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Wirtschaft und Gewerbe im alten Bermuthshain |
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Eine der wenigen Fotografien des Oberdörfer Backhauses, das an der Kreuzung Hauptstraße-Bergweg neben der Hofreite "Wernnerts" stand. Das Bild wurde im Februar 1968 aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Backhaus bereits nur noch als Bushaltestelle genutzt. Im Jahr 1978 wurde das Gebäude wegen des Ausbaus der Ortsdurchfahrt abgerissen. |
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Bäckerhandwerk und Dorfbackhäuser Das Brotbacken war in einem Dorf wie Bermuthshain Teil der bäuerlichen Selbstversorgung. Im Mittelalter besaß jeder Bauernhof seinen eigenen Backofen. Erst seit dem 16. Jahrhundert ordneten die Landesherren aus Gründen der Holzersparnis und der Feuersicherheit den Bau von Gemeindebacköfen an. Damit war das "Backhaus" geboren. In Bermuthshain gab es 1818 sogar fünf solcher kleinen gemeindlichen Backhäuser. Eines davon stand im Unterdorf an einem Wassergraben an der Ober-Mooser Straße, der von der "Weed" beim Schulhaus durchs Dorf bis in den Mühlgraben floss, gegenüber vom Leiterhaus, das ebenfalls der Gemeinde gehörte. Ein weiteres stand im Oberdorf neben der Hofreite "Wernnerts" an der späteren Hauptstraße. Ein drittes Backhaus stand ebenfalls im Oberdorf neben dem Gemeinde-Armenhaus (später "Ortstadts"). Von den zwei anderen Backhäusern sind die Standorte bisher nicht bekannt. Die drei letztgenannten Backhäuser wurden alle schon vor 1860 abgebrochen, so dass schließlich noch zwei Backhäuser für das Oberdorf und das Unterdorf bestanden. Beide durften von allen Ortsbürgern und deren Familien für nichtgewerbliches Backen zum Eigenbedarf benutzt werden. Es bestand (und besteht) eine besondere Backordnung, um Streitigkeiten wegen Dauer und Zeit des Backens zu vermeiden. In dieser war ebenfalls geregelt, dass jeweils ein bestimmter Ortsbürger für die Unterhaltung des Backhauses verantwortlich war. An jedem Samstag hatten sich die Backwilligen für die nächste Woche auf einer im Haus dieses Ortsbürgers aufgehängten Tafel namentlich einzutragen. Das Anheizen des über den Sonntag erkalteten Backofens durch den „Anbäcker“, derjenigen Familie, die am Montag als erste backte, wurde in einer bestimmten Reihenfolge abwechselnd von allen dörflichen Familien erledigt. Die Reihenfolge der übrigen Bäcker wurde nach dem Losverfahren über das so genannte „Backspielen“ ermittelt. Dieses fand für das Oberdörfer Backhaus im "Schmedebaste" Haus und für das Unterdörfer Backhaus im Gasthaus "Zum goldnen Stern" statt. Im Vorfeld von Feiertagen wurden die Backhäuser auch zum Backen von Kuchen benutzt. Die Gesamtbackzeit betrug etwa eineinhalb Stunden. Das Unterdörfer Backhaus, von dem bisher keine historischen Aufnahmen vorliegen, war ein kleiner Fachwerkbau mit einem aus Bruchsteinen gemauerten Teil für den Backofen. Im Jahr 1953 wurde es abgerissen und als größerer und weitaus nüchternerer Massivbau aus Hohlblocksteinen wiederaufgebaut. Im Rahmen der Dorferneuerung wurde das Backhaus 2004 umgebaut und im folgenden Jahr aus dem Gemeindebesitz an die 2002 gegründete Backgemeinschaft "Vulkanbäcker" Bermuthshain übergeben. Das Gebäude wird noch häufig durch die örtlichen Selbstbäcker benutzt und ist zweimal im Jahr auch Schauplatz eines Backhausfestes. Das Oberdörfer Backhaus, ein Ziegelsteinbau, wurde schon seit den 1960er Jahren nicht mehr als solches benutzt und 1978 abgerissen. Trotz der Dorfbackhäuser gab es in Bermuthshain aber auch gewerbliche Bäcker, da die bäuerlichen Familien in manchen Fällen wie z. B. während der Ernte zu sehr mit anderer Arbeit überlastet waren oder z. B. im Vorfeld von Hochzeiten noch zusätzliche Backwaren benötigten. In diesen Fällen ließen sie im Lohn backen. Die beiden bedeutendsten Bäckereien in Bermuthshain befanden sich im Besitz der Familien Oechler ("Säuherts" und "Kannhennersch"). Die Bäckerei im "Säuherts" Haus wurde um 1852 durch den Ortsbürger Andreas Oechler V. gegründet. Dieser verfügte über einen an die Küche angebauten Backofen. Die Bäckerei war relativ klein und wurde nach dem Tod des Sohnes Heinrich Oechler II: 1907 wieder aufgegeben. Es ist überliefert, das Heinrich Oechler II. die Backwaren zu Fuß mit einem Korb auf dem Rücken bis hinauf ins "Obergericht" nach Burkhards auslieferte. Der Bruder des Andreas Oechler V., Johannes Oechler V., gründete um 1845 die andere Bäckerei. Er baute zunächst ein Backhaus neben seinem Anwesen, dem späteren "Stocke" Haus. 1874 kaufte er das größere "Kannhennersch" Haus und errichtete auch hier wieder ein Backhaus, das im Garten des Anwesens stand. Ab 1907 brachte sein Enkel Johannes Oechler IX. die Backwaren mit einem Fuhrwerk zu den Kunden im südlichen Kreis Lauterbach, u. a. auch nach Salz, wo er seine spätere Ehefrau Maria Berting kennenlernte. 1924 richtete Johannes Oechler IX. dann den ersten und einzigen Bäckerladen in Bermuthshain in seinem Haus "Kannhennersch" ein. Leider wurde die Bäckerei bereits 1936 aufgegeben, da der Sohn Emil Oechler I. wegen einer Mehlallergie nicht den Bäckerberuf ausüben konnte. Im Jahr 1948 richtete dann der Heimatvertriebene Rudolf Zosel in seinem neuerbauten Wohnhaus am Ortsausgang nach Lichenroth eine Feinbäckerei ein, die aber nur kurze Zeit bestand. |
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| Eine der wenigen Aufnahmen des alten Unterdörfer Backhauses in der Ober-Mooser Straße vor dem Abbruch und Neubau 1953. Das Foto (im Vordergrund auf dem Schlitten Christel Hornung und ein weiteres Mädchen) entstand während des Zweiten Weltkrieges. | ||
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Metzgerhandwerk und Hausmetzger Das Schlachten zählte wie das Brotbacken zur bäuerlichen Selbstversorgung. Üblicherweise fanden im Spätherbst und am Winteranfang Ende Oktober bzw. im November Hausschlachtungen bei den einzelnen Hofreiten statt, die meistens mit einem Schlachtfest verbunden waren. Diese Hausschlachtungen wurden von den Bauernfamilien nicht selbst durchgeführt, sondern man bediente sich der Hilfe eines im Lohn schlachtenden Hausmetzgers. Hausmetzger wurden amtlich als "Metzger, der nicht ständig schlachtet" bezeichnet. Sie betrieben meist noch einen Viehhandel oder eine Gastwirtschaft. Der erste ständige Metzger in Bermuthshain war der Ortsbürger Balthasar Hornung ("Dammburjersch"), der im Jahr 1870 das Gasthaus "Zur Krone" gründete, zu welchem von Beginn an auch eine Metzgerei gehörte. Der Enkel Heinrich Jakob Hornung II. heiratete 1906 nach "Franze" und arbeitete nur noch als gewöhnlicher Hausmetzger bis 1926. Die erste "professionelle" Metzgerei in Bermuthshain mit einem modernen Schlachthaus wurde 1927 von dem aus Völzberg stammenden Heinrich Imhof gegründet, dessen Ehefrau aus Bermuthshain stammte. Im Jahr 1927 erbaute er in der Bahnhofstraße ein Wohnhaus mit separatem Schlachthaus. Die Metzgerei Imhof setzte von Beginn an einen Großteil ihrer Erzeugnisse in Frankfurt am Main ab. Anfangs fuhr Maria Imhof geb. Kaiser, die Ehefrau von Heinrich Imhof, mit mehreren anderen Metzgern aus Crainfeld und Grebenhain nach Frankfurt und setzte Fleisch- und Wurstwaren über einen Marktstand in der 1944 zerstörten Altstadt am Dom ab. Nach dem Krieg hatte Heinrich Imhof einen Verkaufsstand in der Galerie in der dortigen Kleinmarkthalle hatten. Im gleichen Gebäudekomplex betrieb dann sein Sohn Wilhelm Imhof einen Doppelstand im Erdgeschoß. Der Betrieb, zu dem auch ein Metzgerladen in Bermuthshain gehörte, bestand fast bis zum Tod von Wilhelm Imhof im Jahr 1989. Die zweite neuzeitliche Metzgerei in Bermuthshain wurde 1935 durch Theodor Hornung II. ("Dammburjersch") gegründet, den Urenkel des ersten Metzgers Balthasar Hornung, dessen erste Ehefrau aus der Grebenhainer Metzgerfamilie Lind stammte. Die Metzgerei sollte ursprünglich die hauseigene Gastwirtschaft und Pension "Zur Krone" beleben, doch nach deren Aufgabe wurde ein reiner Schlachtbetrieb daraus. Die Räumlichkeiten bestanden zunächst aus einem Schlachtraum und einer Wurstküche im hinteren Teil des großen Gasthauses. 1960 wurde durch den Sohn Herbert Hornung dann ein neues Schlachthaus im benachbarten Hof von "Götzekannjes" erbaut. Aufgrund einer Erweiterung der Betriebsgebäude 1999/2000 musste dann das alte "Götzekannjes" Haus abgerissen werden. Heute wird die Metzgerei Hornung als einer der wenigen noch verbliebenen ortsansässigen Gewerbebetriebe in dritter Generation von Axel Hornung geführt. |
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Schlachthaus der Metzgerei Hornung Ende der 1960er Jahre. |
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Die Bermuthshainer Molkerei Ursprünglich wurde im hohen Vogelsberg die gesamte auf den Bauernhöfen anfallende Milch zu Butter verarbeitet und von Butterhändlern zum Verkauf bis nach Frankfurt am Main gebracht. Erst um die Jahrhundertwende wurden in der Region Molkereien gegründet, als die Vorraussetzungen durch den Bahnanschluss und die Erfindung der Milchzentrifuge und der Pasteurisierung gegeben waren. Um 1930 gab es im Kreis Lauterbach insgesamt sechs Molkereien, nämlich in Lauterbach, Herbstein, Engelrod, Nieder-Moos, Ilbeshausen und eben auch in Bermuthshain. Diese Bermuthshainer Molkerei, die Privatmolkerei Greßmann, besitzt eine eigentümliche Entstehungsgeschichte. Gründer der Molkerei war der in Wittenburg in Mecklenburg geborene Albert Greßmann. 1898 gründete er zusammen mit einem Teilhaber namens Otto Schulz in Ilbeshausen die Dampfmolkerei Schulz & Greßmann, die ausschließlich Käse mit den Markennamen „Vogelsberger Appetitkäse“ und „Deutscher Weichkäse“ sowie Butter produzierte. Im Jahr 1901 verlegte jedoch der Lauterbacher Käsefabrikant Carl Stöpler seinen Molkereibetrieb von Ulrichstein in das eben erst durch die Bahnlinie erschlossene Ilbeshausen und lieferte der im Vorjahr durch einen Brand geschädigten Dampfmolkerei Schulz & Greßmann einen Konkurrenzkampf, dem diese nicht gewachsen war und im Herbst 1901 schließen musste. Außerdem kam es zu einem Zerwürfnis zwischen den Teilhabern Schulz und Greßmann. Im Dezember 1903 wagte dann Otto Schulz in Ilbeshausen einen Neuanfang mit einer eigenen Molkerei, die dann 1911 von seinem bisherigen Gehilfen Georg Heinrich Bloß erworben wurde und als Molkerei Bloß noch bis 1965 bestand. Albert Greßmann dagegen begann völlig neu mit einer Handmolkerei in Bermuthshain, wohin er 1903 übersiedelte und zunächst im "Doktersch" Haus lebte und arbeitete. Bereits 1905 aber errichtete er ein eigenes zweistöckiges Wohnhaus mit Molkerei, sowie einem kleinen einstöckigen Stall im Ortszentrum in der Ober-Mooser Straße. An dieser der Stelle befand sich zuvor das Leiterhaus der Feuerwehr, welches nun zum Gemeindehaus im Oberdorf umgesetzt wurde. Der Neubau war im übrigen baulich fast identisch mit dem vorherigen Molkereigebäude in Ilbeshausen. Die Betriebsräume der Molkerei nahmen das Erdgeschoss, die Wohnräume das Obergeschoss des Gebäudes ein. Ab 1912 gehörte auch eine Spezereihandlung zur Molkerei, die deren Ende noch bis 1979 überlebte und seit 1962 als Ladengeschäft durch die örtliche Spar- und Darlehensgenossenschaft betrieben worden war. Albert Greßmann verfügte ausschließlich über eine handbetriebene Milchzentrifuge und stellte wie schon in Ilbeshausen hauptsächlich Käse ("Handkäs") her. Zum Einzugsgebiet gehörten neben Bermuthshain auch die Nachbargemeinden Hartmannshain und Herchenhain im Kreis Schotten. 1935 übernahm Sohn Wilhelm Greßmann die Molkerei, wurde jedoch aufgrund neuer gesetzlicher Bestimmungen gezwungen, den Betrieb 1937 stillzulegen. Aufgrund der durch das NS-Regime eingeführten Zwangswirtschaft mussten die Bermuthshainer Bauern ihre Milch fortan an die Molkerei in Nieder-Moos abliefern, die 1965 mit der Genossenschaft "Zentra" fusionierte. 1971 kündigten die Bermuthshainer Landwirte nach Aufhebung der in der NS-Zeit eingeführten Gebietskartelle einvernehmlich ihre Mitgliedschaft bei der Molkerei Nieder-Moos und lieferten fortan ihre Milch an die 1987 stillgelegte Genossenschaftsmolkerei Lichenroth, deren Rechtsnachfolger nach mehreren Fusionen infolge eines Konzentrationsprozesses der Molkereikonzern "Hochwald" mit einer Großmolkerei in Hungen ist. Das ehemalige Betriebsgebäude der Molkerei Greßmann in Bermuthshain blieb als Wohnhaus, wenn auch äußerlich verändert, bis heute erhalten. Das Schmiedehandwerk Der Schmied war ein sehr wichtiger Handwerker innerhalb des dörflichen Gefüges, denn nur er war in der Lage, die in der Landwirtschaft benötigten Arbeitsgeräte herzustellen und die Zugtiere mit Hufeisen zu beschlagen. Bereits im Crainfelder Kirchenbuch wird um 1680 ein Schmied namens Heinrich Rasch in Bermuthshain genannt. Der alte Hausname "Schloarschmidts" der jetzigen Kulturscheune "Zum Wilden Mann" erinnert noch heute an eine drei Generationen zwischen 1775 und 1853 bestehende Schlagschmiede in dem Anwesen. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es stets mehrere Dorfschmiede in Bermuthshain. Die traditionsreichen Schmiedefamilien in Bermuthshain waren die Familien Heutzenröder-Müller ("Schmidts" und "Kannjerche"). Zur Hofreite "Schmidts" gehörte schon 1818 die für den Hausnamen ausschlaggebende Grob- und Hufschmiede.1884 heiratete die älteste Tochter des Schmidts Valentin Müller II. ("Schmidts"), Margaretha Müller den aus dem zweiten traditionellen Schmiedebetrieb ("Kannjerche") stammenden Heinrich Jakob Heutzenröder und sorgte so für das Fortbestehen des Betriebes. Heinrich Jakob Heutzenröder betrieb die Schmiede noch bis 1923.
Im Jahr 1834 heiratete der Schmied Johannes Kimpel aus Ober-Moos im "Kannjerche" Haus in Bermuthshain ein und fügte bereits 1835 einen Schmiedebau dem Anwesen hinzu. 1846 schloss die Witwe Gertraud Kimpel geb. Müller eine zweite Ehe mit dem aus Hohenzell bei Schlüchtern stammenden Melchior Mühlhäuser. 1858 übernahm der Schwiegersohn Ludwig Heutzenröder aus "Nienammels" die Schmiede. Dessen Sohn Heinrich Heutzenröder I. war der Bruder des Heinrich Jakob Heutzenröder im "Schmidts" Haus und wurde von den Bermuthshainern später der "Kannjerche ahl Schmied" genannt. Ab 1911 kam eine Maschinenhandlung zur Schmiede hinzu. Im selben Jahr heiratete Heinrich Müller in dem Haus ein, der aus einem schon seit 1864 bestehenden örtlichen Schmiedebetrieb ("Schreiersch") stammte, der wiederum mit "Schmidts" verwandt war. Die Schmiederei und Maschinenhandlung Heinrich Müller bestand bis 1955.
Die letzte Schmiedewerkstatt in Bermuthshain wurde 1926 von Wilhelm Kaufmann ("Kaufmanns"), einem gebürtigen Lichenröther, gegründet und existierte noch bis in die 1970er Jahre hinein. Ihre Entstehung verdankte sie übrigens den Streitigkeiten um die Bürgermeisterwahl 1925. Der bis dahin einzige Schmied in Bermuthshain, Heinrich Müller ("Kannjerche"), hatte während des Wahlkampfes den Kandidaten Otto Ernst August Pfannstiel unterstützt. Die Anhänger des unterlegenen Amtsinhabers Friedrich Jost beschlossen daraufhin, nicht mehr länger dort Kunde zu sein und boykottierten die Schmiede von Heinrich Müller. In Bermuthshain bestand seit 1927 auch eine Messerschmiede mit Ofen-, Herde- und Fahrradhandlung, die dem Ortsbürger Jakob Andreas Volz ("Hoase") gehörte. |
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Die Holzdreherwerkstatt der Firma "Ski Luft" im Jahr 1941. An der Werkbank sitzt Friedrich Luft. |
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Das Wagnerhandwerk Das Handwerk des Wagners, in manchen Regionen auch „Stellmacher“ oder „Radmacher“ genannt, wird nicht zu den „alten“ ländlichen Handwerksberufen gerechnet. Vielmehr hat sich das Wagnerhandwerk als eigenständiger Hauptberuf im Dorf erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkt herausgebildet. Die Gründe lagen im vergrößerten Bedarf an Geräten, sowie der zunehmende Arbeitsüberlastung groß- und mittelbäuerlicher Betriebe durch die Intensivierung der Landwirtschaft. Ursprünglich nahmen die Bauern im ansonsten nicht arbeitsreichen Winter diese Arbeiten selbst vor, mit Ausnahme der zu komplizierten Herstellung von Rädern. Der erste bekannte Wagner in Bermuthshain war der 1864 gestorbene Johann Balthasar Schäfer ("Schefersch"). Der eigentliche „Aufschwung“ des Wagnerhandwerks in Bermuthshain erfolgte erst seit den 1860er Jahren. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in dem Dorf drei Wagnereien, nämlich in den Häusern "Wernnerts", "Wänersch" und "Weidels". Das "Wänersch" Haus hat seinen Hausnamen von dem Wagner Heinrich Luft II., der seit 1883 als Wagner beruflich tätig war und das Haus 1885 kaufte. Ursprünglich sollte sein Sohn Karl Luft das Gewerbe übernehmen, konnte dies aber aufgrund einer Kriegsverletzung nicht tun und wandte sich daher der Herstellung von Holzspielzeug zu. Im "Wernnerts" Haus übte der Besitzer Johannes Eschenröder zwischen 1904 und 1944 den Wagnersberuf aus. Die größte und älteste Wagnerei in Bermuthshain ging schließlich auf den aus der heute verschwundenen Heckenmühle zwischen Crainfeld und Bannerod stammenden Wagner Johannes Klein zurück. 1855 zog er mit seiner Familie nach Bermuthshain, wo er das nach ihm benannte "Heckemellersch" Haus an der Hauptstraße kaufte. Sein Sohn Johannes Klein II. heiratete 1884 im Haus des bereits verstorbenen Schuhmachers Georg Schmidt in der "Vorderen Eck" ein, das bis heute den Hausnamen "Weidels" trägt. Er folgte dem Beruf des Vaters und war seit 1893 Wagner mit Gehilfen. Das Wohnhaus der "Weidels" Hofreite erhielt eine große Wagnerwerkstatt, die zwei Stockwerke und fast die Hälfte des Gebäudes in Anspruch nahm. Neben Wagenrädern wurden auch Holzschuhe hergestellt. Ab 1935 übernahm Sohn und Wagnermeister Johannes Klein III. den Betrieb, der noch bis 1953 bestand. Zu diesem Zeitpunkt machte sich der Niedergang des Wagnerhandwerks aufgrund der Einführung gummibereifter Ackerwagen bereits deutlich bemerkbar. |
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Anzeige der Schreinerei Blum aus dem Jahr 1952. |
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Schreiner und Holzdreher Die handwerkliche Holzverarbeitung entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum wichtigsten Heimgewerbe in Bermuthshain. Um 1900 gab es in dem Dorf nicht weniger als fünf Schreinereien und drei Wagnereien, dazu noch mehrere nebenberuflich tätige Holzdreher, Rechenmacher und Schindler. Diese Gewerbe entwickelten sich als Ersatz für die eingegangene Hausweberei. Dem heimgewerblichen Charakter entsprechend, waren die meisten Bermuthshainer Schreiner und Holzdreher die einzige Arbeitskraft in ihren Betrieben und arbeiteten zumeist im Winter, in dem die landwirtschaftliche Arbeit ohnehin ruhte. Da bei dieser Form der Gewerbeausübung noch nicht einmal ein eigener Raum für die Arbeit notwendig war, traten diese Gewerbe baulich nicht bei den Hofreiten hervor. Umgekehrt lässt die Erwähnung solcher Werkstätten auf das Hinauswachsen des Betriebsinhabers aus heimgewerblichen Strukturen schließen. Der Absatz der Produkte erfolgte entweder über Zwischenhändler oder, wie auch bei anderen Gewerben (z. B. Butterhändler), zu Fuß mit den in einem "Kiez" (Korb) auf dem Rücken getragenen Erzeugnissen. Dass diese Verkaufsreisen bei Wind und Wetter in früheren Zeiten manchmal nicht ganz ungefährlich waren, zeigt das Schicksal des 44jährigen Drehers Andreas Oechler aus dem Bermuthshainer "Weidels" Haus, der im Jahr 1854 bei Bingenheim in der Hochwasser führenden Horloff ertrank, wohl beim Transport seiner Erzeugnisse wie z. B. Spinnräder nach Frankfurt am Main. Die Holzdreher gehörten zur Schicht der Kuhbauern und waren meist nicht wohlhabend. Häufig spezialisierten sie sich teilweise auf bestimmte Erzeugnisse. So fertigte der Bermuthshainer Holzdreher Friedrich Gutermuth ("Gutermuths") noch bis 1931 kunstvoll bemalte Brautrechen an, die zur Aussteuer bei Hochzeiten gesucht waren. Der spätere Schneeschuhmacher Friedrich Jost begann mit der Fertigung von Brautspinnrädern, die er anfänglich noch zu Fuß zum Verkauf bei den Wächtersbacher Messen trug. Auch die Schreiner fertigten Möbel und Einrichtungsgegenstände zumeist dann an, wenn diese bei einer bevorstehenden Hochzeit als Aussteuer benötigt wurden. Der älteste ununterbrochen bestehende handwerkliche Gewerbebetrieb in Bermuthshain war die Schreinerei Blum (Hausname "Blumme"). Ihr Ursprung lässt sich auf das Jahr 1810 datieren, als der aus dem kurz zuvor hessisch gewordenen Nieder-Moos gebürtigen Schreinermeister Johannes Blum im "Elsemichels" Haus (später "Scheffersch") Bermuthshain einheiratete. Im Jahr 1853 baute dann sein jüngerer Sohn Peter Blum I. ein einstöckiges Wohnhaus am westlichen Ortsrand von Bermuthshain, das um 1875 durch Scheune und Stall, sowie eine Schreinerwerkstatt, erweitert wurde. Dessen Sohn Sebastian Blum übernahm 1880 die Schreinerei und betrieb ab 1881 einen Holzwarenhandel mit Gerätschaften zum häuslichen und landwirtschaftlichen Gebrauch. Bei der Übernahme durch den Sohn Peter Blum II. 1921 wurde neben der Schreinerei noch eine Glaserei und Anstreicherei angemeldet. Peter Blum II. betätigte sich außerdem noch als Sargschreiner. Der Betrieb bestand noch bis in die 1970er Jahre. Zwischen 1897 und 1936 existierte auch im "Wernnerts" Haus eine Schreinerei des aus Radmühl gebürtigen Andreas Spahn neben der Wagnerei seines Schwagers Johannes Eschenröder. Die größte und bedeutendste Schreinerei in Bermuthshain war die Schreinerei und Möbelhandlung Komp. Dieser Betrieb wurde 1901 von dem Ortsbürger Andreas Komp gegründet. 1907 erbaute er ein zunächst einstöckiges Wohnhaus am Ortsausgang nach Lichenroth als erstes dort neu errichtetes Gebäude. Bereits 1910 wurde das Gebäude aufgestockt, zu dem außerdem noch eine Werkstatt gehörte. 1908 trat eine Möbelhandlung zu dem Schreinereibetrieb hinzu. Immer waren auch mehrere Gesellen in dem Betrieb beschäftigt, von denen der aus dem benachbarten Ober-Moos stammende Heinrich Greb 1932 als Schwiegersohn des Andreas Komp die Schreinerei übernahm. Andreas Komp beteiligte sich als einziger ortsansässiger Gewerbetreibender neben Friedrich Jost auch an der großen Gewerbeausstellung in Crainfeld am 19.3.1925, die anlässlich des 25jährigen Jubiläums des dortigen Gewerbevereins für Crainfeld und Umgegend veranstaltet wurde. Er stellte im Saal der Crainfelder Gastwirtschaft „Hessischer Hof“ ein vollständiges Schlafzimmer mit je zwei Kleiderschränken, Nachttischen, Stühlen und Betten mit Matratze aus. Kurz nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen wurde sein Schwiegersohn Heinrich Greb von einem US-Soldaten vor dem "Kompe" Haus erschossen. Im Jahr 1954 kam das Anwesen daher an den Sohn des Andreas Komp, Heinrich Komp in Fellbach bei Stuttgart. Dieser hatte einst die Schreinerei aus gesundheitlichen Gründen nicht übernehmen können. Das Unternehmen wurde in die heute noch bestehende Möbelhandlung "Möbel Komp" umgewandelt. |
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Werbeanzeige von Friedrich Jost ("Stockjes") aus dem Jahr 1909. |
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Schneeschuhe und Holzspielzeug aus Bermuthshain Von den vielen Bermuthshainer Gewerbetreibenden und Handwerkern erlangten die Familien Jost und Luft ("Stockjes" und "Wänersch") einen weit über ihr kleines Heimatdorf hinausgehenden Bekanntheitsgrad durch ihre Herstellung von Skiern („Schneeschuhe“) und Holzspielzeug, der bis heute nachwirkt. Die Spielzeugherstellung in Bermuthshain ging ideell auf die Initiative des bekannten hessischen Kunstschnitzers Daniel Greiner (1872-1943) zurück, der von Großherzog Ernst Ludwig an die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt berufen worden war. Seine Idee war es, die wirtschaftliche Lage im Notstandsgebiet des hohen Vogelsberges mit der Herstellung besonders hochwertiger Produkte durch einheimische Holzdreher systematisch zu verbessern. Greiner fand einen Bundesgenossen in dem Bermuthshainer Holzdreher Friedrich Jost, der 1902 zum Bürgermeister des Ortes gewählt worden war und sich stets für sein Dorf und seine Heimatregion einsetzte, insbesondere, als er 1921 zum Abgeordneten für den Hessischen Landbund im hessischen Landtag gewählt wurde. Bereits vor seinen Kontakten mit Greiner hob sich Friedrich Jost von den meisten anderen Holzdrehern im hohen Vogelsberg ab, als er 1886 als erster in der Region Skier, die damals noch als "Schneeschuhe" bezeichnet wurden, baute. Friedrich Jost war hierzu von dem Bermuthshainer Revierförster Wilhelm Dillemuth angeregt worden. Es ist mündlich überliefert, dass Friedrich Jost ursprünglich bei seinem Großvater Johannes Kimpel in "Kannjerche" das Schmiedehandwerk erlernte, sich nach einer Krankheit jedoch für den Beruf des Holzdrehers entschied, den er dann ab 1883 ausübte. Wie später noch sein Schwiegersohn Heinrich Luft III., stellte er Spinnräder her, darunter auch kunstvoll verzierte Brautspinnräder. Friedrich Jost war daneben noch für andere Kunstschnitzarbeiten bekannt, wie verzierte Rechen und Holzjoche. Er brachte seine Waren zunächst zu Fuß auf Märkte und Messen bis ins 24 km entfernte Wächtersbach, bevor ein Lohnfuhrmann diese Transporte übernahm. Den entscheidenden Entwicklungsschritt im Hinblick auf die Zukunft seines Betriebes tat Friedrich Jost dann 1887 mit der Aufnahme der Fertigung von Skiern, die zu dieser Zeit im Vogelsberg noch völlig unbekannt waren. Angeregt durch einen Bericht in einer norwegischen Zeitung gab der Förster Wilhelm Dillemuth bei Friedrich Jost den Bau eines Paares von Schneeschuhen in Auftrag. Da Friedrich Jost noch nie Skier gesehen hatte und auch keine Ahnung, wie man solche baute, musste die Abbildung in einer Zeitschrift als Wissensgrundlage genügen. Er machte sich daran, aus Fichtenholz mit angebogener Wurzel die Hölzer zu bauen. So, wie die Wurzel auslief, mußte auch die Skispitze auslaufen. Das Holz wurde vor der Faust ausgeschnitten, aus alten Schuhen wurden die Bindungen gemacht. Mit diesen Skiern absolvierte Wilhelm Dillemuth dann im Winter 1886/87 die erste Skiabfahrt im hohen Vogelsberg von der Herchenhainer Höhe aus. Es ist überliefert, dass die Holzhauer im Oberwald zuerst glaubten, der "Leibhaftige" käme auf sie zu, als sich Förster Dillemuth, eine Schneewolke aufwirbelnd, ihnen näherte. Die Lebensdauer der Schneeschuhe aus Fichtenholz war jedoch nicht groß, nach zwei Wochen schon gingen sie zu Bruch. Bald aber kam Friedrich Jost dahinter, welches Holz für die Schneeschuhe am geeignetsten war und begann schließlich mit der "Serienproduktion". Die ersten Skier waren eine Mischung aus Abfahrts- und Tourenski, erst nach 1945 wurden auch Langlaufski gebaut. Der eigentliche Aufschwung der Schneeschuhherstellung setzte erst ein, als mit der Eröffnung der Vogelsbergbahn im Jahr 1906 der Fremdenverkehr und damit der Wintersport im oberen Vogelsberg möglich wurden. Auch die Einheimischen begannen zu dieser Zeit verstärkt, sich des neuen Fortbewegungsmittels Schneeschuh zu bedienen. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Friedrich Josts Schwiegersohn Heinrich Luft III. aus "Wänersch" den Betrieb, der dann 1932 an den Enkel Friedrich Luft überging. In dieser Zeit erhielt das Unternehmen auch den noch heute präsenten Namen "Ski Luft". In die Firma integriert war ab 1921 auch die Anfertigung und Vergoldung von Grabsteinen und Denkmälern. Friedrich Jost schuf 1919 auch das Kriegerdenkmal auf dem Friedhof Bermuthshain. Noch bis 1980 wurden von der Firma "Ski Luft" durch Friedrich Josts Urenkel Werner Luft Skier "made in Bermuthshain" selbst hergestellt. Anschließend wurde das Unternehmen in ein reines Ski- und Sportartikelgeschäft umgewandelt. Im Jahr 1908 konnte Daniel Greiner den Bermuthshainer Bürgermeister der für seine Idee der Spielzeugproduktion als neuer Heimindustrie des hohen Vogelsberges gewinnen konnte. Greiner und sein künstlerischer Mitarbeiterstab entwarfen daraufhin Modelle für die Spielwaren. Noch im Jahr 1908 ließ Friedrich Jost die von ihm hergestellten Holzeisenbahnen und -pferde auf der Landesausstellung in Darmstadt im Oberhessischen Haus ausstellen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Spielwarenherstellung von Karl Luft ("Wänersch") weitergeführt, welcher der jüngere Bruder von Heinrich Luft III., also des Schwiegersohns von Friedrich Jost, war. Durch eine Kriegsverletzung konnte Karl Luft seinen erlernten Beruf als Wagner jedoch nicht mehr ausüben. 1921 begann er deshalb mit der Anfertigung von Holzspielwaren und Schnitzereiarbeiten. Er spezialisierte sich auf Schaukelpferde, Puppenstuben und Holzeisenbahnen, die überwiegend über Spielzeugfirmen in Nürnberg in ganz Deutschland vertrieben wurden. Daneben wurden auch andere Gegenstände wie Holzteller, Holzschalen, Schmuckdosen, Lampen Aschenbecher und Zigarettenbehälter hergestellt. Auch verzierte Holzjoche wurden von Karl Luft geschnitzt und auf besonderen Wunsch von Kunden auch bemalt. In den 1930er Jahren wurden die Gegenstände bereits maschinell grob zugeschnitten und dann von Hand weiter bearbeitet, wobei Karl Luft das Rohmaterial, Kirschbaum-, Eschen- und Ulmenholz, aus heimischen Wäldern durch das Forstamt Grebenhain bezog. In den 1920er und 1930er Jahren hatte der Betrieb seine Blütezeit. Eltern, die der Walldorfschen Reformpädagogik nahe standen, bestellten die aus natürlichem Material (Holz) gemachten Spielwaren im „fernen“ Bermuthshain. Die Spielwarenherstellung durch die Dreherei Karl Luft bestand noch bis zum Jahr 1950. |
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