für 900 RM von der Raiffeisen-Hauptgenossenschaft Frankfurt am Main. Schon 1930 galt die "Sparda" Bermuthshain als einer der am besten geführten Spar- und Darlehenskassen im Kreis Lauterbach. Die Bilanzsumme betrug in diesem Jahr nahezu 46.200 RM und der Reingewinn 214 RM. Der Umsatz hatte seit 1927 um über 60.000 RM zugenommen. Geleitet wurde die "Sparda" in den Vorkriegsjahren von Wilhelm Jöckel I. ("Lufte").

Am 1.10.1932 nahm die Genossenschaft offiziell den Geldverkehr auf. Die sogenannte Kleinverkaufsstelle für den Warenhandel befand sich zunächst im Haus von Heinrich Rausch ("Doktersch"). 1937 wechselte sie dann in die Hofreite "Götzekannjes" und wurde zunächst mit Maria Laufer Witwe geb. Eschenröder als Verkaufsleiterin besetzt. Es folgte das Ehepaar Georg und Margarethe Jäger (im Volksmund "Raiffeise-Schorsch" und "Raiffeise-Gretje") aus Landenhausen. 1962 wurde der "Sparda"-Laden in das Erdgeschoß der früheren Molkerei Greßmann verlegt. Hierfür wurden die früheren Betriebsräume der Molkerei zu einem Laden mit Schaufenster und Lagerraum umgebaut. Geleitet wurde der Laden von Irma Herting, und zwar über den Übergang zur Raiffeisen-Warengenossenschaft Grebenhain hinaus, bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand aus gesundheitlichen Gründen im September 1977. Letzte Verkäuferin in der Kleinverkaufsstelle war Marina Wittmann. Am 13.7.1979 wurde der Laden geschlossen, da der Betrieb mittlerweile nicht mehr kostengünstig genug gestaltet werden konnte. Die Ladenräume blieben noch bis 1985 ungenutzt in der Verantwortung der Genossenschaft, dann wurden die Einrichtung wie die Kühlaggregate und auch das große Schaufenster entfernt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Wilhelm Hornung ("Gutermuths") die Geschäftsführung. Im Jahr 1947 ließ die "Sparda" zwischen dem Marktplatz und der Lichenröther Straße eine neue Halle bauen. Die Dreschhalle wurde übrigens genau wie die heutige "Festhalle" in unmittelbarer Nachbarschaft während der Marktkirmes als stationäres Festzelt zweckentfremdet. Die Halle wurde im Januar 1980 an die benachbarte Firma Möbel Komp verkauft.

Im Januar 1964 verstarb Geschäftsführer Wilhelm Hornung plötzlich. Heinrich Löffler ("Heils") wurde im März 1964 zu seinem Nachfolger gewählt und leitete die "Sparda" Bermuthshain anschließend bis zu ihrem Ende 1970. Das alte Warenlagerhaus im Ort unterhalb von "Lisbeths" erwies sich in den 1960er Jahren zunehmend als zu klein und konnte außerdem nur schwer von größeren Lastzügen angefahren werden. 1964 wurde erstmals über einen Neubau am Marktplatz beraten. Die neue Lagerhalle wurde dann als Massivbau nach damals modernen Gesichtspunkten im Verlauf des Jahres 1967 gebaut und in Betrieb genommen. Ihren Zweck erfüllte sie fast drei Jahrzehnte. Noch 1988 konnte ein Jahresumsatz von 21.000 DM im nunmehr zur Raiffeisen-Warengenossenschaft Grebenhain gehörenden "Außenlager" Bermuthshain vermeldet werden. Doch der Rückgang der Landwirtschaft im Ort ließ das Lagerhaus zunehmend unrentabel werden. 1995 erfolgte die Schließung. Letzter Lagerverwalter war Klaus-Heiko Weitzel ("Hanse").

 

Letzter Stempel der "Sparda" Bermuthshain Ende der 1960er Jahre.

  

Am 31.12.1964 gehörten der Spar- und Darlehenskasse Bermuthshain 83 Mitglieder bzw. Anteilsinhaber an. Nahezu jeder örtliche Landwirt hatte Anteile an der "Sparda" erworben. 1968 wurde ein Gesamtumsatz von 3,7 Millionen DM erzielt. Noch im letzten Jahr 1969 betrug der Reingwinn 2.295 DM. Letzter Vorsitzender des Aufsichtsrates war Emil Wies ("Annekinne"), letzter Schriftführer Helmut Hornung ("Gutermuths"). Die gute wirtschaftliche Entwicklung konnte die "Sparda" aber nicht vor dem auch auf dem Gebiet der Raiffeisen-Genossenschaften Ende der 1960er Jahre ausbrechenden Drang nach größeren und "effizienteren" Einheiten bewahren.

Allein im Jahr 1969 wurden im gesamten Bundesland Hessen 619 Genossenschaften miteinander verschmolzen. Die weitere Selbstständigkeit von Genossenschaften mit einer Bilanzsumme von weniger als 500.000 DM und einem nebenamtlichen Geschäftsführer wurde durch das Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen untersagt. Für die "Sparda" Bermuthshain war die Einstellung eines hauptamtlichen Geschäftsführers aber nicht rentabel, so dass die Genossenschaft zur Fusion mit benachbarten Kassen gezwungen war. Nicht ganz ohne Widerstand stimmten die Mitglieder der "Sparda" Bermuthshain am 28.11.1969 mit 29 gegen 8 Stimmen bei 4 Enthaltungen und 2 ungültigen Stimmen für eine Verschmelzung mit der Landwirtschaftlichen Ein- und Verkaufsgenossenschaft Grebenhain sowie der Spar- und Darlehenskasse Crainfeld als "übernehmender Genossenschaft". Die Fusion trat am 31.5.1970 in Kraft.

Faktisch wurde die Spar- und Darlehenskasse Bermuthshain zerschlagen. Das Warengeschäft mit Lagerhaus und Kleinverkaufsstelle ging an die Landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsgenossenschaft Grebenhain. Das Geldgeschäft wurde durch die Spar- und Darlehnskasse Crainfeld weitergeführt, welche sich im März 1972 in "Volksbank Crainfeld" umbenannte und heute "Volksbank Grebenhain-Crainfeld" (ab 2005 nur noch "Volksbank Grebenhain") heißt. Bis zum Jahresende 1974 wurde auch noch eine Zweigstelle der Bank in Bermuthshain unterhalten und dann eine bis zum heutigen Tag betriebene "fahrbare Zweigstelle" eingeführt. Die gemeinschaftliche Nutzung landwirtschaftlicher Maschinen wurde von der 2002 aufgelösten Maschinengemeinschaft übernommen.

 

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