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Wüstungen in der Gemarkung Bermuthshain |
| Unter dem Begriff "Wüstung", der bereits in
zeitgenössischen spätmittelalterlichen Quellen Verwendung findet, versteht
man im engeren Sinn einen nicht mehr bewohnten Siedlungsplatz, im weiteren
Sinn auch noch nicht mehr bewirtschaftete landwirtschaftliche Nutzflächen.
Nach dem Grad der Verwüstung unterscheidet man partielle Wüstungen und
totale Wüstungen, nach der Art der Wüstung eine Ortswüstung oder
Flurwüstung. Die Mehrzahl der Wüstungen im Altkreis Lauterbach geht auf die spätmittelalterliche Wüstungsperiode im Zeitraum von etwa 1300 bis 1500 zurück. Um 1200 bestanden im Gebiet des Altkreises Lauterbach (ohne Schlitzerland und Ulrichstein) vermutlich 109 Dörfer und Wohnplätze, von denen 60 während des Spätmittelalters wieder eingingen. Die Hälfte aller Siedlungen im Vogelsberg ist bis Ende des 15. Jahrhunderts wieder verschwunden. Bis um 1500 war somit im wesentlichen das heutige Siedlungsgefüge im Vogelsberg entstanden. Die Ursachen für das Wüstwerden waren vielfältig. Einige Siedlungen wie Eigelshain und Hetgeshain oberhalb von Ilbeshausen wurden wegen der Erschöpfung der Eisenerzvorkommen aufgegeben, die erst zu deren Gründung geführt hatten. In anderen Fällen erwies sich die Lage eines Ortes als ungünstig (sog. "Fehlsiedlung). Bereits während des Hochmittelalters wurden verschiedene Einzelhöfe und Weiler wieder aufgegeben. Da die Rodungszeit erst kurz vorher zum Abschluss gekommen war, war die Aufgabe eines Ortes noch kein besonderes Ereignis und der Ortschaftsbestand noch kein stabiles Element wie in späteren Zeiten. Die spätmittelalterlichen Adelsfehden und Kriege zwischen den Riedeseln bzw. den Grafen von Ziegenhain und der Abtei Fulda löschten viele kleinere und entlegene Dörfer und Weiler aus, deren Bewohner sich dann in den größeren Dörfern in den Tälern ansiedelten. In vielen Fällen waren Dörfer betroffen, die genau an der Grenze der Einflussbereiche verschiedener Grundherren lagen, wie das auf der riedeselisch-isenburgischen Grenze nahe der Sangmühle zwischen Salz und Lichenroth gelegene Dorf Herchenrod. An dessen Existenz erinnert heute noch der im südöstlichen Vogelsberg verbreitete Familienname Herchenröder. Auch Seuchen dürften zur Entvölkerung der kleinen Dörfer beigetragen haben. Eine heute noch äußerst populäre und u. a. durch Heimatforscher und den Heimatkundeunterricht vergangener Zeiten verbreitete Theorie zum Wüstwerden der Dörfer ist jedoch definitiv falsch, nämlich dass die Wüstungen durch den Dreißigjährigen Krieg entstanden seien. Zwar wurden die Dörfer im Gericht Crainfeld z. B. während des Durchmarsches der braunschweigischen Truppen am 1.6.1622 geplündert und teilweise niedergebrannt, doch waren sie während des gesamten Krieges offenbar niemals vollständig verlassen. Zudem wurden die wüsten Orte im Gericht schon in Quellen des 16. Jahrhunderts als Wüstungen bezeichnet. Sie sind also nicht erst durch den Dreißigjährigen Krieg wüst geworden. |
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Lage der Wüstungen in der Umgebung von Bermuthshain. |
| In der Gemarkung Bermuthshain gibt es an den
Gemarkungsgrenzen zu Grebenhain und zu Crainfeld zwei Ortswüstungen aus dem
späten Mittelalter. Im Norden liegt die Wüstung Schershain, deren einstige
Gemarkung heute zum größten Teil zu Grebenhain und nur zu einem sehr kleinen
Teil zu Bermuthshain gehört. Der erst im 19. Jahrhundert aufgestaute
Rothenbachteich schließlich markiert den Ort der Wüstung Rodenbach. Eine
weitere potentielle Wüstung stellt möglicherweise der "Jagdhorst" dar, eine
Erhebung an der Gemarkungsgrenze zu Ober-Moos. Der Sage nach soll dort einst
eine Burg gestanden haben, von der die zahlreichen dort liegenden
Steinblöcke stammen. Es gibt jedoch keinen schriftlichen Hinweis auf eine
solche Burg. Möglicherweise handelte es sich um eine bronzezeitliche
Befestigung wie die "Burg" bei Grebenhain, sofern die Felsblöcke nicht doch
natürlichen Ursprungs sind. Auf dem Gebiet der Großgemeinde Grebenhain und ihrer Umgebung gibt es außerdem noch weitere wüste Siedlungsplätze wie Hirschrod und Schafhof zwischen Crainfeld und Bannerod, Lanzenhain zwischen Crainfeld und Nieder-Moos, Kuhlhain bei Nieder-Moos, Kirch-Moos ("Mittel-Moos") zwischen Ober-Moos und Nieder-Moos, die wüste Burg Naxburg südlich von Ober-Moos, Altenlibolts zwischen Zahmen und Blankenau und die Wüstungen Eigelshain, Hetgeshain, Arnsburg, Ditzels, Weitzels und Schafhof (Olberts) bei Ilbeshausen. Diese Wüstungen offenbaren sich eigentlich nur dem aufmerksamen Beobachter bei Feldbegehungen durch meist unscheinbare Merkmale wie z. B. Tonscherben in Maulwurfshaufen, die von der ehemaligen menschlichen Besiedlung herrühren. Viele sichtbare Hinweise im Gelände wie z. B. Hauspodien und Erhebungen sind den Feldbereinigungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen. Genaue wissenschaftliche Untersuchungen oder gar Ausgrabungen der Wüstungen im hohen Vogelsberg sind übrigens bis heute nicht vorgenommen werden. Auch Bermuthshain selbst stellt in gewissem Sinn eine partielle Wüstung dar, denn in der Zeit der Amerika-Auswanderung im 19. Jahrhundert sind von den 108 Wohnhäusern im Jahr 1818 bis 1900 nicht weniger als 30 Häuser abgebrochen worden. Bermuthshain erlitt jedoch nicht das Schicksal der Dörfer Wernings bei Gedern und Pferdsbach bei Büdingen, deren Bewohner in den Jahren 1842 und 1845 geschlossen in die USA auswanderten und deren Hofreiten vollständig auf Abbruch verkauft wurden. Viele der im 19. Jahrhundert entstandenen wüsten Hausplätze in Bermuthshain wurden niemals wieder bebaut und offenbaren sich dem aufmerksamen Beobachter heute noch als leichte Erhebungen im Gelände. |
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Parzellhandriss von Bermuthshain aus dem Jahr 1832. Bis um 1900 abgerissene Häuser sind rot eingekreist. |
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Die Wüstung Schershain Der Ort Schershain war vermutlich ein Rodungsvorstoß in den Oberwald nordwestlich von Bermuthshain. Er lag direkt an einer mittelalterlichen Handelsstraße und ist heute noch durch Flurnamen wie "Auf dem Schershain", "Im Distelrod", "Auf den Höferchen", "Dorfwiesen", "Im Mühlgefäll", "Hinter dem Schershain" und "Im Töpfenloch" bezeugt. Der letztere Flurname weist auf die umfangreiche Töpfertätigkeit der Bewohner von Schershain im Mittelalter hin. Während des Zweiten Weltkrieges machte der Bermuthshainer Förster Ernst Dillemuth dort einige Funde von Töpferwaren, u. a. einer aus Ton gebildeten Madonnenfigur. Noch heute findet man Tonscherben in den Maulwurfshaufen auf dem Gelände der Wüstung Schershain. Schershain wird erstmals in einer Urkunde 1399 erwähnt, in welcher Johann von Rodenstein und Lißberg das Dorf "Schershagin" mit der Gerichtsbarkeit daselbst von Landgraf Hermann I. von Hessen als Burglehen erhielt. Im Salbuch des Amts Nidda von 1556 werden zehn "uff Lispergk gehörigen" Schershainer Güter genannt, doch war der Ort zu diesem Zeitpunkt bereits eine Wüstung. Wahrscheinlich hat der Ort aus zehn Höfen bestanden. Land und Wiesen zu Schershain waren bereits 1556 im Besitz von Bermuthshainern und Grebenhainern, deren Vorfahren möglicherweise von dort gestammt hatten. Die Schershainer Flur hielt sich noch lange als Sonderteil in der Bermuthshainer und Grebenhainer Gemarkung. Sowohl in Bermuthshain als auch in Grebenhain wurde bis ins 19. Jahrhundert ein "Schershainer Haferbuch" geführt, von denen jedoch nur das Grebenhainer Exemplar erhalten geblieben ist. Die Schershainer Flur wurde nach 1900 aufgeforstet und ab 1936 zu großen Teilen in das Gelände der "Luftmunitionsanstalt Hartmannshain" ("Muna") einbezogen. Heute trägt das Ferienlager "Auf dem Schershain" noch den Namen der einstigen Siedlung. |
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Die Wüstung Rodenbach Die Rodenbach (Rothenbach) liegt etwa am Schnittpunkt der Gemarkungen Bermuthshain, Crainfeld und Ober-Moos. Sie wird erstmals im Zinsregister des Gerichts Moos von 1553 unter den Orten dieses Gerichts genannt und war zu diesem Zeitpunkt bereits wüst. Die Flur Rodenbach diente im 17. und 18. Jahrhundert als Weideland und wurde in Form der Koppelhut von den Einwohnern von Crainfeld und Bermuthshain gemeinsam genutzt. Aus den Jahren 1608 und 1620 sind Streitigkeiten zwischen beiden Gemeinden um die Koppelhut in der Rodenbach überliefert. 1780 schlug die landgräflich-hessische Landkommission die Aufteilung der Nutzungsrechte vor. Auf dem Parzellhandriss der Gemarkung Bermuthshain von 1832 ist die Rodenbach noch als Weideland verzeichnet. Wenig später wurde sie aufgeforstet und an der Stelle, wo das Dorf gelegen haben soll, der Rothenbachteich angelegt. Ein mächtiger behauener Sandstein, der im hinteren Teil des Teiches aus dem Wasser ragt, könnte noch von dem ehemaligen Siedlungsplatz stammen. |
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